Illnau-Effretikon

Der ehemalige Stapi ist zurückgekehrt

Rodolfo Keller, einst Stadtpräsident von Illnau-Effretikon und Gemeindepräsident von Arvigo, ist zurück im Zürcher Oberland. Er erzählt, weshalb es für die Berggemeinde düster aussieht.

Rodolfo Keller vor dem Bahnhofgebäude in Effretikon. Er lebt heute mit seiner Frau in Wetzikon.

Rodolfo Keller vor dem Bahnhofgebäude in Effretikon. Er lebt heute mit seiner Frau in Wetzikon. Bild: Marc Dahinden

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Herr Keller, nach Jahren der Einsamkeit in einem abgelegenen Bergdorf müssen Sie hier geradezu unter Schock stehen?
Rodolfo Keller: Ich war zwar in den letzten Jahren regelmässig in Zürich, doch als ich wieder einmal in der grossen Halle im Zürcher Hauptbahnhof stand und all die Leuchtreklamen sah, habe ich mich gefragt, wie das die Leute nur aushalten? Eine solche optische Lichtverschmutzung gibt es im Calancatal nicht.

Sie waren Stadtpräsident von Illnau-Effretikon, sind 2003 nach Landarenca gezogen, wurden Gemeindepräsident und sind nun zurückgekehrt. Weshalb?
Es gibt mehrere Gründe. Aber der Hauptgrund ist sicher, dass das Leben in Landarenca nicht altersgerecht ist. Überall sind Stufen, selbst in meinem Haus, in dem ich gewohnt habe. Hinzu kommt, dass ich mir vor drei Jahren bei einem Unfall das Bein gebrochen habe. Und auch meine Kinder haben Druck gemacht. Für sie war der Gedanke schlimm, dass ich dort in ein Pflegeheim müsste, weit weg von ihnen.

Heute leben Sie in einer Wohnung in Wetzikon. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, in solch dicht besiedeltes Gebiet zurückzukehren, vor dem Sie einst geflüchtet sind?
Es war schon nicht ganz leicht. Andererseits habe ich nach 46 Jahren in der Politik nun endgültig einen Schlussstrich gezogen und bereits einen gewissen Abstand gewonnen. Erleichtert hat es mir auch die Tatsache, dass meine zweite Frau und ihre drei Töchter hier leben.

Was war der Grund, dass Sie damals gegangen sind?
Ich bin geflüchtet. Einerseits, weil ich nicht mehr mit ansehen wollte, wie Dinge, die mir am Herzen gelegen haben, teilweise nicht mehr gepflegt wurden. Und als Ehemaliger darf man sich ja nicht mehr in die Politik einmischen.

Haben Sie ein Beispiel?
Das Hochwasser-Rückhaltebecken bei der Moosburg. Statt den Bach zu vergrössern, um die Abflusskapazität zu verbessern, haben wir ein Becken gebaut. Es gab dort auch einen Zugang für die Einwohner mit einem Mini-Strand. Der ist mit der Zeit zugewachsen. Die Stadt hat ihn nicht mehr gleich betreut.

Und was war der zweite Grund für Ihren Wegzug?
Ein beruflicher. Ich habe damals eine Immobiliengesellschaft geleitet. Nach der Immobilienkrise sollte ich eine Gesellschaft sanieren und hatte viel mit Banken zu tun. Da hatte ich plötzlich die Nase voll von der Finanzwelt.

«Wenn es unverändert so weiter geht, könnte das Szenario der alpinen Brache eintreten.»Rodolfo Keller, ehemaliger Stadtpräsident von Illnau-Effretikon

Und weshalb ausgerechnet Arvigo-Landarenca, eine der ärmsten Gemeinden der Schweiz?
Ich hatte bereits Kontakte zur Gemeinde, auch dank der Partnerschaft mit Illnau-Effretikon, die ich 1972 an der Gemeindeversammlung durchbrachte. Der Zufall wollte es, dass grad ein Haus zum Verkauf stand. Mein Plan war, auszusteigen und in Landarenca ein Restaurant zu führen.

