Religion

Die Grüze-Moschee schlägt neuen Kurs ein

Am Samstag ging der Ramadan zu Ende. In der Grüze-Moschee brachen am Sonntagmorgen über tausend Muslime zusammen das Fasten. Es wurde gebetet – und über Integration gesprochen.

Sonntagmorgen, sechs Uhr: Wer es nicht mehr in die Moschee geschafft hat, betet im Freien. Bild: Marc Dahinden

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Morgen 5:30 Uhr im Grüze-Quartier. Es dämmert. Vereinzelte junge Menschen sind erschöpft auf dem Nachhauseweg. Auf den klassischen Nach-Ausgangs-Snack müssen sie verzichten, denn der McDonalds hat schon geschlossen. Gleich hinter dem McDonalds aber, in der Grüze-Moschee des Islamisch-Albanischen Vereines, herrscht Hochbetrieb. Der Grund: Heute beginnt das «Bajram»-Fest, das Fest des Fastenbrechens. Die drei Tage, in denen das Ende des Ramadan gefeiert wird, gehören zu den wichtigsten Feiertage im Islam. Um das Fest einzuläuten, beginnt– noch vor Sonnenaufgang – eine Predigt und ein gemeinsames Gebet. Der Vereinsvorstand erwartete rund 1500 Gläubige, mehrere hundert kamen letztlich auch.

Wie zu Weihnachten in die Kirche, zieht es auch zu Bajram mehr Leute in die Moschee als gewöhnlich. Der Platz in der Moschee reicht bei weitem nicht aus. Männer mit weissen «Staff»-T-Shirts rollen darum auf dem Vorplatz der Moschee weisse Plastikstreifen aus. Sie sollen als Teppichersatz für das Gebet dienen. Und der wird gebraucht: Sowohl die Moschee, als auch der Vorplatz waren kurz nach 6 Uhr proppenvoll.

«Es ist Ruhe eingekehrt»

Nach dem Gebet essen die Muslime zum ersten Mal nach einem Monat wieder etwas bei Tageslicht. Sie brechen das Fasten mit Baklava, Türkischem Honig und Schöggeli. Dazu gibt es Red Bull, Cola und Kaffee. Man wünscht sich allerseits: «Urime festen e Fitër Bajramit» - ein frohes Fest.

Die Stimmung ist ausgelassen, es werden Selfies und Gruppenfotos geschossen. Danach werden die Männer nach Hause gehen und mit Frau und Familie feiern. Bei Bajram gehen nur die Männer in die Moschee – als Stellvertreter für die ganze Familie.

Sulejman Sulejmani, der die Veranstaltung organisiert hat, freut sich über die vielen Besucher. «Wenn die Probleme verschwinden, kommen die Leute», sagt er. Er spricht damit auf vereinsinterne Streitigkeiten an, die bis letztes Jahr für Spannungen in der Moschee sorgten. Es war ein Konflikt zwischen jüngeren und älteren Mitgliedern, der letzten Frühling in der Absetzung des bisherigen Vorstandes mündete. Es wurde ein neuer Vorstand gewählt, mit Sulejmani als Präsidenten. Doch die Wahl war nicht rechtens und der Fall wurde vor Bezirksgericht gebracht. Schliesslich trat die alte Führung doch noch zurück, seit Dezember amtet ein neuer vierköpfiger Vorstand. Obwohl im Handelsregister noch kein neuer Präsident vermerkt ist, gilt Sulejmani als neuer Chef des Vereins.

Neu Deutschkurse für Frauen

«Es ist Ruhe eingekehrt, und darüber bin ich einfach nur froh», sagt Sulejmani. Der neue Vorstand bestehe aus jüngeren, liberaleren Mitgliedern. Sulejmani selbst war zuvor jahrelang Präsident einer Tanzgruppe, die er als Plattform für die Integration junger Migranten betrachtete. Die Integration sieht er auch als eine der Hauptaufgaben der Moschee. So werden zum Beispiel neu in der Moschee Deutschkurse für Frauen angeboten, es werden Ausflüge organisiert mit dem Ziel, die Schweiz besser kennenzulernen, und die Jugendarbeit wird intensiviert.

Den Grossanlass Bajram sieht Sulejmani als gute Gelegenheit, die Gemeinde vom neuen Kurs zu überzeugen. So informierte Imam Imran Ameti bei der Predigt über den neuen Vorstand und dessen Projekte. Er sprach über Nächstenliebe, Solidarität und die Pflicht der Muslime, sich an einer guten Gesellschaft zu beteiligen. Es war das erste Mal, dass er in einer Predigt so direkt auf die Integration zu sprechen kam. Nach der Predigt raucht auch er ausgelassen mit den anderen Männern eine Zigarette. «Es gab keine Reklamationen über die Predigt, darum denke ich, die Botschaft wurde gutgeheissen», freut er sich. «In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass man sich als Muslim anpassen muss, egal wohin man geht». Ameti unterstützt den Kurs des neuen Vorstandes und sucht derzeit auch die stärkere Zusammenarbeit mit den Behörden.

Über die Neuausrichtung freut sich auch SP-Integrationspolitiker Blerim Bunjaku, der selbst Muslim ist. Er steht dem Verein beratend zur Seite. Mit Ameti und Sulejmani steht er in engem Kontakt. Bunjaku sieht die Moschee als Schlüssel zur besseren Integration. «Es gibt keinen anderen Ort, wo so viele Menschen mit Migrationshintergrund auf einen Schlag sind», sagt er. «Und wenn ein Imam solche Werte predigt, dann hat das schon Gewicht bei den Leuten.» Er sieht die Gemeinde auf einem guten Weg und hofft nun, dass sich die Moschee weiter für diese Projekte einsetzt, insbesondere für die Jugendarbeit. Denn: «Nichts schützt so sehr vor Radikalisierung wie ein gut funktionierender Moschee-Verein.»

Erstellt: 25.06.2017, 15:47 Uhr

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