Winterthur

Die Fragezeichen zum radikalen Umbruch

So viel wie seit vielen Jahren nicht mehr hat sich beim FCW geändert. Der Umbruch wurde umfassender als erwartet, mit elf Zu- und zwölf Abgängen. Entsprechend zahlreich sind, vor dem Start am Montagabend beim FCZ, die Fragezeichen.

Gelingt dem FCW die Saison, ist das vor allem der Erfolg von Trainer Sven Christ. Wenn nicht, bleibts weitgehend an ihm hängen.

Gelingt dem FCW die Saison, ist das vor allem der Erfolg von Trainer Sven Christ. Wenn nicht, bleibts weitgehend an ihm hängen. Bild: Donato Caspari

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Der Umbruch ist vollzogen, und zwar radikaler als ursprünglich gedacht. Oder wie es Sven Christ, der dafür zuständige Trainer, sagt: «Der Verein sah, dass es nicht anders geht.» Nicht anders, als er, Christ, es nach seinem ersten halben Jahr für angebracht hielt. Man kann in der Tat vieles nachvollziehen nach Jahren, in denen immer wieder über mangelnde Winnermentalität des FCW zu berichten war – und von zu wenig konsequentem Angehen dagegen. Allerdings ist auch klar: Wenn es nun gut geht, ist das vor allem Christs Erfolg. Wenn nicht, bleibts weitgehend an ihm hängen.

Die Zahlen dazu: Es wurden elf Neue verpflichtet, also gleichsam eine ganze Mannschaft, abgesehen von den vier Nachwuchsspielern, die aus der U21 nachrückten. Es wurden, bei aktuellem Stand, zwölf Spieler abgegeben, von denen Christian Fassnacht mit seinem Transfer nach Thun in die Super League auch noch einen ordentlichen Batzen einbrachte. Es werden, wenn es ins erste Derby gegen den FCZ seit 21 Jahren geht, sieben Neue in der Startelf des FCW stehen. Völlig umbesetzt sein wird die Offensive, was ja nicht überrascht, wenn die vier besten Skorer der vergangenen Spielzeit nicht mehr dabei sind.

Die «Herzprobleme»

Die Vorbereitung war, natürlich, geprägt durch diese vielen Wechsel, der letzte wurde erst am Mittwoch vollzogen, mit der Verpflichtung des Innenverteidigers Daniele Russo. Der zweitletzte tags zuvor mit der Unterschrift Luca Radices. Und auch Silvio wurde erst vor einer Woche gebunden. Doch die grössten Fragen tauchten ums Herzstück der Mannschaft auf, um die zentralen Positionen in Abwehr und Mittelfeld, weshalb von «Herzproblemen» zu sprechen war – und noch immer ist.

Als Ankermann des Umbruchs war eigentlich der Deutsch-Kroate Kreso Ljubicic vorgesehen – er sollte als neuer «Sechser» eine Führungsrolle übernehmen, am ehesten mit Gianluca D'Angelo an seiner Seite. Aber dann fielen diese beiden als erste aus, mit einer Knieverletzung Ljubicic, von einer Schambeinentzündung bedroht D'Angelo. So wird das zentrale Mittelfeld jetzt nicht besetzt sein wie geplant, sondern wohl mit Captain Patrik Schuler und dem Berner Nicola Sutter, der sich als Neuer relativ rasch auf der einen «Sechserposition» festspielte. Wirkt Schuler im Mittelfeld, heisst das Abwehrzentrum Russo/Guillaume Katz. Es würden dann zwei zusammenspielen, die das bisher erst ein paar Minuten, am Mittwoch gegen Tuggen, konnten.

