Thalheim

Die grösste Sammelstelle für Getreide könnte ihren Bahnanschluss verlieren

SBB Cargo überprüft momentan, ob sie den Bahnanschluss für die Getreidesammelstelle Thalheim aufheben soll. Die Folge wären mehr Lastwagen.

Der Bedienpunkt von SBB Cargo bei der Thalheimer Getreidesammelstelle wird derzeit überprüft.

Der Bedienpunkt von SBB Cargo bei der Thalheimer Getreidesammelstelle wird derzeit überprüft. Bild: Marc Dahinden

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Die diesjährige Getreideernte ist weitgehend eingefahren. Und erst noch im Mai feierte die Sammelstelle für Getreide in Thalheim an einem Tag der offenen Tür die Einweihung neuer Lagersilos.

Doch über der Getreidesammelstelle beim Bahnhof Thalheim-Altikon schwebt ein Damoklesschwert: Schliesst SBB Cargo den dortigen sogenannten Bedienpunkt, also den Anschluss ans Schienennetz?

Getreidesammelstellen seien von solchen Schliessungen «akut bedroht», wie drei Kantonsräte aus der Region im März in einer Anfrage an den Zürcher Regierungsrat geschrieben haben. Konrad Langhart (SVP, Oberstammheim), Martin Zuber (SVP, Waltalingen) und Martin Hübscher (SVP, Wiesendangen) rechneten damals vor: Beim Wegfall des Bahnanschlusses der Thalheimer Getreidesammelstelle mit rund 20 000 Tonnen Getreide jährlich wären rund 1000 zusätzliche Lastwagen die Folge, «welche praktisch alle durch die engen Durchfahrten von Eschlikon, Welsikon und Seuzach von und zur überlasteten Autobahn fahren müssten».

Das Getreide wird jeweils in die Swissmill nach Zürich transportiert. Die Getreidesammelstelle Thalheim wurde 1964 in Betrieb genommen und ist die grösste in der Schweiz.

«Politischer Anstand»

Will SBB Cargo den Bahnanschluss für die Getreidesammelstelle schliessen? «Der politische Anstand gebietet es uns grundsätzlich, parlamentarische Anfragen nicht vor der offiziellen Antwort zu behandeln», schrieb SBB-Sprecher Daniele Pallecchi Anfang Mai. Nur so viel: Der Bund fordere, dass das Angebot von SBB Cargo eigenwirtschaftlich betrieben werde. «Entsprechend müssen Bedienpunkte, an denen zwei oder weniger Wagen täglich verkehren, überprüft werden.»

«Aus unserer Sicht ist es sehr unglücklich, dass die SBB mit der Anzahl Wagen argumentieren.» Rolf Häusler, Geschäftsführer der Sammelstelle

Ob dies im Falle der Getreidesammelstelle Thalheim so sei, sagte Pallecchi nicht und verwies stattdessen auf die derzeit laufende Überprüfung der Bedienpunkte im Kanton Zürich. Die Analyse laufe noch, hiess es kürzlich seitens der SBB-Medienstelle, «zu berichten gibt es noch nichts». Laut der Nachrichtenagentur SDA dauert der Überprüfungsprozess der Zürcher Cargo-Bedienpunkte noch bis Ende Jahr.

Heute grössere Bahnwagen

Mehr ist bei der Getreidesammelstelle direkt zu erfahren. Die Sammelstelle befördere pro Jahr zwischen 15 000 und 20 000 Tonnen Getreide auf der Schiene zu ihren Abnehmern, sagt Geschäftsführer Rolf Häusler.

Ein Bahnwagen werde im Durchschnitt mit rund 60 Tonnen Getreide beladen, was somit 250 bis maximal 330 Wagen pro Jahr ergebe. «Was demnach unter zwei Wagen pro Tag zu liegen kommt», so Häusler. Das ist jener Schwellenwert, der eine Überprüfung des Bahnanschlusses auslöst.

