Durchstarter

Dem Bauchgefühl auf die Sprünge helfen

Das Start-up Prognolite rechnet für Restaurants aus, wie viele Burger und Menüs an einem Tag verkauft werden – und wie viele Mitarbeitende man dazu einplanen muss. Das spart Geld und Lebensmittel.

Sie durchleuchten Verkaufszahlen: Datenanalyst Lukas Stolz und Gründer Roman Lickl.

Sie durchleuchten Verkaufszahlen: Datenanalyst Lukas Stolz und Gründer Roman Lickl. Bild: Marc Dahinden

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Die Idee kam ihm in der Kantine: Simon Michel ist Vegetarier, und schon wieder war das Vegi-Menü ausverkauft. «Das müsste man doch vorausplanen können», dachte sich der studierte Wirtschaftswissenschafter. Denn bei seiner damaligen Arbeit, als Einkäufer einer Energiefirma, arbeitete er täglich mit einer Software, die Prognosen für den Strombedarf berechnet. Mit seinem Unihockey-Kumpel Roman Lickel, der damals für eine Webagentur Software entwickelte, gründete Michel 2016 im Alter von 25 Jahren Prognolite. Das Produkt: eine Software, die Restaurants voraussagt, wie viele Menüs sie an einem bestimmten Tag verkaufen werden.

Über 95 Prozent treffsicher

Aber kann das ein guter Wirt nicht ohnehin einschätzen? «Unsere grösste Konkurrenz ist das Bauchgefühl der Gastronomen», sagt Roman Lickel und lacht. «Darum konzentrieren wir uns auf Restaurantketten.» In den Ketten wechseln die Geschäftsführer meist innert weniger Jahre – und nehmen ihr Wissen mit. Ausserdem ist in Kettenrestaurants das Sortiment über die Jahre sehr stabil, das macht die Prognosen besser. Über 95 Prozent liegt die Genauigkeit beim Umsatz, sagt Lickel. «Und wenn Bauchgefühl und Prognose zusammenspielen, kommen die besten Ergebnisse heraus.»

Die Filialleiterin oder der Filialleiter sieht auf ihrem Computer oder Handy einen übersichtlichen Kalender. Die erwarteten Umsätze sind für jeden Tag stundengenau aufgeführt, und für jede Schicht gibt es eine Empfehlung, wie viele Mitarbeitende einzuplanen sind. Zudem sind Wetterdaten, Schulferien, Feiertage und spezielle Events sichtbar. «Die wichtigste Grundlage sind die Verkäufe der Vergangenheit», sagt Lickel. Die Zahlen der letzten Jahre werden aus dem Kassensystem ausgelesen. Damit wird ein Computeralgorithmus «trainiert»: Er lernt, in der Datenmenge Muster und Regelmässigkeiten zu finden, erstellt eine Prognose und vergleicht sie mit den realen Zahlen. Immer wieder. Hunderttausende Male – und wird immer treffsicherer.

Ein Dozent öffnet Türen

Machine Learning, maschinelles Lernen, heisst dieser Vorgang, es ist einer der Megatrends der Gegenwart. Es gibt diverse Verfahren und Programme. Lickel und Michel mussten also das Rad nicht neu erfinden. Etwas Forschung war allerdings doch nötig, um das Prinzip auf ihre Fragestellung zu optimieren. Die zwei ZHAW-Absolventen gingen darum 2016 noch einmal an ihre Hochschule zurück und nahmen Kurse. Sie hatten Glück – ihr Dozent für Datenanalyse war von der Idee begeistert, denn er hätte nach seiner Pensionierung als Hobbyprojekt etwas ganz Ähnliches bauen wollen, für sein Lieblingsrestaurant. Er half den jungen Gründern, Fördergelder für ein Forschungsprojekt aufzutreiben. Der Bundesfonds Innosuisse finanziert dafür seit 2017 eine Forscherstelle an der ZHAW. Im «Runway» der ZHAW können die Jungunternehmer ausserdem günstig Arbeitsplätze mieten, für 200 Franken im Monat.

Wichtige Finanzspritzen kamen in der Anfangszeit von der Klimastiftung, die 150000 Franken gab, weil das Produkt Lebensmittelverschwendung reduziert. Weitere 50000 Franken gabs diesen Frühling vom Klimafonds von Stadtwerk Winterthur. Verträge mit mehreren privaten Investoren stünden kurz vor der Unterzeichnung, sagt Lickel. Diese handeln nicht mehr aus Idealismus. Sie kaufen Anteile, weil sie glauben, dass Prognolite durchstarten wird.

Ziel: In 10 Minuten bereit

Zehn zahlende Kunden hat der 4-Mann-Betrieb heute, in den nächsten zwei Monaten kommen neun dazu. «Ab 60 Kunden sind unsere Löhne voll abgedeckt, ab 100 bis 200 wird es interessant», sagt Lickel. Aber eigentlich denkt er viel grösser: Schon in den nächsten Jahren will Prognolite nach Deutschland und Österreich expandieren. «Das Produkt funktioniert. Jetzt müssen wir die Einrichtung noch vereinfachen.» Heute dauert die Installation pro Filiale noch ein bis zwei Tage. In Zukunft soll der Kunde es selbst einrichten können – innerhalb von 10 Minuten.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.05.2019, 11:34 Uhr

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