Winterthur

Der Regen ist weggetrommelt, Winterthur swingt im Afro-Beat

Sie verkaufen Halsketten und Tunikas, Falafel und Bananenbällchen und manchmal auch Joints: die Händler von Afro-Pfingsten. Von ihrer guten Laune lässt sich sogar die Polizei gerne anstecken.

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Wenn in Winterthur Afro-Pfingsten ist, interessiert das auch an der Elfenbeinküste. Marcelline Sieber verkauft an ihrem Stand gegenüber dem Casino knallbunt-fröhliche Kleider und Stoffe. Gerade hat sie per Whatsapp ein Bild ihrer Auslage an ihren Neffen Mamadou geschickt. Der 19-Jährige macht an der Elfenbeinküste eine Ausbildung zum Schneider und hat die ganze Kollektion genäht, vom Kinderkleid bis zur Tunika. «Er ist wahnsinnig stolz», sagt die 38-Jährige.

Die Ivorerin wohnt mit ihrem Schweizer Mann in Biel, wo sie als Coiffeuse für afrikanische Frisuren arbeitet; sie trägt selbst eine beeindruckende Mähne aus feinen roten Zöpfen. «Ich bin seit elf Jahren an Afro-Pfingsten. Dieses Mal mache ich es für Mamadou.» Vor wenigen Monaten konnte sie ihm eine Nähmaschine kaufen. «Er soll etwas verdienen, damit er seine Familie unterstützen kann», sagt Marcelline Sieber. «Ich will nicht, dass er das nächste Schiff nach Europa besteigt.»

Am Donnerstag hatten Regengüsse den Marktauftakt rund um den Neumarkt noch etwas getrübt, doch spätestens im Lauf des Freitags füllt sich die Altstadt nach und nach mit geschäftigem Treiben und Düften von Gewürzen, gegrilltem Fleisch und frittierten Bananenbällchen.

Heimspiel für die «Beduinen»

Am Graben steht, quasi als Vorhut des Markts, das prächtige Beduinenzelt von Fata Morgana. Für Nassim Attoun, den erst 20-jährigen Geschäftsführer, ist Afro-Pfingsten ein Heimspiel, sein orientalisches Restaurant liegt nur wenige Kilometer entfernt, in der Grüze neben Otto’s. Am Freitagmittag hält sich der Ansturm auf die Brottaschen mit Auberginenmus (Zaalouk) oder Lammhackbällchen noch in Grenzen, doch für den Freitagabend und Samstag rechnet er mit Hochbetrieb. Sein Mitarbeiter empfiehlt: «Kommen Sie um 14 Uhr nochmals, dann tritt eine Bauchtänzerin im Zelt auf.»

Am Stand verpflegen sich gerade Daniel Meyer und Anonietta Fabrizio. «Wir wohnen an der Steinberggasse, darum kommen wir um Afro-Pfingsten nicht herum», sagt Meyer. Dieses Jahr hat er doppelten Grund, am Markt zu sein, denn er ist selbst an einem Stand präsent. «Wir verteilen Flyer für die Vollgeld-Initiative», sagt der 51-Jährige und greift in seine Tasche.

Jedes Jahr eine Attraktion sind die in der Feuerschale kreisrund aufgestellten Spiesse von Femi Osho am Neumarkt. Der 55-jährige Nigerianer ist seit 19 Jahren an Afro-Pfingsten. «Spannend und voller Leben» sei das Fest, sagt er. Zum ersten Mal am Fest ist Marian Märki (26) aus Baden. Er studiert an der ZHAW und ist so angetan vom Rummel, dass er nach einem Bier auch zum Essen bleibt. «Es ist cool, dass es hier so viel Verschiedenes gibt; es riecht überall fein.»

Charmeoffensive der Polizei

Entspannt geht es am gemeinsamen Stand von Kantonspolizei und Stadtpolizei zu: Die Beamtinnen und Beamten tragen zwar die volle Uniform samt Pistole, doch an diesem Wochenende steht nicht die Jagd nach Taschendieben oder anderen Bösewichten im Vordergrund, sondern der Kontakt zur Bevölkerung. Die Kinder erhalten hellblaue Kapo-Turnsäcke und Strassenkreide geschenkt. «Wir wollen zeigen, dass man mit uns ganz normal reden kann», sagt Kantonspolizistin Dominika Bader. «Das haben wir schon letztes Jahr gemacht und sehr positive Rückmeldungen erhalten.»

Direkt gegenüber der Polizei verkauft ein kleiner Stand vorgerollte Joints – ganz legal. «Schweizer CBD-Cannabis», wirbt das Plakat. «Verkauf nur an Erwachsene.» (Der Landbote)

Erstellt: 19.05.2018, 09:19 Uhr

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