Flaach

Der erste Zürcher Lachs ist noch kein Brummer

Der Lachs ist in der Region seit über hundert Jahren ausgestorben. Deshalb hat der Kanton im Frühling tausende Junglachse im Flaacherbach ausgesetzt. Nun kontrollierten die Fischereiaufseher, wie viele davon noch übrig und wie sie gewachsen sind.

Patient Nummer eins: Fischereiaufseher Eduard Oswald entnimmt eine DNA-Probe.

Patient Nummer eins: Fischereiaufseher Eduard Oswald entnimmt eine DNA-Probe. Bild: Marc Dahinden

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Langsam von links nach rechts und wieder zurück: Wie einen Metalldetektor führt Marc Huber einen unter Strom stehenden Ring an einem Stab durchs Wasser des Flaacherbachs. Auf seinem Rücken rattert ein benzinbetriebener Generator, der den Strom für sein Fischfanggerät produziert. Die Gummihose, in der er durchs schienbeinhohe Wasser watet, schützt Huber vor Stromschlägen.

Ungeschützt sind hingegen die Lebewesen im Bach: Die Elektrizität löst bei den Fischen eine sogenannt anodische Reaktion aus. Das heisst: Die Seitenmuskeln der Fische verspannen sich so, dass der Fisch nur noch in Richtung des elektrischen Fanggeräts schwimmt.

«Es ist ein bisschen, wie wenn man einen elektrischen Zaun anfasst und die Hand vor lauter Verkrampfung nicht mehr lösen kann», erklärt Huber, der einer von drei nebenamtlichen Fischereiaufsehern im Aufsichtskreis I ist.

Sein Kollege Diego Meier kann die Fische mit seinem Netz problemlos einfangen. Immer wieder kontrolliert er den Fang. Alles forellenähnliche kippt er in einen der weissen Eimer, die seine Kollegin Karin Vinzens-Burkhard hinter ihm bereithält.

Zwei Populationen

Die drei nebenamtlichen Fischereiaufseher sind an diesem Freitagmorgen auf der Suche nach Junglachsen. Der forellenähnliche Fisch ist seit über hundert Jahren nicht mehr im Kanton Zürich heimisch, eine Wiederansiedlung im Rhein und dessen Einzugsgebiet ist aber ein mittel- bis längerfristiges Ziel (siehe Box).

Im Frühling hatte der Kanton hier im Flaacherbach 1500 sogenannte Brütlinge und 1800 angefütterte Vorsömmerlinge ausgesetzt. Die Brütlinge ernährten sich im Flaacherbach von wirbellosen Tieren wie dem Bachflohkrebs. Die zweite Population war in der Fischzucht in Dachsen während sechs Wochen mit gefrorenem Plankton gefüttert worden.

«Wir müssen für jeden Bach eine eigene Besatzstrategie anlegen.»Eduard Oswald

Nun wollen die Fischereiaufseher unter der Leitung von Eduard Oswald schauen, welche Population sich besser entwickelt hat. Der Flaacherbach, der mit langsamer Fliessgeschwindigkeit in den Rhein mündet, könnte eines Tages ein mögliches Besatzungsgebiet für Junglachse sein.

«Wir müssen für jeden Bach eine eigene Besatzstrategie anlegen», sagt Oswald. In den Kantonen Aargau und Basel, wo solche Untersuchungen bereits stattgefunden haben, habe sich die die angefütterte Brut besser entwickelt.

Flossenstückchen ab

Auf einem Kiesweg neben dem Flaacherbach hat Oswald zusammen mit Praktikantin Maja Kevic ein Feldlabor auf der Ladefläche des Transporters eingerichtet. Das elektrische Fanggerät hat die Fische nicht lange gelähmt, sie drehen im Eimer ihre Runden. Oswald träufelt Nelkenöl in einen Eimer voll Wasser. Das betäubt die Fische rasch. «Früher hat man dieses Öl zur Linderung von Zahnschmerzen bei Kindern verwendet», sagt Oswald.

