Ausstellung

Die «Granaten» waren der Bank zu «heikel»

Die Political Correctness ist in der Winterthurer Kunstszene angekommen. Im Kunstforum der Raiffeisenbank am Bahnhofplatz durfte Jan Sebestas Wandarbeit nicht bleiben. Die Ausstellung mit Werken von Jürgen Baumann, Maya Bringolf und Valentin Magaro dauert bis Ende Februar.

52 Anstoss erregende Objekte aus Schaumstoff. Jan Sebesta: «Sweet Proliferation», 2017.

52 Anstoss erregende Objekte aus Schaumstoff. Jan Sebesta: «Sweet Proliferation», 2017. Bild: PD

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Als die freie Kuratorin Katja Baumhoff im Kunstforum Raiff­eisen die Gruppenausstellung «Remis: Minecraft» im letzten September einrichtete, ahnte sie, dass die Wandinstallation von Jan Sebesta Sprengkraft entwickeln könnte. Den Ausgang konnte sie allerdings nicht voraussehen. Der 39-jährige aus Tschechien stammende Künstler, einer der anregendsten in der Winterthurer Szene, hatte eine Wandinstallation mit dem Titel «Sweet Proliferation» (Süsse Ausbreitung) eingerichtet. Sie bestand aus 52 pinkfarbenen «Handgranaten» aus Schaumstoff, die präzise in vier Reihen angeordnet waren.

Im Prinzip war es ein Werk von minimalistischer Anmutung, aber gepfeffert mit einer politischen Dimension. Sebesta trieb das hintersinnige Spiel noch weiter. Entgegen dem Prinzip des Minimalismus, wo jedes Element gleichwertig ist, führte er unterschiedliche Preisklassen ein. Je nach Reihe, wo sich das auch als Stressball verwendbare Objekt befand, bezahlte der Käufer einen unterschiedlichen Preis – ein subtiler Kommentar auf das Prestigeverhalten, nicht nur in der Arena der Kunst.

Rückzieher vor der Vernissage

Noch während des Aufbaus der Ausstellung schien alles in Ordnung. Die Bankleitung hatte dem Konzept der Ausstellung, der Besetzung und auch den Schaum­stoffgranaten zugestimmt. Neben Sebesta sind Jürgen Baumann, Maya Bringolf und Valentin Magaro vertreten. Doch zwei Tage vor der Vernissage bat die Bankleitung die Kuratorin, Se­bestas Wandarbeit zu entfernen. Von Kunden sei es zu Beschwerden gekommen, wurde Baumhoff erklärt. Die «Granaten» seien in den Geschäftsräumen zu «heikel», beschied die Bank.

Die Leitung willigte jedoch ein, dass die Installation wenigstens an der Vernissage gezeigt werden durfte. «So konnte ich in meiner Einführung auf die Zensur aufmerksam machen», betont Baumhoff. Geglückt war auch Sebestas Kunstaktion, ein spontanes Verkaufshappening. Alle seine «Handgranaten» wurden von Anwesenden innerhalb von 20 Minuten erworben.

Der Erlös ging auf Wunsch des Künstlers an die karitative Organisation «Zweimal Weihnachten». «Ich bin sehr dankbar für das Zeichen der Solidarität», sagt Sebesta. Er hat auf der leeren Wand ein dunkelblaues Poster angebracht. Darauf steht «sold out» (ausverkauft). Kathrin Bänziger, Mitglied des Leitungskollektivs der Künstlergruppe, ist froh darüber, dass der Künstler und die Kuratorin so kreativ auf die Herausforderung reagierten.

Kunst unter Druck

Was hier im provinziellem Rahmen geschah, der Eingriff in den Freiraum der Kunst, ist in Metropolen wie Berlin, Paris, London oder New York ein schon länger kontrovers debattiertes Thema. Die aus den USA stammendePolitical-Correctness-Bewegung fordert im Prinzip Respekt für alles und alle.

Jüngst wurde ein Gedicht des Schweizer Avantgardedichters Eugen Gomringer auf der Fassade einer Berliner Hochschule unter Protest entfernt. Feministinnen waren gegen das Poem Sturm gelaufen. In Manchester (GB) wurde ein leicht erotisches Bild mit Nymphen und einem Jüngling aus einer Sammlung entfernt, weil es Anstoss erregen könnte. Und in kulturliberalen Kreisen fragt man sich bereits besorgt, wann als Nächstes das erotische Spätwerk Picassos in den Depots verschwindet und Tizian auf dem Index steht. Doch nicht allein das Erotische provoziert, politische Kunst ist schon länger im Visier ganz unterschiedlicher Gruppen.

Darf beispielsweise eine weisse Künstlerin das schwarze Opfer eines Lynchmordes zum Motiv ihres Bildes machen? Dana Schutz zerbrach beinahe unter der heftigen Kontroverse, die ihr Bild in einer Ausstellung im Whitney Museum in New York auslöste. Der Freiraum Kunst könnte sich also bereits als Vergangenheit entpuppen, das Ideal und die Utopie der Moderne als eine kurzlebige Phase – nicht zuletzt unter dem Druck aus dem Internet.

Spielen und Zocken

Zurück zum Raiffeisen-Kunstforum, wo Baumhoff das bekannte Spiel «Minecraft» und das Spielen als Befreiung von alltäglichen Zwängen zur Vorgabe gemacht hatte. Valentin Magaro hält sich am engsten daran. Er übernimmt die würfelförmigen Landschafts- und Stadtszenerien für seinen eigenen Bildkosmos, den er sukzessive mit fernöstlichen Ungeheuern und Göttern sowie westlichen Sexikonen in seiner fünfteiligen Serie von Acryl- und Tuschcollagen bevölkert. (Warum hat hier die Bankleitung im Namen ihrer Mitarbeiterinnen und Kundinnen nicht interveniert, verwendet Magaro doch das Klischee der Frau als Sexobjekt?)

Vertraut dürfte den Bankern das Börsenparkett in den beiden digitalen Inkjetfotocollagen von Maya Bringolf sein. Sie handeln auch vom Spielen, nicht zuletzt vom Zocken, aber nicht nur. Bringolf gibt der Satire einen besonderen Dreh, indem sie in einer Version einen wunderschönen, üppigen Barockaltar als zentrales Element integriert hat. An beiden Orten huldigt man.

Spielen als Bastelei

Jürgen Baumann, der sich dieser Tage in das städtische Atelier in Kairo abgesetzt hat, bleibt ein Rätsel, was man sich von seinen Werken gewohnt ist und nicht weiter beunruhigt. Immerhin lässt sich so viel erahnen bei der Betrachtung seiner Assemblage aus verschiedenen Materialen und einem Elektromotörchen: Das Spielen als Bastelei machte dem Künstler unheimlich Spass. Leider setzte die Ausstellungsaufsicht den Elektroantrieb nicht in Gang, was den Betrachter vermutlich um ein vergnügliches Spektakel gebracht hat. Zu gern hätte man den künstlichen grünen Farn wackeln sehen.

Die Ausstellungsserie «Remis» wird fortgesetzt. Das Kunstforum in der Raiffeisenbank wird von der Künstlergruppe Winterthur betrieben. Sie hat noch einen einjährigen Vertrag mit dem Bankinstitut. (Der Landbote)

Erstellt: 04.02.2018, 16:00 Uhr

Infobox

Raiffeisen-Kunstforum am Bahnhofplatz. Bis Ende Februar. Mo bis Fr, 13.30–16.30 Uhr. Am Bankschalter melden.

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