Stammertal

Die Arbeit nach dem Sturm – für Generationen

Nach dem Sturm vom 2. August möchten manche ein Zeichen, einen Obstbaum setzen. Es wurde auch schon gespendet. Doch die Arbeit beginnt erst.

Aufräumarbeiten im Stammertal nach dem verheerenden Sturm vom 2. August 2017. Viele, teils sehr alte Obstbäume wurden zerstört oder schwer beschädigt.

Aufräumarbeiten im Stammertal nach dem verheerenden Sturm vom 2. August 2017. Viele, teils sehr alte Obstbäume wurden zerstört oder schwer beschädigt. Bild: Foto: Nathalie Guinand

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Einen Baum pflanzen – etwas, was sprichwörtlich jeder einmal in seinem Leben getan haben sollte. Im Stammertal haben nach dem heftigen Sturm vom 2. August nun viele Leute unfreiwillig die Gelegenheit dazu. Denn nebst den Bäumen in den Wäldern entwurzelte der Wind nämlich auch sehr viele Obstbäume, bei Bauern auf den Wiesen oder in den Gärten von Privatpersonen.

Rund 80 von ihnen haben am Mittwochabend an einer Informationsveranstaltung in Oberstammheim teilgenommen. Anlass war die geplante Pflanzaktion von Hochstammbäumen im Stammertal («Landbote» vom 13. Oktober 2017). Die erste Schätzung vom Herbst ging von 800 Hochstammbäumen aus, die als Jungbäume gepflanzt werden könnten. Dafür sollten rund 64 000 Franken ausgegeben werden, wobei sich die Stammertaler Gemeinden, das kantonale Amt für Landschaft und Natur und die Baumbesitzer selber mit je einem Drittel an den Kosten beteiligen würden. Spenden bereits überwiesen oder in Aussicht gestellt haben die reformierte Kirche Stammheim, die evangelische Freikirche Chrischona Stammheim sowie die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (GVZ).

Eine «traurige Geschichte»

Sein Herz schlage höher, sagte Waltalingens Gemeindepräsident Martin Zuber, als er am Mittwoch die vielen Leute im Schwertsaal in Oberstammheim sah. Eine «traurige Geschichte» sei der Anlass der Veranstaltung, sagte Zuber und meinte damit die gewaltige, teils noch heute sichtbare Zerstörung im Stammertal. Aber man schaue jetzt vorwärts. «Wir wollen dafür sorgen, dass die Landschaft in ein paar Jahren wieder anders aussieht.»

«Hoffentlich habe ich jetzt niemanden abgeschreckt.»David Szalatnay, Fachstelle Obst am Strickhof

Nach Zuber gab David Szalatnay von der Fachstelle Obst am Strickhof konkrete Ratschläge für all jene, die einen oder mehrere Obstbäume pflanzen möchten. Und dabei wurde schnell klar: Es geht nicht um eine symbolische Pflanzaktion, sondern um – Arbeit. Immer wieder wies Szalatnay auf den Pflegeaufwand hin, vom Schnitt bis zur Mäusebekämpfung. Einen Hochstammbaum zu pflanzen und zu pflegen, «ist ein Mehrgenerationenprojekt». Auch äusserte er sich kritisch über jene, die sich Hochstammbäume «nur» wegen des Landschaftsbildes oder wegen der Artenvielfalt wünschen. Wer kein Obst vom Baum wolle, der pflege ihn auch nicht – und nur fürs Landschaftsbild könne man auch eine Eiche pflanzen.

Obstbäume statt Reben

Szalatnay gab auch einen historischen Rückblick. So war der Anbau von Obst mit hochstämmigen Bäumen bis in die 1960er-Jahre der Standard. Erst danach setzten sich die Niederstammkulturen allmählich durch. Als im 19. Jahrhundert viele Weinberge wegen der Reblaus verschwanden, wurden an deren Stelle vielerorts Obstbäume gepflanzt. So wurde die Schweiz Ende jenes Jahrhunderts zum «obstbaumreichsten» Land Europas, wie Szalatnay erzählte. Schweizer Obst wurde damals sogar exportiert. Später kam es zu einer Überproduktion, sodass es zu staatlich subventionierten Rodungsaktionen kam. Durch die Bautätigkeit an den Dorfrändern und die Mechanisierung der Landwirtschaft nahm die Zahl der Hochstammbäume aber noch viel stärker ab. Im Jahr 1951 gab es in der Schweiz noch 13,6 Millionen solche Bäume – 2001 waren es noch 2 Millionen.

Heute werden Hochstammbäume vom Staat finanziell gefördert. Aber: «Direktzahlungen dürfen nie der Grund dafür sein, einen Baum zu pflanzen», mahnte Szalatnay. Und nach seinen zahlreichen Ratschlägen zur aufwendigen Baumpflege sagte er: «Hoffentlich habe ich jetzt niemanden abgeschreckt.»

Zuerst Interesse abschätzen

Am Schluss der Veranstaltung wurde ein Erhebungsbogen verteilt. Damit wollen die Behörden abschätzen, wer welche und wie viele Obstbäume pflanzen will. Nach der Abschätzung des Interesses werden die nächsten Schritte der Pflanzaktion geplant.

Erstellt: 25.01.2018, 19:19 Uhr

Weitere Informationen

Die Unterlagen zur Pflanzaktion für Hochstammbäume im Stammertal sind auf der Webseite der Gemeinde Waltalingen abrufbar, inklusive Spendemöglichkeit: www.waltalingen.ch

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