Winterthur

Der gute Christ der CVP

Gemeinderat Andreas Geering ist überzeugter Christ, Sicherheitsmann am Flughafen und eine treibende Kraft der CVP. Heute stellt sich der 51-Jährige zur Wahl als Präsident des Gemeinderates.

Andreas Geering (CVP) soll am Montag zum nächsten Gemeinderatspräsidenten gewählt werden.

Andreas Geering (CVP) soll am Montag zum nächsten Gemeinderatspräsidenten gewählt werden. Bild: Marc Dahinden

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Der Zufall will es so. Markus Kägi, frisch pensionierter Zürcher SVP-Regierungsrat, läuft in Kloten just dann durch die Sicherheitskontrolle, als der Winterthurer CVP-Parlamentarier Andreas Geering Dienst hat. Die beiden kennen sich lose von politischen Veranstaltungen. Kägi steuert auf Geering zu, grüsst und erkundigt sich über dessen bevorstehende Wahl zum Präsidenten des Grossen Gemeinderates.

Für einen Moment berühren sich die zwei Welten des Andreas Geering, hier die Politik, da der Job am Zürcher Flughafen. Seit 2013 ist er SBF, wie sie hier sagen, Sicherheitsbeauftragter der Flughafenpolizei. Auf seiner Uniform trägt er das Logo der Kantonspolizei. Polizist aber ist er nicht. Die Ausbildung zum Sicherheitsbeauftragten ist eine eigene Laufbahn, kurz und eindeutig wie eine Sicherheitskontrolle. Fünf Wochen dauert die «Spezialausbildung», wie René Laube, stellvertretender Chef der Kontrollabteilung am Züricher Flughafen erklärt, der den Medientermin begleitet. 50 Prozent der Bewerber werden zur Ausbildung zugelassen. Nur wer ein gutes Auge hat, ein Talent, Muster zu erkennen, ist geeignet.

Der Wille, sich einzubringen

Geering rotiert durch die Stationen. Von der Ladeposition über den Bildschirm zur Nachkontrolle, zum Metalldetektor und zurück, immer 20 Minuten, für die Abwechslung und um die Konzentration zu halten, wie Laube sagt. Reisst der Besucherstrom ab, meldet sich die zentrale Einsatzdisposition, die Bahnen werden geschlossen, das Personal wird an einen anderen Ort abgezogen oder in die Pause geschickt. Effizienz. Monotonie. «Es ist ein Job, und er muss gemacht werden», sagt Geering. «Würde ich nur am Flughafen arbeiten, wäre ich unterfordert.» Auch darum braucht er die Politik.

«Würde ich nur am Flughafen arbeiten, wäre ich unterfordert.»Andreas Geering,
Gemeinderat (CVP)

Schon als Geering 2013 in Kloten anfing, sass er für die CVP in der Schulpflege, 2014 übernahm er, damals noch wenig bekannt, das CVP-Präsidium, 2016 rückte er in den Gemeinderat nach. Es ist eine solide lokale Politkarriere, die spät, erst mit 45 Jahren begann, und jetzt mit 51 ihren «vorläufigen Höhepunkt» findet, wie es Geering sagt. Aufhören werde er nach seinem Amtsjahr kaum. Er wolle «sich einbringen» in der Gesellschaft, das könne er in der Politik. Sich einbringen ­– das ist keine beliebige Wortwahl. Geering ist überzeugter Christ, Mitglied der Chile Grüze, was einen Teil seines wenig linearen Lebenslaufs erklärt.

Aufgewachsen in Kollbrunn, absolvierte er nach der Sekundarschule eine Landwirtschaftslehre. Nach dem Abschluss begann er eine zweite Lehre als Reprograf, im Gedanken den Betrieb seines Vaters in Winterthur zu übernehmen. Dann entschied er sich um und für die Religion. 1993 heiratete er, mit seiner Frau zog er nach Birmingham, wo er eine Bibelschule besuchte, es folgte ein Master in Angewandter Linguistik in Australien, und eine längere Zeit in Borneo, wo er für eine indonesischen Kirche Leute ausbildete.

Wegen der Schulbildung der zwei Kinder zog die Familie zurück in die Schweiz. Geering arbeitete für den Cevi-Schweiz, wurde in einer Umstrukturierung arbeitslos. Eineinhalb Jahre lang suchte er nach einer Anstellung in einer NGO, in der Nähe Winterthurs, ohne Erfolg. So kam er schliesslich zu seinem Job im Flughafen.

Ein gläubiger Mensch

Andreas Geering ist ein gläubiger Mensch. Jeden Tag betet er, jeden Tag liest er in der Bibel. Auch wenn er und seine Frau die Familienarbeit immer geteilt hätten, privat sei er konservativ in seinen christlichen Werten. Er habe aber nicht den Anspruch, dieselben Werte in der Gesellschaft zu postulieren.

«Als ich arbeitslos war, dachte ich, ich war immer ein guter Christ, hat mich Gott im Stich gelassen?» Andreas Geering

Homosexualität? Das sei Privatsache, sagt Geering, er unterstütze, dass Schwule und Lesben zusammenleben können, beim Adoptionsrecht habe er Vorbehalte. Evolution? Er weicht aus. Für ihn sei sicher, dass hinter der Entstehung der Welt eine Willenskraft stehe. Wie lange die Welt existiere, sei für ihn nicht relevant. Er habe auch schon mit Gott gehadert, erzählt er. «Als ich arbeitslos war, dachte ich, ich war immer ein guter Christ, hat mich Gott im Stich gelassen?» Den Glauben verlor er nicht.

Reden als Rezept

Wieder gibt der Metalldetektor Alarm. Geering tastet einen Fluggast ab. Benutzt den Handdetektor. Erklärt, was und warum er es tut. Der Rentner nimmt es mit Humor. «Probieren Sie es mal hier oben, wobei, da haben sie mir Carbon eingebaut.» Sein Begleiter lacht und auch Geering, der nie ganz gelöst wirkt, lacht mit. Kommunikation sei wichtig für die Flughafensicherheit, sagt er. Die Leute abholen, sie beruhigen, das Gespräch suchen. So will er es auch im Rat halten.

Erst kürzlich hatte eine Aktion des Piraten Marc Wäckerlin für Unmut und eine Intervention der amtierenden Ratspräsidentin gesorgt. Was macht Geering im Wiederholungsfall? Er würde mit Wäckerlin das Gespräch suchen, ausserhalb des Rats, sagt er. Wäckerlin, ein Freidenker, lebt in einem anderen Wertesystem. Trotzdem hat es Geering gut mit ihm, wie er sagt. «Man kann mit ihm über viele Dinge diskutieren, auch über den Glauben.»

Geerings Schicht ist um. In seiner Laufbahn hat er noch keinen Sprengstoff gefunden, aber eine Gasdruckpistole, und einmal einen Taser. Heute: Keine besonderen Vorkommnisse, von Alt-Regierungsrat Kägi abgesehen. Wird Geering zum Ratspräsidenten gewählt, was den Gepflogenheiten entspricht, steht er weiter in der Sicherheitskontrolle. Winterthurern, die eine Flugreise unternehmen, öffnet sich eine neue Perspektiv: Vielleicht werden sie am Flughafen vom höchsten Winterthurer kontrolliert.

Erstellt: 12.05.2019, 18:50 Uhr

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