Winterthur

Der Brückenbauer und seine Kontakte zu Muslimbrüdern

Khaldoun Dia-Eddine gilt als Brückenbauer zur arabischen Welt. Dass zu seinem grossen Netzwerk bis heute auch Exponenten der Muslimbruderschaft zählen, sieht er als problemlos.

Khaldoun Dia-Eddine an einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung des Islam-Museums.

Khaldoun Dia-Eddine an einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung des Islam-Museums. Bild: Keystone

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Vor bald vier Jahrzehnten reiste der in Syrien geborene Khaldoun Dia-Eddine in die Schweiz. Als Sohn eines Syrers und einer Schweizerin verschob er seinen Lebensmittelpunkt in die zweite Heimat, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Das ist ihm gelungen. Heute leitet er nicht nur das Zentrum für «Middle East and Africa Business» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), sondern hat auch andere Positionen inne, in denen er Einfluss auf das Leben der Muslime in der Schweiz und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hat.

Viele davon sind bekannt: Dia-Eddine ist wissenschaftlicher Direktor des Islam-Museums in La-Chaux-de-Fonds, er sitzt im Beirat des Islam-Zentrums der Universität Freiburg und ist Vizepräsident der FIDS, der Föderation islamischer Dachverbände der Schweiz. Zudem ist er immer wieder Ansprechpartner der Schweizer Behörden. Der Bund lud ihn 2010 zusammen mit 18 weiteren Persönlichkeiten aus der muslimischen Gemeinschaft zu einem «Muslim-Dialog» ein. 2016 gab er knapp 100 Polizisten in Lugano ein Seminar, um ihnen einen pragmatischen Umgang mit dem Tessiner Verschleierungsverbot beizubringen.

Weniger bekannt sind seine Kontakte zu Exponenten der Muslimbruderschaft. Zwischen 1992 und 2002 sass Dia-Eddine im Vorstand des Vereins Comunità Islamica nel Cantone Ticino. Dessen damaligem Präsidenten Ahmed Idris Nasreddin wird nachgesagt, er sei ein Muslimbruder; beim früheren Vize und heutigem Präsidenten Ali Ghaleb Himmat ist es eindeutig: 2008 wurde er in einem politisch inspirierten Prozess von einem ägyptischen Militärgericht wegen seiner Führungsrolle in der islamistischen Organisation verurteilt.

Moschee mit Hilfe von Muslimbrüdern finanziert

Auf Nachfrage des «Landboten» wollte Dia-Eddine persönlich dazu Stellung nehmen und nahm sich über eine Stunde Zeit für ein Gespräch auf der Redaktion. Er habe weder organisatorisch noch ideologisch eine Verbindung mit der Muslimbruderschaft, sagt er. «Wenn ich mit diesen Leuten zusammenkomme, dann für einen bestimmten Zweck.» Bei der Comunità Islamica nel Cantone Ticino sei es um die Finanzierung der ersten Moschee in Lugano gegangen.

Er habe gewusst, für was Nasreddin und Himmat stehen — gestört habe es ihn damals nicht. Hier drängt sich die Frage auf, ob die Islamisten über das Gotteshaus in Lugano Einfluss auf die Schweizer Muslime ausüben. «Ich sah damals die Muslimbruderschaft nicht als beeinflussendes Element in der Moschee», sagt er. «Solange das so bleibt, habe ich kein Problem damit.»

Die Errichtung einer Moschee sei keine einfache Aufgabe, gibt er zu bedenken. Er wünsche sich keine Hinterhofmoscheen, sondern sichtbare und offene Gotteshäuser. Doch diese müssten irgendwie finanziert werden — was ohne staatliche Anerkennung von muslimischen Gemeinschaften und den davon abhängigen Steuereinnahmen schwierig sei.

Vom ultimativen Ziel aller Islamisten — dem Gottesstaat — distanziere er sich deutlich, sagt Dia-Eddine. «Ich lehne alles ab, was dogmatisch ist.» Das sage er auch seinen Studenten, wenn er über die islamische Geschichte spreche. Er setze sich zudem in zahlreichen Organisationen für den Religionsfrieden ein. Unter anderem habe er bei der Gründung des Rats der Religionen mitgewirkt, eine Dialogplattform, in der leitende Persönlichkeiten von christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinschaften vertreten sind. Dia-Eddine unterhält zudem zahlreiche Kontakte zu arabischen Geschäftsleuten, etwa via des von ihm mitgegründeten Swiss Arab Network, mit dem die Businessbeziehungen zur Schweiz gefördert werden sollen. Aufgrund seiner zahlreichen Engagements wurde er im aktuellen Winterthurer Jahrbuch als «Brückenbauer zwischen Ost und West» porträtiert.

Engagement für kritisierte Hilfsorganisationen

Das Engagement für die Moschee in Lugano war nicht das einzige Mal, bei dem sein Name im Umfeld der Muslimbruderschaft auftauchte. 1989 trat er in den Vorstand der Hilfsorganisation Mercy International ein. Verschiedene Beobachter werfen diesem Verein vor, die Hamas — ein Ableger der Muslimbruderschaft — finanziell zu unterstützen. Gemäss Eintrag im Handelsregister war Dia-Eddine bis 2002 Vorstandsmitglied.

