Fussball

Die lange Lehre in englischen Strafräumen

Nach sechs Jahren im Ausland will Raphael Spiegel definitiv Fuss fassen als Torhüter Nummer 1 eines Profiklubs. Die Chance dazu erhält er beim FCW, der ihm einen Zweijahresvertrag gab und unmissverständlich auf ihn setzt.

Von London über Porto nach Wülflingen: Raphael Spiegel ist erstmals die Nummer 1 eines Profiklubs.

Von London über Porto nach Wülflingen: Raphael Spiegel ist erstmals die Nummer 1 eines Profiklubs. Bild: Heinz Diener

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

26 wird Raphael Spiegel aus Langendorf bei Solothurn im Dezember. Man kann also guten Gewissens sagen, es sei an der Zeit, dass er seine Lehre beendet hat und zumindest mal als Geselle, wenn nicht allmählich Meister, seine Karriere als Fussballtorhüter fortsetzt. Die Lehrzeit, das waren die Jahre im Nachwuchs der Grasshoppers und die fünf Saisons beim namhaften Premier-League-Klub West Ham United. Jahre mit Trainings auf höchstem Niveau, aber nie als Nummer 1. Was er dann auch nicht wurde, als es ihm eigentlich versprochen war, in der vergangenen Saison bei Boavista Porto in Portugals Liga NOS. Die Zeit bei GC endete 2011 als Stammgoalie der U21, der er mehrere Jahre war. 2009 in Nigeria gehörte er gar zu den U17-Weltmeistern. Die Nummer 1 war allerdings Benjamin Siegrist, der als bester Torhüter ausgezeichnet wurde, Spiegel stand dahinter. In Wil sollte er dann erste Tests in der Challenge League unternehmen, der Versuch missriet. Umso besser lief es dann, ab dem Spätherbst 2011, beim SC Brühl. Der stieg zwar wieder in die 1. Liga ab, doch Spiegel spielte immer – und das gut. Einmal auf der Schützenwiese gar seht gut. Erst kurz vor Schluss schoss Daniel Sereinig das 2:1 für den FCW, der in jenem Frühjahr die Cup-Halbfinals erreichte und beste Mannschaft der Challenge League war.

Die Arbeit mit Grössen

Es folgte im Sommer 2012 der grosse Sprung, über den Kanal und mit einem langfristigen Vertrag zu West Ham. Fünf Jahre sollte er dort bleiben, mal als Nummer 2 auf der Premier-League-Bank, immer wieder in der «Premier-League-2» mit der U23. Die Nummer 1 war jahrelang der Finne Jussi Jääskelainen, dann der Spanier Adrian. «Die Manager hatten Vertrauen in mich als Nummer 2,» sagt Spiegel, zuerst «Big Sam» Allardyce, dann Slaven Bilic. Rund 40mal sass Spiegel auf der Bank des «Eins», gut 70mal spielte er mit der U23. Vor allem aber «trainierte ich vom ersten Tag an und all die Jahre mit der ersten Mannschaft.» Er arbeitete mit einem Martyn Margetson, der mittlerweile Keepertrainer des Nationalteams ist, oder mit Chris Woods, selbst über 40mal Nationalgoalie. Nur eines blieb Spiegel versagt: Dass mal die Nummer 1 verletzt ausgewechselt oder vom Platz gestellt wurde – und er so zu wenigstens einem Auftritt in der berühmten Liga gekommen wäre.

«Die Manager hatten Vertrauen in mich als Nummer 2.»Raphael Spiegel

Was Spiegel aber lernte; «Sich auch in der Fremde durchzubeissen», wie er sagt. Immerhin, einmal gewann er mit der U23 deren Cup und deren Meisterschaft – «mit konstanten Leistungen.» In der Statistik scheint auch auf, Spiegel habe in seinem ersten Jahr in London gegen einen alten Kameraden in Diensten Arsenals gespielt, gegen Sead Hajrovic, ehedem GC-Nachwuchsmann und U17-Weltmeister wie er. Heute sind sie wieder beisammen, beim FCW. Spiegel sagt, er glaube, «mal gegen Sead gespielt zu haben.» Der kann sich überhaupt nicht daran erinnern. Die Chronik aber sagt, dass sie sich im Herbst 2012 und im Frühjahr 2013 gleich viermal trafen, dreimal siegte West Ham mit Torhüter Spiegel, einmal gabs ein Unentschieden …

