Endlager

Die «heisse Zelle» wird zur heissen Kartoffel

Niemand will sie bei sich haben, die «heisse Zelle». Sie ist das gefährlichste Gebäude des «Tors zum Endlager» an der Erdoberfläche. Die Deutschen wollen sie nicht direkt an der Grenze, und die Weinländer sähen sie am liebsten im Aargau.

Riesige Vibrationsfahrzeuge der Nagra führten vor gut zwei Jahren seismische Messungen im Zürcher Weinland durch.

Riesige Vibrationsfahrzeuge der Nagra führten vor gut zwei Jahren seismische Messungen im Zürcher Weinland durch. Bild: Marc Dahinden

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Ob das Schweizer Endlager im Zürcher Weinland, im Unterland oder am Aargauer Bözberg gebaut wird: Erst kürzlich protestierten deutsche Gemeinden und Landkreise lautstark dagegen, dass die Schweiz ihr Endlager für Atommüll teils sehr nahe an der Staatsgrenze bauen will («Landbote» vom 11. Januar).

Dabei stand das grösste und gefährlichste Gebäude des «Tors zum Endlager» im Zentrum der Kritik, die sogenannte «heisse Zelle». In diesem Bau werden die in Castorbehältern herantransportierten hochradioaktiven Abfälle in kleinere Endlagerbehälter umverpackt, die dann mehrere hundert Meter unter der Erdoberfläche im Opalinuston endgelagert werden.

Den Aargauern aufhalsen?

An der Informationsveranstaltung des Bundesamtes für Energie (BFE) vom Mittwoch in Andelfingen erhitzte die «heisse Zelle» die Gemüter am meisten – wenn auch die Veranstaltung insgesamt unaufgeregt verlief (siehe Artikel rechts). Wieso baue man die «heisse Zelle» nicht im bestehenden Zwischenlager (Zwilag) im Kanton Aargau, wollte ein Vorstandsmitglied der Förderorganisation Pro Weinland in der Fragerunde wissen. Tatsächlich hat die Nagra vor wenigen Monaten vom BFE den Auftrag erhalten, den Bau der «heissen Zelle» auch anderswo zu prüfen als im «Tor zum Endlager» («Landbote» vom 2. September 2017). Die Nagra sähe darin kein Problem. In ihren Augen ist eine solche Hochsicherheitsanlage nicht standortgebunden – sie könnte also praktisch überall sicher gebaut werden. Anders verhält es sich mit der Geologie, dem Opalinuston, der je nach Region unterschiedlich gut geeignet ist für den Bau des Endlagers.

«Die Sicherheit ist nicht verhandelbar.»Stefan Jordi, Bundesamt für Energie

Beim «Tor zum Endlager» samt «heisser Zelle» gibt es also einen beträchtlichen Spielraum, wo diese Anlage gebaut werden kann. Nördlich der Lägern im Zürcher Unterland etwa hatte die Nagra einst zehn mögliche Standorte vorgeschlagen. Heute sind noch deren zwei übrig, wobei der eine Standort nur wenige hundert Meter von der deutschen Grenze entfernt liegt. Im Zürcher Weinland machte die Nagra acht Standortvorschläge für das «Tor zum Endlager». Der heute favorisierte Standort liegt keine zwei Kilometer vom Rhein und damit von der Staatsgrenze entfernt.

Spielraum für Politik

«Die Sicherheit ist nicht verhandelbar», antwortete Stefan Jordi vom BFE auf die Frage einer Andelfingerin, wieso die Bevölkerung bei der Suche nach einer geeigneten Geologie nicht mehr mitreden könne. Der Standort der Oberflächenanlage aber, des «Tors zum Endlager» also, sei diskutierbar. «Hier ist Partizipation möglich.» Nochmals zur Verdeutlichung: Die Sicherheit des «Tors zum Endlager» ist laut Nagra primär von den baulichen Eigenschaften abhängig und nicht vom Standort. Weil also der Standort nicht entscheidend ist für die Sicherheit, entsteht einerseits ein (Verhandlungs-)Spielraum, eine gewisse Wahlfreiheit. Andererseits aber, und das ist vor dem Hintergrund des deutschen Widerstandes von Bedeutung, gibt dieser Spielraum auch Raum für ein gewisses Schwarz-Peter-Spiel. Oder anders gesagt: Das «Tor zum Endlager» mit seiner «heissen Zelle» wird nun wie eine heisse Kartoffel herumgereicht.

