Winterthur

Der Hausmann mit der harten Rechten

Der mehrfache Thaibox-Champion Azem Maksutaj lebt heute ein geruhsames Leben als Trainer und als Hausmann in einer Winterthurer Aussenwacht. Doch noch glimmt es im Kämpfer-Herz des 43-Jährigen. Stimmten die Bedingungen, stiege er für einen letzten Fight zurück in den Ring.

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Ein über zwei Meter grosser glatzköpfiger Hühne, 125 Kilogramm schwer, hat ihn in die Ecke des Rings gedrängt und schlägt wuchtig auf Azem Maksutaj ein, der in der Deckung kauernd fast zwei Köpfe kleiner ist und einsteckt.

Doch dann taumelt der Berg plötzlich – und fällt, getroffen von einer blitzschnellen Rechten. 14 Jahre liegt der Kampf gegen Björn «The Rock» Bregy nun zurück und es war bei weitem nicht Maksutajs härtester. Doch er erinnert sich noch genau daran. «Die rechte Gerade war meine stärkste Waffe», brummelt er, ballt die Faust und grinst sein breites zufriedenes Grinsen.

Azem Maksutaj in seinem Quali-Kampf gegen Björn «The Rock» Bregy vor fast 14 Jahren.

Er strahlt viel Gelassenheit aus, der ehemaligen Thaibox-Champion im Schwergewicht, der 14 WM-Titel holte, in 7 verschiedenen Verbänden, mit Kämpfen, bei denen man beim Zuschauen gerne kurz wegdreht. «Einstecken habe ich schon als Kind gelernt», sagt der 43-jährige.

«Wir Kosovaren mussten uns immer ein bisschen gegen die Serben wehren.» Azem Maksutaj

Er war auf einem stattlichen Bauernhof im Kosovo aufgewachsen, im ehemaligen Jugoslawien. Azem packte täglich mit an. Besonders gern war er draussen und trieb die Kühe und Schafe auf die Sommerweiden der Berge. Rauh war auch das politische Klima, weshalb er früh gelernt habe, sich zu verteidigen, auch mit den Fäusten. «Wir Kosovaren mussten uns immer ein bisschen gegen die Serben wehren.»

Sein Vater wanderte als Gastarbeiter in die Schweiz aus, als Azem fünf Jahre alt war. Mit 14 zogen er und seine Familie nach. Zunächst wohnten sie in einem umgebauten Lager einer Werkstatt in Wülflingen. Mit roten Backen, Stoffhosen und gestricktem Pullover war er in der Schule ein Fremder, «einer von denen» und damit auch in Winterthur in der Defensive.

In der Deckung blieb Maksutaj aber nicht. Schon bald begann er zu trainieren, zweimal pro Tag. Der Schweizer Meistertitel mit 16 Jahren war nicht mehr als ein erster Schritt nach ganz oben. Ohne Schulabschluss in der Tasche, aber fest entschlossen, auf eigenen Füssen zu stehen, kaufte er mit 17 unterstützt von seinem Vater die Thaibox-Schule bei der Neustadtgasse, wo er heute noch unterrichtet.

Als Profi reiste er um die ganze Welt und kämpfte er in Thailand, Europa und den USA, mal vor viel Publikum, mal vor wenig. Im Kosovo war er ein Star, aber die Kosten für die Reise, Unterkunft und Training deckten die paar tausend Franken Preisgeld nicht annähernd.

Azem hatte Schulden als er 2005 in Las Vegas beim K1 World Grandprix im Final antrat, wo zum dritten Mal im Final gestanden war –und diesen verlor. Auch bei Fightnight in der Eulachhalle kurz zuvor, hatte er draufzahlen müssen. Das alles zehrte mehr und mehr an den Nerven des damals 31-Jährigen.

Der Kämpfer mit dem kosovarischen Doppeladler und dem Schweizer Kreuz auf der Hose, blieb aufgrund seiner Herkunft ein Exot in der Szene. Dann, in Las Vegas, kam ein Angebot, mit dem sich alles ändern sollte, das Angebot für einen Dok-Film über Leben und Kampf bis an die Spitze. «Being Azem» kam 2010 in die Kinos.

