Persönlich

Die quirlige Künstlerin aus dem kühlen Norden

Christiane Chilardi wollte in Hamburg Maskenbildnerin werden, doch erst in Winterthur konnte sie ihre Kreativität ausleben. Jetzt spielen Kühe in ihrer Kunst eine grosse Rolle.

Aus alten Kuhhörnern entsteht unter ihren Händen fantasievolle Kunst: Christiane Ghilardi in ihrem Atelier.

Aus alten Kuhhörnern entsteht unter ihren Händen fantasievolle Kunst: Christiane Ghilardi in ihrem Atelier. Bild: Madeleine Schoder

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Traumhaft ist die Aussicht aus der Wohnung, in der Christiane Ghilardi und ihr Mann leben. Mitten in der Stadt und doch ruhig und schön. «Wir haben lange gesucht», sagt die quirlige Frau mit der violetten Stoffblüte in den grauen Locken. Wenn sie spricht, kann sie ihre norddeutsche Herkunft nicht verbergen. Seit 14 Jahren lebt die 61-Jährige hier, vorher pendelte sie einige Jahre zwischen Hamburg und Winterthur . Eigentlich wollte sie Maskenbildnerin werden, was damals in Deutschland kein Ausbildungsberuf war. Sie hätte nach der 10. Klasse das Gymnasium verlassen und Coiffeuse und Kosmetikerin lernen müssen, um sich dann bei einem Theater zur Maskenbildnerin ausbilden zu lassen. Ihre Eltern waren nicht begeistert und liessen sie das Abitur machen. Für die Abiturientin war es aussichtslos, eine Lehrstelle als Coiffeuse und Kosmetikerin zu finden. Der Traum von der Maskenbildnerin hatte sich erledigt. Über viele Umwege landete sie schliesslich in der Abteilung PR- und Öffentlichkeitsarbeit eines international tätigen Rohkaffeehandelshauses. «Die optische Seite dieser Arbeit kam mir sehr entgegen». Dort lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen, einen Schweizer.

Christiane Ghilardi zog aus der Weltstadt Hamburg in das beschauliche Winterthur. Sie habe sich nie besonders fremd gefühlt, denn das persönliche Umfeld sei sehr international und kosmopolitisch gewesen. «Durch die beruflichen Kontakte meines Mannes, auf die ich am Anfang angewiesen war, hatte ich mehr mit Ausländern zu tun als mit Schweizern.» Die Sprache am Tisch sei öfter Englisch als Deutsch oder gar Mundart gewesen. Sie fühle sich eher als Hamburgerin, denn als Deutsche. «Ich vermisse das flache Land, den Geruch der Küste, den Horizont.» An der Schweiz schätzt sie vor allen den sauberen und pünktlichen ÖV: «Eine wirkliche Errungenschaft».

«Ich vermisse das flache Land, den Geruch der Küste, den Horizont.»Christiane Ghilardi

Durch den Kurs Experimentelles Malen bei der Künstlerin Katharina Henking fand sie später dann rasch Anschluss an die Winterthurer Kunstszene. Als Henking jemanden suchte, der sie als Geschäftsführerin der Künstlergruppe Winterthur ablöste, übernahm Ghilardi 2009 diese Aufgabe. Daneben arbeitet sie als freischaffende Korrektorin, organisiert Ausstellungen, ist im Vorstand des Café des Arts, bildet mit Lucia Angela Cavegn die Plattforum kunstweise und engagiert sich als Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit. «Die Alphabetisierung ist eine Herkulesaufgabe, für die es auch Fantasie und Kreativität braucht. Aber Lesen und Schreiben zu lernen ist ein Menschenrecht.» Die Arbeit macht ihr Spass, die Geflüchteten würden viel zurückgeben.

Der Unterricht findet im Verwaltungsbau des alten Busdepots Deutweg statt. Im Busdepot Deutweg selber sind heute Flüchtlinge untergebracht, die zum Teil ihre Schüler sind. Die IG Busdepot hat den Abriss verhindern können und Christiane Ghilardi war von Anfang an dabei. Für sie schliesst sich ein Kreis: Die Gebäude, für die sich sie eingesetzt hat, sind einer neuen Nutzung zugeführt und ausgerechnet dort könne sie nun heute unterrichten. Für Ghilardi ein grosser Erfolg: «Ich bin nicht gegen Neues, aber eine Stadt darf ihr Gedächtnis nicht verlieren.» Es sei ihr wichtig, mitzureden und mitgestalten zu können. Leute, die nur klagen, aber nichts zur Verbesserung der Lage tun, sind nicht ihre Sache.

Neben all diesen Aufgaben hat sich Christiane Ghilardi als Installations- und Mixed-Mediakünstlerin einen Namen gemacht. Ihre Werke zeichnen sich oft durch einen humorvollen Blick auf die Dinge aus und sie arbeitet gern experimentell. Ihre Regenaquarelle beispielsweise entstehen zwischen Zufall und Kalkül: In ein von ihr entwickeltes und gebautes Gestell, das im Freien steht, werden gestanzte oder geschlitzte Papiere gelegt. Oben wird auf Hasendraht Aquarellfarbe aufgebracht. Regnet es, löst sich die Farbe und läuft oder tropft auf die Papiere.

Immer wieder sind Kühe ihr Thema. Sie hat kunterbunte Euter geformt, den Film «Das Goldene Euter in Winterthur» mit ihrem Künstlerkollegen Don Koko La Fuente realisiert, und demnächst steht ein Fotoshooting in einem antiken Kleid auf einer Kuh mit Hörnern an. Da ist es nur konsequent, dass sie die Hornkuhinitiative von Armin Capaul unterstützt und an ihren Ausstellungen Unterschriften dafür sammelt. Hörner vom Schlachthof sind ein wichtiges Rohmaterial für ihre Kunst, die sie auch schon in einer Kühltruhe lagerte, bis sie Zeit hatte, etwas daraus zu machen. Vor zwei Jahren, als sie gerade in Hamburg war, rief ihr Mann an. Die Kühltruhe im Keller würde blinken und piepen…. Als sie wieder daheim war und den Deckel öffnete, stank es grässlich. Die Hornpaare waren kurz vor der Verwesung. «Ich kann nun mal ganz schlecht Dinge wegwerfen», sagt sie lachend. Deshalb habe sie kurzerhand eine Elektroplatte auf die Dachterrasse gestellt und die stinkenden Hörner dort ausgekocht und anschliessend in Javelwasser gelegt. Bis auf ein Hornpaar, das zu gross für den Topf war, konnte sie alles retten.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.03.2017, 15:54 Uhr

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