Dass das BFE offenbar darauf gefasst ist, zeigte eine Äusserung von Jordi. Das gebe zwischen den Regionen «dann schon noch eine gewisse Diskussion», aber die müsse man führen. Und das BFE werde noch diskutieren müssen, wie der Ablauf dieser Diskussion stattfinden solle, «wenn man diese Option auftut». Die Möglichkeit also, die «heisse Zelle» an einem anderen Standort als heute geplant zu bauen – so etwa weiter weg von der Landesgrenze oder im Aargauer Zwischenlager. Jordi wies aber auch daraufhin, dass man am Aargauer Bözberg, wo sich auch das Zwischenlager befindet, keine Freude hätte, die «heisse Zelle» für das Weinländer Endlager zu übernehmen. Und ein Nagra-Vertreter betonte, dass eine solche Anlage dort erst noch gebaut werden müsste.

Mehr Transporte als Folge

Würden die abgebrannten Brennstäbe bereits im Zwischenlager in die kleineren Endlagerbehälter umverpackt, hätte dies ausserdem mehr Atomtransporte durch Winterthur ins Weinland zur Folge. Denn die kleineren Behälter für die Einlagerung im Opalinuston müssten für den Transport auf der Schiene oder Strasse zusätzlich verpackt werden. Und dieses Zusatzmaterial bedeut ein grösseres Volumen und damit mehr Transporte.

(Der Landbote)

Erstellt: 18.01.2018, 18:36 Uhr

«Noch nie eine so ruhige und sachliche Veranstaltung erlebt»

Erneut zeigte sich, an welch kleinem Ort der Weinländer Widerstand gegen das Endlager ist. Ganz anders ist die Lage ennet des Rheins.

Die Informationsveranstaltung des Bundesamtes für Energie (BFE) vom Mittwoch in Andelfingen dauerte eineinhalb Stunden – im deutschen Hohentengen gut eine Woche zuvor waren es zweieinhalb Stunden. Dort waren über 200 Personen anwesend, in Andelfingen nur etwa halb so viele. In Hohentengen gab es über 20 Voten aus dem Publikum, in Andelfingen gerade einmal deren acht. Zuerst wollte in Andelfingen gar niemand eine Frage stellen. «Das kann aber nicht sein, dass niemand eine Frage hat, das glaube ich nicht», sagte Monika Stauffer vom BFE. Und am Schluss der Fragerunde bilanzierte sie: «Ich habe noch fast nie eine so ruhige und sachliche Informationsveranstaltung erlebt.» In Hohentengen gab es Zwischenrufe, Zwischenapplaus und teils gehässige Voten. Nur: Würde Deutschland sein Endlager so nahe an der Grenze zur Schweiz planen, wäre die Gemütslage vermutlich genau spiegelverkehrt.

Auch in der Art der Kommunikation der Fachreferenten gab es Unterschiede zwischen Hohentengen und Andelfingen. Während die Schweizer Referenten in Deutschland teils unverständlich und unglücklich argumentierten, war die Kommunikation vorgestern in Andelfingen viel klarer und auch für Laien eher allgemein verständlich.
Drei Kantonsräte, darunter Martin Farner (FDP) und Konrad Langhart (SVP) aus Oberstammheim, haben diese Woche eine Anfrage an den Zürcher Regierungsrat verfasst. Auslöser sind der Druck aus Deutschland und die Kommunikationsart der Bundesbehörden. Die Kantonsräte wollen unter anderem wissen, wie der Regierungsrat dem deutschen Druck zu begegnen gedenke. Oder wie der Kommunikationsfluss zur Bevölkerung verbessert werden könnte. mab

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