Ohne Erfahrung in der Gastronomie?
Ja. Das Angebot war beschränkt, ich habe kalte Teller serviert oder einfache Menus gekocht. Letztlich geht es darum, den Gast davon zu überzeugen, dass er gerade wegen dieser einen lokalen Spezialität, die es im Angebot gibt, ins 15-Seelen-Dorf gekommen ist.

2008 sind Sie wieder in die Politik hineingerutscht und wurden als Gemeindepräsident gewählt. Sie wollten gegen die Entvölkerung des Tals kämpfen. Wie erfolgreich waren Sie?
Wenn man die Zukunft des Tals sichern will, sodass es nicht zu einer alpinen Brache verkommt, muss man Geld investieren. Es braucht eine gute Infrastruktur und Einrichtungen für Familien wie zum Beispiel Krippen. Doch Bund und Kanton zahlen zu wenig und handeln zu wenig zielorientiert.

Inwiefern?
Es wird immer betont, dass Arbeitsplätze und der Tourismus wichtig seien. Dabei geht die Gesamtsituation vergessen. Es ist klar, dass die Jungen in den grösseren Städten wie Bellinzona oder Lugano Arbeit suchen und auch finden. Damit sie sich dafür entscheiden, im Tal zu wohnen, muss der Wohnort attraktiv sein.

Dann würden sie womöglich auch pendeln.
Genau. Die Gemeinde erhält zwar Finanzausgleich. Es ist aber zu wenig, um als Ort auf die Länge attraktiv zu sein.

Und eine Städtepartnerschaft wie diejenige mit Illnau-Effretikon ist nur ein Tropfen auf dem heissen Stein?
Sie ist wichtig, denn sie ermöglicht es, kreative Projekte zu realisieren. Wir haben zum Beispiel ein 100 Jahre altes Gebäude sanieren können, in dem es nun wieder einen Laden, eine Beiz und Alterswohnungen für die Talbewohner gibt.

Hat das Tal eine Zukunft?
Wenn es unverändert so weiter geht, dann könnte das Szenario der alpinen Brache eintreten.

Wenn Sie zurückblicken, würden Sie wieder dahin ziehen?
Ja. Ich habe dank dem Restaurant sehr viele spannende Gespräche geführt und dank dem politischen Engagement wertvolle Kontakte geknüpft. Nicht ganz einfach auszuhalten war die Einsamkeit. Sie kann auch belastend sein.

Wie haben Sie es geschafft?
Die modernen Kommunikationsmittel ermöglichen es heute, einfach mit jemandem in Kontakt zu treten. Und ich hätte meine Zelte dort jederzeit abbrechen können. Das hat geholfen.

Und was haben Sie nun vor?
Gar nichts zu tun, wäre fürchterlich. Irgend ein Projekt wird es sicher geben. Im Moment gehe ich täglich in die Gemeindebibliothek, lese Zeitungen und leihe Bücher aus.

Erstellt: 11.01.2019, 16:15 Uhr

Zur Person

Rodolfo Keller ist 78, gelernter Computer-Systemingenieur und in Bellinzona geboren. 1968 zog er nach Effretikon, wehrte sich gegen überrissenes Siedlungswachstum und wurde1974 mit 34 für die SP jüngster Stadtpräsident der Schweiz. Er übte dieses Amt 24 Jahre lang aus. 1972 brachte er an der Gemeindeversammlung einen Vorschlag mit grosser Mehrheit durch: Ein Steuerprozent der Gemeinde sollte in die Entwicklungshilfe gehen, die eine Hälfte ins Ausland, die andere zugunsten eines Projekts in der Schweiz. Sie kam Landarenca zugute, der damals ärmsten Schweizer Gemeinde, die noch keine Dorfpatenschaft hatte.
2003 zog Keller nach Landarenca, eröffnete 2004 ein Restaurant und wurde 2008 Gemeindepräsident. Er trennte sich von seiner ersten Frau, mit der er zwei Kinder hat, und lernte seine zweite Frau, eine Berggängerin, im Restaurant kennen, wo er wirtete. Er lebt heute in Wetzikon.

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