Montagsportrait

Der höchste Katholik ist auch ein Klimaschützer

Felix Caduff aus Turbenthal ist der höchste Zürcher Katholik. In seiner vierjährigen Amtszeit will er sich für ökologische Massnahmen in der Kirche einsetzen. Und er hofft, die Diskriminierung der Katholikinnen werde bald aus der Welt geschafft.

Will das Feld nicht restaurativen Kräften überlassen: Synodenpräsident Felix Caduff.

Will das Feld nicht restaurativen Kräften überlassen: Synodenpräsident Felix Caduff. Bild: Madeleine Schoder

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Dem Fliegen hat er abgeschworen. Seit letztem Sommer verzichtet er darauf. Obwohl er sehr gerne reist und sich für fremde Kulturen interessiert. Doch Flugreisen sind für Felix Caduff nicht vereinbar mit dem Klimaschutz. «Der Flugverkehr ist in der Schweiz für rund 20 Prozent des Klimaeffekts verantwortlich» sagt er. Der naturverbundene Turbenthaler mit Bündner Wurzeln lässt den Blick vom rebenumrankten Sitzplatz vor seinem Haus über den Garten schweifen. Über Blumen und Beeren und einen Apfelbaum, der an den schiefen Turm von Pisa erinnert. «Spannende Orte sind auch per Bahn erreichbar», fährt er fort. Dresden und Leipzig, dorthin geht seine nächste Reise.

Zunächst aber ist seine Präsenz hier gefragt. Demnächst steht ein Treffen einer Delegation aus Zürich mit dem Interims-Bischof von Chur, Peter Bürcher, an. Caduff wurde kürzlich an die Spitze der Synode, des katholischen Parlaments, gewählt. Und ist somit der höchste Zürcher Katholik. Für seine vierjährige Amtszeit hat er sich einiges vorgenommen. «Baustellen gibt es in der katholischen Kirche mehr als genug», sagt der Reformer und offene Katholik, als den er sich selber bezeichnet: Missbrauch, Pflichtzölibat, der Ausschluss der Frauen von den wichtigsten Ämtern. Im Gegenzug leiste die katholische Kirche wertvolle Arbeit im seelsorgerischen und im sozialen Bereich, unterstütze notleidende Menschen im Kanton Zürich wie auch im Jemen oder in Syrien. «Sie tut etwas für die Menschen, egal welcher Religion, und dahinter kann ich voll stehen.»

In Caduffs Kindheit und Jugend im surselvischen Dorf Tavanasa war die Religion allgegenwärtig. Der tägliche Besuch der Messe vor Schulbeginn, Vesper auf Lateinisch, die Mithilfe an Gottesdiensten als Ministrant. «Das war damals so üblich», sagt er. Ebenso üblich war es, dass die Menschen zuhause starben und dort auch bis zur Beerdigung im offenen Sarg aufgebahrt wurden, fügt er nachdenklich hinzu, während ein Schatten über sein Gesicht huscht. Seine betagte Mutter liegt in einem Bündner Pflegeheim im Sterben. Er besucht sie, so oft es geht. Nimmt Abschied. Ist traurig, aber auch dankbar. «96 1/2 Jahre alt durfte sie werden, wir hatten eine super Beziehung und sie war mir und meiner Familie bis zuletzt eine grosse Stütze.»

«Family first»

Die Familie ist dem Vater von drei erwachsenen Kindern das Wichtigste im Leben. «Family first», pflegt er zu sagen. Seit je treiben den heute 65-Jährigen aber auch politische und gesellschaftliche Fragen um. Waren es zunächst die Themen der 68er Bewegung wie Frieden und Gleichberechtigung, trat mehr und mehr die Umweltproblematik in den Vordergrund. Diese sei auch in der SP Turbenthal das zentrale Thema. Er hat die Sektion zusammen mit Gleichgesinnten 1993 ins Leben gerufen und ist heute Co-Präsident. Im Gegensatz zu einigen seiner früheren Weggefährten ist er aber nie aus der Kirche ausgetreten, sondern hat sich stets mit dem Katholizismus auseinandergesetzt. «Heute weiss ich, wieso», sagt er. «Ich will das Feld nicht restaurativen Kräften überlassen.»

Die Diskriminierung der Katholikinnen ist für ihn unhaltbar. Und in keiner Art und Weise zu rechtfertigen. «Frauen sollen in der Kirche alle Ämter bekleiden dürfen», sagt er und verweist auf die Jüngerinnen Jesu, die ebenso wie weitere Frauen in der frühen Kirche zwar vorkamen, auf Druck der Mächtigen aber aus der Geschichtsschreibung verbannt wurden. Stolz erzählt er, wie kürzlich sein Enkel im Bistum Basel von einer Frau getauft wurde. «In Chur wäre das nicht möglich gewesen.»

In der Leitung des Bistums Chur, dem auch der Kanton Zürich mit der grössten katholischen Bevölkerung angehört, haben Konservative und Traditionalisten das Sagen, was Caduff Sorge bereitet. Grosse Hoffnungen setzt er hingegen auf die Bistümer St. Gallen und Basel sowie auf die Wahl eines basisnahen und offenen Bischofs in Chur. «Bei den ersteren werden Reformen eingeleitet, die auch unsere mit fortschrittlich denkenden Menschen besetzte Synode anstrebt.» Angesichts der Klimakrise will sich der Synodenpräsident auch für ökologische Massnahmen in der Kirche einsetzen. Ein grosses Potenzial sieht er in den vielen kircheneigenen Gebäuden: Mit einer energetischen Sanierung könnten der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoss deutlich gesenkt werden.

Als Präsident des katholischen Parlaments erwartet Caduff, der sich vor zwei Jahren vorzeitig pensionieren liess, ein Arbeitspensum von rund 50 Prozent. Dass er überhaupt zu diesem Amt kam, sei einem Zufall zu verdanken. «Als ich mir überlegte, was ich nach der Pensionierung tun wollte, stiess ich auf ein Inserat, in dem Synodale gesucht wurden.» Er bewarb sich als Kandidat und wurde nicht nur für vier Jahre gewählt, sondern gleich zum Vizepräsidenten ernannt. Damit hatte er die Präsidentenlaufbahn schon eingeschlagen.

Arbeitslos mit Mitte 50

Nicht immer ist in seinem Leben alles rund gelaufen. Mit Mitte 50 verlor er seine Stelle als Leiter der Schule für Ergotherapie Zürich (Setz). Die Ausbildung wurde infolge der Bologna-Reform an der Fachhochschule für Gesundheit in Winterthur angesiedelt und die Setz geschlossen. Doch Caduff ist keiner, der so schnell resigniert. Er fand eine neue Anstellung als Abteilungsleiter bei der Stadt Opfikon.

Auf die Zähne beissen habe er als Bub schon gelernt. «In der elterlichen Bäckerei/Konditorei musste ich immer das Brot austragen und putzen, während andere Kinder draussen spielten.» Und während der langen Sommerferien wurde er jeweils zu Bauern ins Unterland geschickt, um ihnen bei der Arbeit zu helfen. Aber Untätigkeit ist ohnehin nicht sein Ding. Vielmehr hält er es mit Martin Luther, der gesagt haben soll: «Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.»

Erstellt: 21.07.2019, 17:13 Uhr

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