Vulkan-Areal

Die mit den Pflanzen tanzt

Die in New York lebende Künstlerin Andrea Hänggi interessiert sich für Unkraut – und was es mit Städten macht. Ihr aktuelles Atelier ist der Vulkan-Schrebergarten in Zürich-Altstetten. Dort, wo bald die Bagger für ein neues Hockeystadion auffahren.

Fühlt sich wohl im Unkraut: Andrea Hänggi zeichnet den wilden Garten.

Fühlt sich wohl im Unkraut: Andrea Hänggi zeichnet den wilden Garten. Bild: Gianluca Rigamonti

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Also was genau macht sie jetzt da? Es braucht Zeit, um zu verstehen, was Andrea Hänggi auf dem Vulkan-Areal in Zürich-Altstetten treibt, inmitten von jenen 122 Schrebergärten, die bis gestern geräumt werden mussten, um der geplanten ZSC-Arena Platz zu machen.«Warte», sagt die Künstlerin. Von einer nahen Feuerstelle holt sie ein Stück Kohle, hält es über ihren Zeichenblock, fixiert einen Strauch und hält inne. 15 Sekunden verstreichen. Dann führt sie einen Strich aus. «Ich lasse mich ganz auf ihn ein und warte auf eine Bewegung, einen Ton, und dann übertrage ich es auf Papier.»

In jedem der Schrebergärten will Hänggi eine solche Zeichnung anfertigen. Entstehen könne daraus ein «Movement Her­barium», ein Büchlein mit jenen Pflanzen, die bald dem Asphalt weichen müssen. Aber das sei noch nicht ganz sicher. Vorerst dokumentiert sie ihr Projekt in einem Blog. Es trägt den Titel «Der Garten ist leer».

Abschiedsritual

Ideen hat Andrea Hänggi viele. Aktuell sucht sie nach einer Form, um Danke zu sagen: den Pflanzen, aber auch den Leuten, die sich in den letzten Jahrzehnten um diese Grünflächen gekümmert haben. Dazu lädt sie die Pächter zu einem Abschieds­ritual ein. Vielleicht spaziere man gemeinsam rückwärts durch die Gärten, vielleicht werde man zusammen tanzen, vielleicht einfach nur still sein. Jeder und jede soll eine passende Form finden. Mit einer befreundeten Künstlerin wird sie eine Performance aufführen, in der sie die Bewegungen der Pflanzen in tänzerische Sprache umwandelt.

Seit sie vor sechs Wochen für ihre Arbeit eine verlassene Parzelle übernehmen konnte, hat sie mit vielen betroffenen Pächtern gesprochen. Sie hat verärgerte und enttäuschte Menschen angetroffen und ganze Lebensgeschichten gehört.

Viele grüssen Andrea Hänggi. Man kennt sie mittlerweile, die nette Frau mit dem englischen Akzent, die im roten Overall zwischen Sträuchern und Gestrüpp herumwuselt und irgendwas mit Kunst zu tun hat.

Tänzerin, Choreografin

Geboren im aargauischen Boswil, ist Andrea Hänggi mit 26 nach New York ausgewandert und hat Tanz studiert. Heute arbeitet sie auch als Choreografin, Performerin und visuelle Künstlerin. Sie ist Gründerin der Environmental Performance Agency, einer Künstlergruppe, die sich mit der Pflanzenwelt im urbanen Raum auseinandersetzt und die Erfahrungen in Skulpturen, Tänzen, Ausstellungen und Performances verarbeitet. «Klima, Umwelt und unser Zusammenleben in den Städten verändern sich. Damit muss sich auch die Kunst beschäftigen», sagt Hänggi.

Sie ist überzeugt, dass Pflanzen Antworten darauf geben, wie unsere Gesellschaft auf diese Veränderungen reagieren soll. «Aber man muss ihnen zuschauen, ihnen zuhören.» Erst recht in den Städten, wo man «green blind» geworden sei, die Natur oft gar nicht mehr wahrnehme und vergesse, dass wir ohne sie nicht leben können.

Hänggi zeigt auf Hexenkraut, Königskerzen, Wallwurz, Goldruten, Berufskraut – alles Gewächse, die sich in ihrem verlassenen Schrebergarten ausbreiten. «Pflanzen sind clever und reagieren sehr schnell auf Unruhe und Veränderung.» Es sind nicht Rosen und Tulpen, die sie faszinieren, sondern das, was andere ausreissen: widerstands- und anpassungsfähige Ruderalpflanzen, die zwischen Steinplatten hervorkriechen und sich in Gärten ausbreiten, sobald sie der Mensch verlassen hat.

Wieso jäten?

Angestossen hat das Projekt ihre Zwillingsschwester. Sie hat auf dem Vulkan-Areal eine Parzelle gepachtet und befasst sich als Ethnobiologin beruflich mit der Flora. Während andere ihren Schrebergarten hegen und pflegen, lässt sie die Natur, so gut es geht, gewähren, auch fremde, invasive Pflanzen. «Wieso alles jäten?», sagt sie. «Ist denn nur schön und wertvoll, was ordentlich und einheimisch ist?» Manches sogenanntes Unkraut könne als Lebens- oder Heilmittel verwendet werden. Zum Beispiel Mutterkraut gegen Migräne. «Nur ist das den meisten nicht bekannt.»

Andrea Hänggi will diesen wilden Pflanzen eine Stimme geben, sich von ihnen inspirieren lassen. «Sie sind meine Artdirectors», sagt sie.

Zum Abschluss ihres Kunstprojekts plant sie kommendes Jahr in Zürich eine Tanzaufführung. «Ziemlich sicher mit Pflanzen auf der Bühne», sagt sie und macht sich mit ihrem Zeichenblock auf zum nächsten Garten. Es gibt noch einiges Unkraut zu zeichnen. Und schon bald fahren die Bagger auf.


Der Blog zu Andrea Hänggis Projekt «Der Garten ist leer»: weedychoreography.com/abandonedgarden.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 31.10.2018, 20:54 Uhr

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