«Andere Mentalität drin»

Noch keineswegs als eingespielt zu bezeichnen ist auch die Offensive, wenn Silvio erst das Mätschlein gegen Tuggen mitgemacht hat. Immerhin, einige Neue, die gegen den FCZ spielen, fügten sich schon gut ein: Leandro Di Gregorio bildet mit Michel Avanzini ein verlässliches Paar von Aussenverteidigern. Roman Dessarzin ist als rechter Flügelmann nicht nur fähig, auch aus der Ferne Tore zu schiessen, er bringt mehr Tempo ins Spiel des FCW. Das gilt, auf der andern Seite, ebenso für Rückkehrer Radice. Aber auch für Luka Sliskovic, der günstigenfalls ein Skorer wird. An Silvios Klasse ist nicht zu zweifeln. Also darf man, mit Christ, schon davon ausgehen, «dass wir an Tempo gewonnen haben.» Dazu könnte dereinst auch Manuel Sutter beitragen. Aber der verpasste ein Gutteil der Vorbereitung mit verletztem Oberschenkel.

Als Anwärter auf einen Spitzenplatz gilt der FCW diesmal nicht – anders als in den vergangenen Jahren, als er diesem Anspruch mal eher, mal weniger gerecht wurde. In den letzten fünf Saisons wurde der FCW einmal Dritter, je zweimal Vierter und Sechster, zuletzt eben im Frühjahr. Dass er diesmal weit eher dem prognostizierten Mittelfeld als der mehr oder minder erweiterten Spitzengruppe zuzurechnen ist, liegt an den Fragezeichen, die stets hinter einem dermassen massiven Umbruch stehen. Aber auch an der Gegnerschaft, die teils erstarkt und teils ungewohnt prominent ist. Der FCZ, der FC Aarau, der FC Wil und durchaus auch Neuchâtel Xamax sind höher einzustufen als der FCW.

Also sagt Christ zur Zielsetzung: «Wir wollen dort reinspringen, wo anderswo die Erwartungen nicht erfüllt werden.» Vor allem aber sagt er noch: «Eine andere Mentalität haben wir drin.» Und: «Meine Wünsche wurden erfüllt, der Verein machte mit.»

Zukunftsfragen werden drängender

Zur Zukunft des FCW gehört aber nicht nur, was auf dem Platz passiert. Denn ein Jahr nach der Ankündigung Hannes W. Kellers, sich als Präsident und ab 2017 auch als hauptsächlicher Geldgeber zurückzuziehen, ist – ausser Gesprächen – noch wenig passiert. Es sollte im nächsten halben Jahr aber Massgebliches passieren, bis zum Zeitpunkt, da die Lizenz für die Saison 2017/18 zu beantragen ist – und dies eben ohne Kellers Garantien. Die aktuelle Saison ist noch so gesichert, als Budget zeichnet sich erneut ein Aufwand von rund vier Millionen Franken ab – «mit erhöhtem Kostenbewusstsein», wie es Geschäftsführer Andreas Mösli mit erhöhtem Sprachbewusstsein formuliert.

Idealfall wäre, der FCW brächte es auf eine Million jährlich an «frischem Geld». Dass dies nicht durch eine «Eins-zu-Eins-Nachfolge» für Keller geschenen kann, ist mehr als realistisch. Es muss also eine breitere Abstützung angestrebt werden. Aber es gibt das positive Signal, dass der neue Fernsehvertrag eindeutig mehr Geld einbringt, für einen Klub wie den FCW 300 000 Franken. Und weiterhin gibt es die Variante, dass jährlich eine ähnliche Summe fliesst, wenn die Wiler Türken mit dem FC Winterthur die eigentlich geplante Zusammenarbeit im Nachwuchswesen tatsächlich eingehen. Weil die Wiler von der Liga verdonnert wurden, noch ein Jahr mit St. Gallen zusammenzuarbeiten, liegt hat das Projekt in Wil offensichtlich keine Priorität, ist also noch nicht von einer «gesicherten Geldquelle» für den FCW zu reden.

Immerhin, es zeichnet sich ab, dass auf der Schützi wieder mehr Saisonkarten verkaufen werden, 1200 bis 1500 statt, wie zuletzt, 1000. Für einen Klub der Challenge League ist das nicht schlecht. (landbote.ch)

Erstellt: 22.07.2016, 22:53 Uhr

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