Im Eimer liegen nicht nur Lachse, auch «Bächler», also Bachforellen, sind vorhanden. Sie unterscheiden sich an der Farbe der Fettflosse am Rücken der Fische: Die Lachse sind schwarz, die Bachforellen orange, auch das Muster unterscheidet sich leicht. Die Forellen werden in einem Behälter mitgenommen, für die Muttertier-Nachzucht in der Dachsemer Anlage.

Derweil müssen die Lachse ganz stillhalten: Oswald fixiert mit der Pinzette in der linken Hand die gelbe Brustflosse des Junglachses, mit der Schere in der rechten Hand schneidet er ein Stückchen ab. Dieses kommt in ein beschriftetes Reagenzglass, das er zuschraubt. Später wird die DNA-Probe im Labor untersucht, um herauszufinden, welcher Brut sie ursprünglich angehört haben.

«Es macht keinen Sinn, Lachse im grossen Stil zu züchten, wenn sie nicht zurückkehren können.»Eduard Oswald

Zuletzt müssen die Fische noch gemessen werden. Der erste gefischte Zürcher Lachs nach über 100 Jahren ist noch kein Brummer: 9, 5 Zentimeter lang. Die meisten sind etwa so gross. Der Kleinste, ein «Pfüpferli», wie Oswald sagt, misst 7,7 Zentimeter. Ein anderer Lachs ist in seinem kurzen Leben dem Tod bereits von der Schippe gesprungen: Druckstellen auf seinen Schuppen, die von einem Schnabel stammen, sind zu erkennen. «Das war wohl ein Eisvogel», sagt Oswald.

Nach 250 Metern Flaacherbach hat das Team um Oswald DNA-Proben von 100 Lachsen entnommen. «Das ist sehr erfreulich, wir haben auf etwa 60 gehofft.» Auf die Länge des Bachs hochgerechnet, schwimmen darin wohl gut 500 Lachse.

Diese werden nun sich selbst überlassen. Denn das Projekt, das 2016 gestartet wurde, und herausfinden wollte, ob man in Dachsen Lachs-Muttertiere züchten und zur Eiablage bringen konnte, ist mit der Kontrolle des Nachwuchses erfolgreich beendet. Einzig die DNA-Analyse des Bundes steht noch aus.

Nun heisst es warten auf Frankreich. Bis spätestens 2025 muss das Nachbarland mehrere Wasserkraftwerke mit Fischtreppen ausstatten, damit der Lachs wieder sicher ans Meer wandern kann. «Es macht keinen Sinn, Lachse im grossen Stil zu züchten, wenn sie nicht zurückkehren können», sagt Oswald.

Einige Lachse aus Dachsen werden es wohl trotzdem bis an die Nordsee schaffen, schätzt er. Im nächsten Sommer werden die Lachse zu sogenannten Smolt, im Frühjahr 2021 beginnen sie wohl ihre Wanderung den Rhein hinab Richtung Meer.

Und etwa drei bis vier Jahre später werden vereinzelte Überlebende versuchen, nach Flaach-Rüdlingen zurückzuwandern.

Erstellt: 29.09.2019, 15:22 Uhr

Die Kraftwerke sind im Weg

Vor über hundert Jahren war der Lachs noch auf natürliche Weise in Zürich heimisch. Von der Nordsee aus schwamm er bis zum Rheinfall hinauf.

Doch immer mehr Kraftwerke versperrten dem forellenähnlichen Fisch den Weg. 1913 soll der letzte Zürcher Lachs bei Rheinau gesehen worden sein, später verschwanden die Tiere auch in der übrigen Schweiz.

Mittlerweile tut sich aber etwas. Eine internationale Kommission setzt sich für eine Rückkehr des Lachs’ ein. Laut WWF soll der Lachs bis 2025 wieder nach Basel gelangen.

Mit einer Rückkehr des Lachs’ bis zur Mündung der Töss rechnet die Naturschutzorganisation jedoch nicht vor 2030. (gab)

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