Winterthur

«Die Familie wollte nichts mehr von mir wissen»

Vor elf Jahren hat Kolat Akyel wegen einer Netzhautablösung alles verloren: Job, Familie, Perspektive. Nun geht es ihm besser, auch weil er wieder arbeiten darf.

Kolat Akyels Leben hat mit der Arbeit in der Stadtbibliothek wieder Sinn bekommen.

Kolat Akyels Leben hat mit der Arbeit in der Stadtbibliothek wieder Sinn bekommen. Bild: Madeleine Schoder

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An drei Tagen in der Woche ist Kolat Akyel (Name geändert) in der Stadtbibliothek unterwegs. Mit dem Rollwagen fährt er durch die Gänge und bringt die retournierten Medien zurück an ihren Platz in den Gestellen. Drei Stunden dauert seine Schicht. Dann sind seine Augen meist müde vom Lesen der Nummern. Denn Kolat Akyel sieht nicht mehr gut. Vor elf Jahren hatte sich an seinem rechten Auge die Netzhaut abgelöst. Und damit begann für den damals 34-jährigen der Abstieg.

Das Grounding überstanden

Lange hatte Kolat Akyel ein ganz normales Leben geführt. Nach einer Lehre als Maschinenmechaniker wartete er bei der Swissair Triebwerke. Auch das Grounding hat er «miterlebt und überlebt», wie er sagt. Dann kam der folgenschwere Tag: Kolat Akyel war bei der Arbeit, als sich die Netzhaut in seinem rechten Auge löste. Er wurde mehrmals operiert, erhielt eine künstliche Linse, verlor auf dem Auge aber beinahe die komplette Sehkraft. Seither ist er stark sehbehindert, denn auch auf dem linken Auge sieht er wegen einer starken Hornhautverkrümmung schlecht.

Auf seinem Beruf konnte Kolat Akyel wegen seiner Augen nicht mehr weiterarbeiten. Mit seinem Arbeitgeber, unterdessen war es die SR Technics, besprach er die Möglichkeiten einer Umschulung. Er hätte zu einem Job in der Warenannahme wechseln und parallel eine Ausbildung zum technischen Kaufmann absolvieren können, erzählt er. «Das hätte ich gerne gemacht.»

Doch die Invalidenversicherung habe sich quer gestellt. «Sie sagten, sie könnten eine Umschulung in diesem Bereich nicht vertreten.» Offensichtlich befand die IV die Stelle sei für eine Person mit schlechter Sehkraft zu gefährlich. Von der SR Technics erhielt Akyel die Kündigung, wegen «Leistungsmangel und persönlichem Verhalten», wie es damals geheissen habe. Ein Schlag ins Gesicht sei es gewesen für ihn, der alles gegeben hatte für seinen Job und stolz darauf war.

Die Mühlen der Behörden

Mit der Entlassung fiel im Leben Kolat Akyels alles auseinander. Mit seinem Einkommen hatte er seine Eltern, seine Schwester und weitere Verwandte in der Türkei unterstützt. Erst kurz vor seinem Unfall hatte er seinem Vater noch die zweite Heirat in der Türkei bezahlt. Als das Geld aus der Schweiz plötzlich ausblieb, wandten sich alle von ihm ab.

In der Schweiz durchlief Kolat Akyel die Mühlen der Behörden. Es begannen Abklärungen, ob er Anrecht auf eine IV-Rente hätte. Gleichzeitig sei ihm empfohlen worden, eine Ausbildung zum medizinischen Masseur zu machen. «Der Beruf war komplett falsch für mich.» Er ging beim Regionalen Arbeitsvermittlungzentrum ein und aus, schrieb Bewerbungen. «Viele haben nicht einmal geantwortet.» Schliesslich schickte ihn das RAV zum Sozialamt.

«Was er denn mit dieser starken Sehbehinderung im Büro wolle»Ein Lehrer 
von Kolat Akyel

Für kurze Zeit fand er etwas Halt: Acht Monate arbeitete er im Catering einer Stiftung, eine Stelle, die ihm das Sozialamt vermittelt hatte. Dann schmerzte ihn seine kaputte Schulter, und er gab auf. Eine Umschulung, bei der er das Handelsdiplom hätte machen wollen, musste er abbrechen. Er habe nicht die Hilfsmittel bekommen, die bei seiner Sehbehinderung nötig gewesen wären, sagt er. Dafür aber Spott. «Was er denn mit dieser starken Sehbehinderung im Büro wolle», habe ihn einer seiner Lehrer einmal gefragt.

Der Fall ins Bodenlose

Kolat Akyel schloss sich in seiner Wohnung ein, begann zu trinken, wurde depressiv. 2016 klingelte ein Betreibungsbeamter. «Damals sah es bei mir aus wie bei einem Messie.» Das Sozialamt intervenierte und schickte ihn in die Integrierte Psychiatrie Winterthur (IPW). Man diagnostizierte eine Depression und verordnete einen Alkoholentzug. Neun Wochen verbrachte er in Rheinau – wegen Suizidgefahr. Akyel spricht sehr positiv über diese Zeit. «Es ging mir richtig gut dort», sagt er. Jeden Tag habe es frische Früchte und Joghurt gegeben. «Ich habe, glaube ich, nie so gut gegessen in meinem Leben, wie in Rheinau.»

Nach dem Klinikaufenthalt lebt er in einer kleinen Wohnung in Bachenbülach, täglich ging er in die Tagesklinik der IPW. Nach fünf Monaten sollte er ohne die Psychiatrie zurechtkommen. Das Sozialamt empfahl ihm deshalb das Programm Heks-Visite, das Sozialhilfebezügern geschützte Arbeitsplätze vermittelt. Für Akyel war es die Chance – auf eine Tagesstruktur und eine Aufgabe, die ihn ausfüllt –, und er fand sie in der Stadtbibliothek.

Das Glück der Arbeit

«Seit ich diese Arbeit habe, geht es mir besser», sagt Akyel. Er und seine Arbeit würden von den Mitarbeitern der Stadtbibliothek geschätzt, man sei zufrieden mit ihm. «Ich komme gerne hierher, auch in meiner Freizeit.» Zwei Jahre dauert seine Anstellung nun schon an; das Programm Heks-Visite ist auf Beschäftigung, nicht auf Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt angelegt. Vor wenigen Tagen wurde Kolat Akyel eine 50-prozentige IV-Rente zugesprochen. Seine Arbeit in der Bibliothek will er unbedingt beibehalten.

Unterdessen kann Kolat Akyel auch wieder träumen. «Ferien», sagt er. Er würde so gerne wieder einmal Ferien machen. 30 Franken betrug die letzten Jahre über sein Tagesbudget aus der Sozialhilfe, für Essen, Kleider Zigaretten. Viel Spielraum wird der 45-Jährige finanziell auch künftig nicht haben. Aber er will sparen. Für eine Reise nach Neuseeland. Wo die Reiseführer im Gestell stehen, weiss er gewiss. (Der Landbote)

Erstellt: 14.04.2019, 17:02 Uhr

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