Damit war Azem zur Marke geworden, und alle wollten zu ihm ins Thaibox-Training. Er gründete neue Schulen in St. Gallen und Zürich. Maksutaj beliess es schliesslich bei den Schulen in Winterthur und Wil SG. «Vier wären mir zu stressig», sagt er und schlürft einen Espresso auf der Terrasse seines modernen Einfamilienhauses in Iberg.

«Die Zeit mit der Familie ist mir wichtiger, als Millionen zu machen.»

Auf dem Rasen liegen Spielzeug und ein Fussball, der Blick von der Schaukel geht zwischen Palmen hindurch hinunter auf Kollbrunn, Kuhglocken bimmeln. «Es ist unglaublich ruhig hier, aber wir fühlen uns wohl», sagt er. Sein älterer Sohn ist elf, der jüngere vier Jahre alt, seine Frau arbeitet teilzeit als kaufmännische Angestellte.

Tagsüber hütet er das Haus, kocht – und putzt sogar ab und zu. Ein «Halb-pensionierter Hausmann» sei er, der am Abend zwei bis drei Trainingsstunden in seinem «Wing Thai Gym» gibt. «Die Zeit mit der Familie ist mir wichtiger, als Millionen zu machen. Ich weiss, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen.»

Wie hat er den Schritt geschafft von der Kampfmaschine, die so viel trainierte, dass sie am Abend auf allen Vieren die Treppen hinaufschleppte, die mit gebrochenen Rippen in den Ring stieg, mit dem dumpfen Ziel vor Augen, den Gegner k.o zu schlagen, wenn nötig mit einem Knie-Kick ins Gesicht? Er überlegt kurz und sagt dann: «Das Kämpfen hat mich sozialer gemacht. Ich wusste, was es bedeutet, hart getroffen zu werden. Das will man privat keinem anderen antun.»

Die Stärke und das Selbstbewusstsein hätten ihn eher geerdet als überheblich gemacht. Gleichzeitig räumt er ein: «Aber es ging auch um Macht. Gefühlsmässig bin nach meiner Karriere von einer Maschine wieder zu einem Menschen geworden.»

Maksutaj ist im gehobenen Mittelstand angekommen. Er will ein guter Papa sein und es ruhig angehen. Sein freundlicher Blick hat aber auch etwas Schlitzohriges. Er nutzt sein grosses Netzwerk, berät Landsleute aus dem Kosovo, die in er Schweiz investieren wollen, in der Gastro- oder Immobilienbranche, investiert selber in Immobilien, in Albanien und in Deutschland.

Erst vor Kurzem war er in Tirana bei Dreharbeiten für einen Action-Film, wo er den von der albanischen Mafia angeheuerten Kämpfer und Bösewicht spielt. «Ich trainiere fast jeden Tag ein bisschen, um fit zu bleiben», sagt er. Zum Invaliden habe ihn seine Karriere keineswegs gemacht. Ein bisschen Arthrose an den Handgelenken und der rechten Schulter, das sei alles, und kürzlich wurde ihm Knorpel aus dem Ohr in die Nase transplantiert, die mehrmals angebrochen war.

«Schreiben Sie, ich suche immer noch nach einem Gegner»

Dann blitzt der Ehrgeiz des alten Azem doch nochmals auf. Manchmal, ja, da, träume er noch von dem ein oder anderen Rückkampf. Den Weg zurück in den Ring schliesst er nicht aus. «Ein letzter Show-Kampf? Wenn das Preisgeld stimmt, sofort!».

Maksutaj ist davon überzeugt, dass er aus der Schweizer Thaibox-Szene nach wie jeden schlagen würde. «Jeden.» Seine Schlagkraft sei noch immer gewaltig. «Schreiben Sie, ich suche immer noch nach einem Gegner», sagt er, grinst sein breites zufriedenes Grinsen und schenkt seinem Junior ein Glas Sirup ein. (Der Landbote)

Erstellt: 29.07.2018, 15:50 Uhr

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