Gemeinderat

Die höchste Winterthurerin sieht auch mit den Ohren

Als erste Grünliberale wird Annetta Steiner den Rat präsidieren. Die höchste Winterthurerin taucht auch gerne in die Natur ab, um Vögel zu beobachten und zu imitieren.

Das Vögelbeobachten in der Natur ist für Annetta Steiner ein schöner Ausgleich, gerade wenn im nächsten Jahr zahlreiche Termine warten.
Video: Till Hirsekorn

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6.15 Uhr, das Quartier Töss erwacht langsam unter sanftem Sonnenschimmer, während Annetta Steiner bereits mit wachem Blick in den Himmel schaut und etwas fixiert. Den Feldstecher braucht sie nicht. Es ist ein Grünfink, der von der Baumkrone auf die Geleise lugt.

«Ziu-ziu!», neben seinem grünlichen Federkleid erkennt man ihn auch an seinem scharfen Ruf. Die bald höchste Winterthurerin ist als lizenzierte Hobbyornithologin gerne in der Natur unterwegs und geht «birden», in den Bergen, aber genauso gerne in den Wäldern und in artenreichem Kulturland in der Region. Dafür muss sie früh aus den Federn, am Morgen sind Vögel am aktivsten.

«Zizibää! Zizibää!»

Über den Reitplatz fahren wir entlang der Töss ins Linsental, wo seit ein paar Jahren ein Eisvogelpärchen in einer Höhle an der Uferböschung nistet. «Aha, eine Singdrossel – und da singt eine Blaumeise! ‹Zizibää-zizibää.›» Hier draussen blüht Steiner auf, die im Stadtratswahlkampf zuweilen etwas verkrampft gewirkt hatte. Beim Birden lerne man, auch mit den Ohren zu sehen. Das habe sie von Anfang an fasziniert.

Das Fernrohr ist noch nicht montiert, schon flitzt ein Eisvogel aus dem Loch und postiert sich auf einem Pfosten und streckt uns erst sein oranges Brüstchen entgegen, dann den schillernd blauen Rücken. Der schwarze Schnabel verrät: Es ist ein Männchen. Doch brütet das Vogelpaar bereits?

«Eher nicht, sonst würde er eifriger mit Fisch im Schnabel reinfliegen und manchmal mit Kot der Jungen im Mund wieder nach draussen, um die Höhle zu säubern», sagt Steiner und zeigt sogleich auf eine Bergstelze, die wippend über die Töss fliegt. Sie erkennt gegen 300 Vogelarten und gut 50 -stimmen. Beim Imitieren fehle ihr aber die Übung. Sie probiert es trotzdem und ahmt den Ruf des Waldkauzes nach.

Geschäfte durchpeitschen

Für die Natur und den Erhalt der Biodiversität setzt sich Steiner auch politisch ein. Vorstösse dazu wird sie im nächsten Jahr aber keine einreichen. Als Ratspräsidentin ist es ihre Aufgabe, das Parlament durch die Sitzungen und Geschäfte zu führen. Mit acht Jahren Erfahrung im Gemeinderat, davon vier als Präsidentin der Aufsichtskommission, zählt sie zu den Routiniertesten im Rat.

Respekt vor der Aufgabe hat sie gleichwohl, und sie freut sich darauf, mit einem frisch gewählten Stadtrat und Parlament die neue Legislatur zu eröffnen. «Ich gehe davon aus, dass weiterhin konstruktiv politisiert wird.» Konstruktiv hiesse auch, die Geschäfte schneller zu verabschieden. Ihr Vorgänger Felix Landolt (SP) mahnte in seiner Abschiedssitzung, dass zu viele Vorstösse liegen geblieben seien. «Auch der Rat hat es in der Hand, dass es vorwärtsgeht in Winterthur», sagt sie, die als erste Grünliberale zuoberst vom Bock aufs Parlament schaut.

«Action heute!»

Inzwischen hat Steiner Folien und Schablonen von Grün-, Schwarz- und Buntspecht auf der Sitzbank ausgebreitet, erklärt sie, wie sich Herr und Frau Specht mit ziehenden Rufen beim Bau einer Höhle abwechseln und dass die mit Widerhaken bestückte Zunge der Grünspechte so lange ist, dass sie sich innen bis über die Schädeldecke zurückrollt.

Und dass Spechte eher lachen als zirpen. Schon flattert ein Schwarzspecht vorbei. «Action heute!» Auf dem Weg über Sennhof und Seen begegnen uns noch Stare, Rotmilane, Gartengrasmücken und Gartenbaumläufer (ihr Lieblingsvogel) und zuletzt noch eine Goldammer.

Nach vier Stunden birden holt die Co-Präsidentin der Grünliberalen wieder der politische Alltag ein. Für den anstehenden Wahlkampf fürs Schulpflegepräsidium müssen noch Plakatwände abgeholt und montiert werden. 2018 wird für die höchste Winterthurerin wohl das intensivste Jahr ihrer bisherigen Karriere.

«Ich freue mich richtig darauf, an den vielen Anlässen unter die unterschiedlichsten Leute zu kommen, vielleicht da und dort auch unter ein paar schräge Vögel», sagt sie und schmunzelt. Die Batterien lädt sie dann gerne wieder im Grünen auf, bei Amsel, Drossel, Fink und Star. (Der Landbote)

Erstellt: 13.05.2018, 14:35 Uhr

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