«Das stimmt nur auf dem Papier», sagt er. «Ich habe mich schon Mitte der 90er-Jahre zurückgezogen, weil ich nicht wusste, was in der Organisation lief.» Im Handelsregister sei dieser Schritt aber erst viel später abgebildet worden. «Ich bin bei keiner einzigen Vorstandssitzung dabei gewesen.» Mit der Aufsicht und der Verwaltung sei eine Schweizer Kanzlei beauftragt gewesen. «Ich habe weder Dokumente erstellt noch Projekte umgesetzt.» Deshalb könne er den Vorwurf der Hamas-Finanzierung weder bestätigen noch dementieren.

Dia-Eddines Kontakte zur Muslimbruderschaft manifestieren sich auch in seinem zweiten Engagement für eine Hilfsorganisation. Zwischen 2001 und 2010 war er als Direktor der Genfer Filiale der International Islamic Charitable Organization im Handelsregister (IICO) eingetragen. Im Vorstand der Organisation mit Hauptsitz in Kuweit waren auch der in Ägypten als Muslimbruder verurteilte Himmat sowie Yusuf al-Qaradawi vertreten, der als Vordenker der Muslimbruderschaft gilt. Auch die IICO soll laut Washington Institute, einer US-amerikanischen Denkfabrik für Nahost-Politik, die Hamas finanziell unterstützt haben.

«In der Genfer Filiale kam es zu keinem einzigen Geldfluss. Weder an die Hamas noch an sonst irgendjemanden», sagt Dia-Eddine. Als Direktor sollte er die IICO bei der UNO registrieren, und später aus Genf Hilfsprojekte in Zusammenarbeit mit Organisationen wie dem Roten Kreuz oder Terres des Hommes koordinieren. Der Registrierungsprozess habe unglaublich lange gedauert und es sei gar nie zu einer Aktivität der Filiale gekommen. Deshalb habe er sich zurückgezogen.

Kontakt zu mutmasslichen Muslimbrüdern bis heute

Beim 2016 eröffneten Islam-Museum in La-Chaux-de-Fonds zeigte Dia-Eddines Engagement als wissenschaftlicher Direktor konkrete Früchte. Für den Inhalt sei ein Dreierteam zuständig gewesen, bestehend aus ihm als praktizierendem Muslim, einem praktizierenden Christen und einem Agnostiker. Um die Finanzierung habe sich die Direktorin Nadia Karmous gekümmert. Deren Ehemann Mohamed Karmous wird laut verschiedenen Medienberichten der Muslimbruderschaft zugerechnet. Und Dia-Eddine kennt Karmous nicht nur via Islam-Museum: Seit 2013 sitzt er zusammen mit ihm im Vorstand der Stiftung Fondation d’oeuvres à rayonemment socioculturelles (FORS).

Haben die zahlreichen Kontakte von Dia-Eddine zu Exponenten der Muslimbruderschaft Einfluss auf seine Aktivitäten? Bei der ZHAW heisst es, er sei ein geschätzter und engagierter Dozent. «Er erhält seit Jahren ausgezeichnete fachliche Beurteilungen sowie sehr positive Rückmeldungen von seinen Studierenden», sagt Kommunikationschefin Andrea Hopmann. Dia-Eddine selbst empfindet diese Frage als «beleidigend», wie er sagt. «Schauen Sie das Resultat an, zum Beispiel im Museum. Das zeigt ein völlig anderes Bild.» Tatsächlich gelang es bisher auch den schärfsten Kritikern nicht, aufzuzeigen, dass die Ausstellung einen politischen Islam legitimieren könnte. (Landbote)

Erstellt: 19.01.2018, 19:20 Uhr

Muslimbruderschaft und Hamas

Zwischen Wohltätigkeit und Gewalt

Die Muslimbruderschaft gilt als eine der weltweit einflussreichsten islamistischen Bewegungen. Ihre Ableger in arabischen Ländern sind teils an der Regierung beteiligt. Die Hamas, eine Abspaltung der Bruderschaft in Palästina, regiert seit 2007 de-facto den Gazastreifen. Wegen zahlreicher Attentate wird sie von einigen Staaten als terroristisch eingestuft; die Schweiz unterhält weiter Kontakte zu ihren Vertretern.
Gegründet wurde die Muslimbruderschaft 1928 in Ägypten, Ziel war die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und die Unterstützung wohltätiger Aktionen. Die Organisation baute einen Staat im Staate auf, mit eigenen Fabriken, Schulen und Krankenhäusern. In den 50er-Jahren kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der sozialistischen Regierung, die Muslimbruderschaft wurde verboten. Es folgte eine Radikalisierung, die dazu führte, dass die ägyptische Regierung nicht mehr zwischen gemässigten Muslimbrüdern und gewalttätigen Gruppen unterschied.
Nach der Revolution in Ägypten 2011 gewann der Muslimbruder Mohammed Mursi die Präsidentschaftswahlen, nach einem Jahr wurde er jedoch durch einen Militärputsch abgesetzt. Seither werden Muslimbrüder in Ägypten erneut verfolgt.

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