Rickenbach

«Die Idee ist, dass sich Rickenbach als Partykirche profiliert»

Nach über 13 Jahren tritt Jörg Leuthold als Pfarrer der reformierten Kirche Rickenbach zurück. Im Interview erzählt er, warum er am Aufbau eines modernen Gottesdiensts mitgewirkt hat.

Am Sonntag fand in Rickenbach der Abschied für Pfarrer Jörg Leuthold statt und zugleich zum zehnten Mal ein moderner Gottesdienst.

Am Sonntag fand in Rickenbach der Abschied für Pfarrer Jörg Leuthold statt und zugleich zum zehnten Mal ein moderner Gottesdienst. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Sonntag stimmt man in Rickenbach über die Fusion zur Kirchgemeinde Seuzach-Thurtal ab. Um gegen den Mitgliederschwund vorzugehen, setzen Sie aber auch auf modernere Gottesdienste. Wieso?
Jörg Leuthold: Der normale Gottesdienst kriselt. In Rickenbach sind wir dann manchmal noch etwa 15 Personen. Wir wollten deshalb einen anderen Gottesdienst machen. «Rock My Soul» nennen wir ihn. Es funktioniert. Im Schnitt kamen etwa70 Personen. Bereits zehnmal ­haben wir das durchgeführt. Als diesen Herbst die ehemalige Gemeindepräsidentin Bea Pfeifer und der neue Gemeindepräsident Robert Hinnen von einem bewegenden Erlebnis berichtet haben, erschienen gar gegen 100 Personen.

Worin unterscheidet sichdieser Gottesdienst?
Es gibt nur eine kurze Predigt, ­etwa zwei Minuten lang, dann erzählen drei oder vier verschiedene Personen von Erlebnissen, bei denen ihre Seele «gerockt» wurde. Das kann ein positives, aber auch ein negatives Erlebnis gewesen sein. Ein solcher Bericht ist auch eher kurz, etwa vier ­Minuten. Dazwischen spielt eine Band aus der Gemeinde, die mit ihren Liedern an die Tradition der rockigen Gospels anknüpft.

Damit will man jüngere Leute erreichen. Klappt das?
Ja, zwar sind darunter vielfach auch Junge, die vor ihrer Kon­firmation den Gottesdienst besuchen müssen. Diese bringen dann aber oft auch ihre Eltern mit, ­dadurch haben wir ein jüngeres Publikum. Einzelne treue Kirchgänger haben uns hingegen auch schon mitgeteilt, dass es ihnen zu laut ist und sie deshalb in diesen moderneren Gottesdienst nicht mehr kommen wollen.

Die Freikirchen setzen bereits seit langem auf moderne Gottesdienste. Wie unterscheidet man sich da noch?
Wir haben das zum Teil bei den Freikirchen abgeschaut. Wir unterscheiden uns aber beispielsweise in den Erlebnisberichten. Es muss dabei nicht immer zwingend die Grösse Gottes ausgedrückt werden.

Sie sind also weniger ­fundamentalistisch?
Ja, wobei auch die Freikirchen längst nicht mehr so fundamentalistisch sind wie früher.

Bei allem Wandel: Was muss bestehen bleiben?
Wir müssen weiterhin für alle da sein. Das ist aber schwieriger ­geworden, weil die Gesellschaft fragmentierter ist, deshalb müssen wir vielfältiger werden. Einige haben gerne eine 15-minütige Predigt, andere nicht. Wir müssen alle abholen, aber nicht alle mit demselben Angebot.

Das ist auch eine Geldfrage.
Ja, aber pro Person kostet uns ein spezieller Gottesdienst weniger als ein normaler, bei dem nur etwas mehr als ein Dutzend Personen auftauchen. Um mehr Budget für spezielle Gottesdienste zu haben, ist die Stelle der 2016 zurückgetretenen Organistin nicht mehr voll besetzt worden. Die Hobbymusiker der Band erhalten jeweils 50- oder 100-Franken-Gutscheine vom Volg oder von der Migros, je nach Aufwand, den sie hatten. Insgesamt kostet uns die Band etwa so viel, wie wenn an einem Festtag zur Organistin noch ein Solomusiker spielt.

Kann dieses Angebot nach einer allfälligen Fusion beibehalten werden?
Ja, die Idee ist, dass sich Rickenbach innerhalb der neuen Kirchgemeinde als Partykirche profiliert, überspitzt ausgedrückt. Ein Argument für die Fusion ist ja auch, dass die Gemeinden sich klarer definieren. Wir veranstalten in Rickenbach auch Feste für die Jubiläen von Hochzeiten oder Konfirmationen.

Lauert da nicht die Gefahr, Leute auszuschliessen?
Es ist eben nicht eine Sache von Entweder-oder. Wenn wir moderne Veranstaltungen organisieren, heisst das nicht, dass wir gegen traditionelle sind. Aber es gibt Leute, die können mit den traditionellen Gottesdiensten nichts anfangen. So nüchtern und still wie wir feiert ja sonst niemand Gottesdienste, dieses ganz strenge Zwinglianische. Es ist ein Versuch, das aufzubrechen.

Erstellt: 19.11.2018, 17:49 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.