Interview

«Der 13. Monatslohn ist nicht für die Steuern da»

Sandra Escher Clauss versucht, Menschen vor der Verschuldung zu bewahren. Die Beraterin über Fallen, Fehler und Notbudgets.

«Hände weg von Krediten!», rät die Finanzberaterin Sandra Escher Clauss.

«Hände weg von Krediten!», rät die Finanzberaterin Sandra Escher Clauss. Bild: Unsplash

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Frau Escher, ist der Januar finanziell wirklich so schlimm für viele?
Sandra Escher Clauss: Das kann ich nicht bestätigen, ein «Januar-Loch» sehe ich bei Budgetberatungen eigentlich nie.

Aber es würde doch Sinn machen: Teure Festtage und Geschenke, der 13. Monatslohn auch schon wieder weg...
Im «Beratungspunkt» in der Altstadt führen wir jährlich rund 85 Budgetberatungen durch pro Jahr, Anstiege verzeichnen wir wenn überhaupt im Herbst und Frühling. Grundsätzlich basieren Probleme mit dem eigenen Budget meistens auf Planungsfehlern, die sich über das ganze Jahr erstrecken.

Was sind denn die häufigsten Fehler?
Es gibt ein paar Grundsätze, die man einhalten sollte, zum Beispiel: Der 13. Monatslohn sollte für Rückstellungen, Ferien oder Unvorhergesehenes genutzt werden, er ist nicht für die Steuern da, das ist eine weitverbreitete Irrmeinung.

Viele fragen sich nach dieser Antwort nun wohl: Womit soll ich die Steuern sonst zahlen?
Die Steuern sollten monatlich bezahlt werden, in klar berechneten Raten. Und wer ein gesundes Budget will, sollte diesen Grundsatz auch in anderen Bereichen anwenden: Zuerst braucht es dazu eine ehrliche Berechnung der durchschnittlichen Ausgaben, und danach genügend Disziplin.

Welche Budgetposten machen denn neben den Steuern am meisten Sorgen?
Heute sind das vor allem die Krankenkassen-Prämien. Gerade für Familien sind die Beträge teilweise sehr hoch. Und nicht alle erhalten die kantonale Prämienverbilligung. In diesen Fällen gilt es noch strenger zu budgetieren als üblich. Allgemein werden Gesundheitskosten immer unterschätzt. Wenn möglich sollte ein Haushalt einige tausend Franken auf der Seite haben für Unvorhergesehenes, vielleicht wird eine Brille nötig oder ein teurer Zahnarztbesuch.

Sandra Escher Clauss ist Budgetberaterin beim Beratungspunkt Winterthur und Inhaberin der Xandracom GmbH

Und was raten Sie Mietern? Gilt die Faustregel, dass die Miete einen Drittel des Nettoeinkommens nicht übersteigen sollte?
Eigentlich schon, bei tiefen Einkommen ist ein Drittel wohl wirklich das Maximum. Wir sehen allerdings in der Realität, dass diese Regel in der Stadt Winterthur nicht immer einzuhalten ist. Familien sind manchmal auf teurere Wohnungen angewiesen.

Wie viel Geld sollte man denn allgemein zurücklegen können?
Das hängt vom individuellen Sicherheitsbedürfnis ab. Für einige reichen 10 000 bis 20 000 Franken auf dem Sparkonto, andere benötigen deutlich mehr, um ruhig schlafen zu können. Und natürlich hängt es auch von den geplanten Anschaffungen ab oder von der Familiensituation.

Wo liegen sonst noch Budgetfallen im Alltag?
Wenn jemand zu uns in die Beratung kommt, schauen wir auch das Einkaufsverhalten an. Schaut man genug auf Aktionen? Kauft man genug strategisch ein? Lässt man sich zu sehr von Impulsen leiten? Viele Leute haben kaum einen Überblick, wie viel sie monatlich für Einkäufe ausgeben. Sie gehen spontan in den Laden, auch mal nur für Fleisch und Milch. Doch erfahrungsgemäss sinken die Kosten deutlich, wenn man geplante Wocheneinkäufe durchführt.

Welche Fälle erleben Sie bei der Arbeit, in welchem Stadium der Not melden sich die Menschen?
Sie kommen meist zu uns, wenn es erst kurz vor Zwölf ist. Aber wir arbeiten ja auch ausdrücklich präventiv, man muss nicht in einer Notlage sein, um sich von uns beraten zu lassen.

Was tun Sie, wenn die Betroffenen bereits Schulden angehäuft haben?
Handelt es sich um wenige tausend Franken, erarbeiten wir zusammen ein Notbudget. Zudem schauen wir mit den Ratsuchenden an, ob gewisse Schulden auch in kleineren Beträgen über einen längeren Zeitraum abbezahlt werden können. Sind die Schulden aber im Verhältnis zum Einkommen zu hoch oder hat der Ratsuchende nicht die nötige Kraft für die vorgeschlagene Umsetzung, verweisen wir auf die professionelle Schuldenberatung des Kantons.

Was halten Sie allgemein von Krediten, wie sie gerade jetzt aggressiv beworben werden?
Da gibt es nur eines zu sagen: Hände weg! Keine Kredite, kein Leasing. Das bläuen wir auch den Schülern ein, die wir für Infostunden besuchen. Kredite, und nur schon ein Überzug bei der Kreditkarte sind absolut nicht nachhaltig und können in eine finanzielle Abwärtsspirale führen. Es sollte stets gelten: Wir lenken das Geld, und nicht das Geld uns.

Erstellt: 11.01.2019, 11:51 Uhr

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