Im dritten Jahr bei den «Hammers» liess sich Spiegel dreimal für einen Monat ausleihen, mal in die drittklassige League 1 (Crawley), mal in die League 2 (Carlisle), mal in die fünftklassige National League (Barnet). Das sei nicht gewinnbringend gewesen, denkt er heute. Im Frühjahr 2017, sein Vertrag wäre noch ein Jahr gelaufen, habe ihm Bilic beschieden, dass es für seine Entwicklung wohl besser wäre, wenn er sich einen Verein suche, in dem er mehr spielen könne. Spiegel traf das nicht, denn er sagt: «Für die Nummer 1 in der Premier League war ich noch nicht konstant und erfahren genug.»

Die Enttäuschung in Porto

«Also habe er sich da gesagt, schliesse ich mit West Ham ab und suche ich eine Chance als Nummer 1.» Da schien Boavista Porto, immerhin ein Klub aus Portugals weiterer Spitze, geeignet, einen nächsten Schritt zu tun. Boavista habe, erzählt Spiegel heute, «alles daran gesetzt, mich zu holen. Ich wurde als Nummer 1 verpflichtet.» Aber dann, «noch ehe ich überhaupt etwas zeigen konnte», wurde der Brasilianer Vagner zurückgeholt, der im Frühjahr zuvor leihweise bei Boavista gewesen war und gut gehalten hatte. «Trotz einer guten Vorbereitung habe ich nicht angefangen», fügt Spiegel bei. Nach wenigen Runden sei auch noch der Trainer, der ihn geholt habe, weggewesen. Es kam als neuer Coach Jorge Simao, «der redete mit mir kein Wort und ab November war ich nicht mal mehr im Aufgebot.»

«Iker Casillas war praktisch mein Nachbar.» Raphael Spiegel

Es sei auch das Goalietraining schlecht gewesen. Also habe er auf eigene Kosten «in einer Fussballschule einen guten jungen Trainer gefunden, mit dem ich zweimal in der Woche arbeitete – und den ich selbst bezahlte.» Zwischendurch gab es Monate, in denen er nicht mal den Lohn erhielt. Dabei wäre Porto eine schöne Stadt, er wohnte zehn Minuten vom Meer weg und «Iker Casillas war praktisch mein Nachbar.» Der ehemalige Welttorhüter und Weltmeister ist seit 2015 beim FC Porto. Es war also ein hartes Jahr für Spiegel und seine Frau, eine Kalifornierin, die er in Los Angeles kennengelernt hat.

«Ein Leader sein»

Jetzt wohnen die Spiegels in Wülflingen – es passt ihnen bestens. Die Familie und alte Kollegen, manche aus seiner Zürcher Zeit, leben näher. Und in Winterthur ist er nun auch erstmals die Nummer 1 eines Profiklubs. So weltstädtisch wie London ist die Stadt natürlich nicht, zwar nicht ganz so teuer wie die britische Metropole, aber doch wesentlich teurer als Porto. Entscheidend aber ist «auf dem Platz». Massgeblich ist, mit dem FCW das erste Ziel zu erreichen, «eine gute Saison zu spielen.» In diesem Umfeld habe er «auch den Anspruch, ein Leader zu sein, ein Vorbild. Als einer der immerhin fünf Jahre mit einer Premier-League-Mannschaft trainiert hat.» Dessen lange Lehrzeit also definitiv zu Ende sein soll. Mit seinen 1,97 m Grösse bringt er auf jeden Fall auch die erforderlichen Zentimeter und physische Präsenz mit, mit dem Fuss ist er weniger elegant als Vorgänger Matthias Minder.

Der Start in Wil ist nun zwar missraten. «Aber jeder weiss, dass diese zweite Halbzeit ‚Kabis‘ war», sagt Spiegel. Fünf Jahre in englischen Strafräumen müssen ihm ja den Blick für die Realitäten geschärft, ihm die mentale Härte verliehen haben, die eine Mannschaft wie der FCW besonders braucht. Zumal nach Niederlagen.

Erstellt: 26.07.2018, 20:29 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!