«Aus unserer Sicht ist es sehr unglücklich, dass die SBB mit der Anzahl Wagen argumentieren, zahlen wir die Frachtkosten doch aufgrund des Gewichtes.» Das Spezielle daran: Würde die Thalheimer Getreidesammelstelle die gleiche Menge Getreide in den alten SBB-Wagen mit einem Fassungsvermögen von 28 Tonnen abtransportieren, «würden wir die geforderten zwei Wagen erreichen», rechnet Häusler vor.

SBB Cargo betreibt derzeit 340 Bedienpunkte in der Schweiz. Über die eine Hälfte dieser Bahnanschlüsse verkehren 90 Prozent der transportierten Wagen, die restlichen 10 Prozent der Bahnwagen über die andere Hälfte der Bedienpunkte.

Auf den Fahrplanwechsel 2011/2012 sind in der Region die Bedienpunkte Henggart, Marthalen, Elgg und Winterthur-Wülflingen aus Rentabilitätsgründen geschlossen worden. Davon waren vor allem jene Landwirte betroffen, die ihre Zuckerrüben bisher auf die Bahn Richtung Zuckerfabrik Frauenfeld verladen haben.

Es sind solche Schliessungen auf dem Land, welche die drei Kantonsräte aus der Region kritisieren. «Es werden laufend Standorte gestrichen, und dann wundert man sich, wenn die Umsätze zurückgehen», schreiben sie in ihrer Anfrage.

Die weiteren Abbaupläne der SBB bezeichnen sie als unverständlich – aus ökologischen, verkehrstechnischen und wirtschaftlichen Gründen. Auch hätten viele Getreidesammelstellen viel Geld in die Infrastruktur für den Bahnverlad investiert. Bei einer Stilllegung würden diese Investitionen «auf einen Schlag wertlos».

Kanton hat nicht viel zu sagen

Die Antwort des Zürcher Regierungsrates auf die Anfrage der drei Kantonsräte ist nicht besonders ergiebig. Die Regierung teile die Einschätzung, dass der Massengüterverkehr möglichst mit der Bahn erfolgen solle.

Der Bahnanteil am Massengüterverkehr soll sogar noch erhöht werden. Dafür zählt der Kanton verschiedene Absichten und Massnahmen auf, nur: «Bei der Beurteilung der kantonalen Einflussmöglichkeiten ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Spielraum des Kantons beschränkt ist», schreibt der Regierungsrat. Denn wichtige Verkehrsinfrastrukturen befänden sich in Bundeskompetenz.

Zudem würden die Transportbedingungen jeweils direkt zwischen SBB Cargo und den privaten Verladern nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen ausgehandelt, «worauf der Regierungsrat keinen Einfluss nehmen kann», schreibt dieser weiter.

Der Regierungsrat zeigt ausserdem auch ein gewisses Verständnis dafür, dass SBB Cargo nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten handeln muss. Das SBB-Tochterunternehmen habe dem Kanton Zürich zugesichert, dass vor einer allfälligen Schliessung eines Bedienpunktes Alternativen zur täglichen Bedienung geprüft würden.

Ausbau und Abbau zugleich?

Die Thalheimer Getreidesammelstelle wurde schon mehrmals erweitert. Zudem hat der Bund die Sammelstelle ab 2018 dersogenannten Pflichtlagerhaltung unterstellt. Damit muss die Sammelstelle ab diesem Sommer mindestens 1000 Tonnen zusätzliches Pflichtlager für Getreide bereithalten.

Dafür wurde sogar ein neuer, grosser Betonsilo gebaut. Somit kann die Getreidesammelstelle ab diesem Sommer gegen 30 000 Tonnen Getreide lagern. Während also die Sammelstelle erst kürzlich vergrössert worden ist, prüfen die SBB fast zeitgleich die Schliessung des Bahnanschlusses.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.07.2018, 18:43 Uhr

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