FCW

Die Realität heisst nicht Barrage oder gar Aufstieg

Der FCW ging gegen den designierten Aufsteiger Servette im vierten Spiel zum dritten Mal in Führung. Am Ende verlor er zum vierten Mal. Dieses 2:3 war so vermeidbar wie den Realitäten entsprechend.

Dieses Foul von Sally Sarr an Ousmane Doumbia (vorne) führte zum Penalty, den Luka Sliskovic zum 2:1 für den FCW verwertete.

Dieses Foul von Sally Sarr an Ousmane Doumbia (vorne) führte zum Penalty, den Luka Sliskovic zum 2:1 für den FCW verwertete. Bild: Madeleine Schoder

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Mit einem 2:1 ging der FCW in die Pause, neun Minuten nach Wiederbeginn lag er 2:3 zurück. Dabei blieb es, und am Ende sieht die Saisonbilanz der Winterthurer gegen die Genfer so aus: vier Spiele, vier Niederlagen, 13 Gegentore. Diese (Zahlen-)Sprache ist klar. Aber es ist auch zu sagen: An diesem Samstag wäre ein Punktgewinn sehr wohl möglich gewesen oder wie es Trainer Ralf Loose sagte: «Es lag sogar mehr als ein Unentschieden drin.» Sein Gegenspieler Alain Geiger anerkannte: «Natürlich hätte das auch ein 3:3 sein können. Der FCW ist ein starker Gegner, und ich ziehe den Hut vor meiner Mannschaft, ihn viermal geschlagen zu haben. Es ist jedenfalls nicht schlecht, in Winterthur zu gewinnen.»

Sinnbild der Saison

Es war so: Der FCW, der bald 1:0 und dann bis zur Pause 2:1 führte, schnupperte an einem Punktgewinn gegen die Nummer 1 der Liga. Er hat seinen 4600 Zuschauern gute Unterhaltung geboten. Aber schliesslich hats ihm nicht für ein «nützliches» Resultat gereicht, was als Sinnbild für die ganze Saison zu sehen ist: Der FCW ist gut, so gut wie seit Jahren nicht mehr, aber sicher nicht die Nummer 1, höchstwahrscheinlich auch nicht die Nummer 2 der Liga. Servette kann er seit diesem Ostersamstag nicht mehr einholen, und Lausanne hat nach seinem souveränen 5:0 in Chiasso am späteren Samstagabend vor der letzten Direktbegegnung mit dem FCW am kommenden Freitag neun Punkte mehr. Die Winterthurer werden also aller Voraussicht nach Dritter vor oder Vierter hinter dem FC Aarau. Aber eben: Auch für diese Feststellung brauchte man dieses letzte Spitzenspiel der Saison auf der Schützi nicht mehr.

«Natürlich hätte das auch ein 3:3 sein können. Der FCW ist ein starker Gegner, und ich ziehe den Hut vor meiner Mannschaft, ihn viermal geschlagen zu haben. Es ist jedenfalls nicht schlecht, in Winterthur zu gewinnen.»Alain Geiger,
Trainer Servette

Servettes Sicht zu diesem nächsten Schritt auf dem Rückweg in die Super League war – als jene des Seriensiegers – diese: Die Mannschaft wirkte manchmal etwas nachlässig, ja sie spielte ein bisschen mit dem Feuer, wie schon öfter in diesem Frühjahr. Das belegen diese Zahlen: In den letzten acht Spielen geriet Servette sechsmal in Rückstand, mal – wie in Chiasso oder nun in Winterthur – gar zweimal, mal – wie in Aarau – gar 0:2. Aber verloren hat es keinen dieser Matches. Das zeigte natürlich die Klasse der Genfer, deren Trainer auch noch sagte: «Für uns spricht natürlich die Bank. Wir können von dort mehr bringen als die andern.» In Winterthur erschienen für den Angriff gegen Ende bewährte Skorer wie Mychell Da Silva und Alexandre Alphone, fürs Mittelfeld ein grosses Talent wie Kastriot Imeri und Daniel Follonier.

«Es ging zu einfach»

Die Sicht der Winterthurer ist eben jene Looses: «Wenn man den Aufwand sieht, den wir trieben – und wie leicht Servette zu seinen Toren kam.» Auch Verteidiger Dennis Markaj fand: «Servette steht nicht umsonst ganz oben. Aber es ging für ihn nach der Pause zu einfach.» Sportchef Oliver Kaiser bilanzierte so: «Das sind eben die paar Prozent, die noch fehlen» – von einer guten Mannschaft wie dem FCW zur Nummer 1 wie Servette.

Fakt war, dass in der höchst unterhaltsamen ersten Halbzeit beide Mannschaften leichter zu guten Torszenen kamen als erwartet – sehr wohl auch der FCW. Vor dem 1:0 wehrte Servettes Verteidiger Steve Rouiller zweimal unsouverän ab – und dann traf Roberto Alves aus 24 Metern in die rechte hohe Ecke, «mit dem linken Fuss, den wir ja kennen», wie Geiger feststellte. Vor dem 1:1 liess die Winterthurer Abwehr, bis hin zu Luca Radice, Miroslav Stevanovic vorstossen. Am Ende schob Tobias Schättin den Ball über die eigene Torlinie, beim missratenen Versuch, Koro Kone daran zu hindern, das zu tun. Das 2:1 war ein Elfmeter Luka Sliskovic. Ein Doppelfehler Sébastien Wüthrichs und Sally Sarrs hatten den spritzigen Ousmane Doumbia in beste Position gebracht, er wurde gefoult – und diese Notbremse Sarrs hätte sehr wohl über den Elfmeter hinaus mit einer Roten Karte belegt werden können.

Überforderte Jung-Verteidigung

Für die Wende gleich nach der Pause war dann massgeblich, «dass mein Führungsspieler rausging und nach zwei Minuten ein Tor fiel», wie es Loose formulierte. Der Führungsspieler, der sich mit Kopfschmerzen abmeldete, war Sead Hajrovic. Es war die Folge eines Zusammenstosses mit dem Kopf mit Kone schon nach gut zehn Minuten. Fünf weitere Minuten später stands 2:3. Der Ausgleich war zwar ein guter Angriff von Stefano Maccoppi über Alex Schalk, der von der Grundlinie flankte, zu Kone, der den Ball nur noch über die Linie zu schieben brauchte. Aber es war schon sehr offensichtlich, dass da die neue Innenverteidigung des FCW überfordert war, Gabriel Isik und der eingewechselte Marin Cavar, die beide im Juni erst 20 werden. Das 2:3 war dann ein -24-m-Hocheckschuss Wüthrichs im Stil Roberto Alves‘. Auch da wirkte die Winterthurer Defensive zu passiv, selbst Remo Arnold, der sonst mit Doumbia die üblich starke Doppelsechs bildete.

Diese Führung hielten die Genfer, obwohl sich der FCW bemühte. Die beste Chance arbeitete sich Taulant Seferi heraus, aber er scheiterte an Jérémy Frick. Es war typisch: Seferi spielte gut, aber seine drei besten Szenen hätten zu einem Tor führen müssen. «Offensiv ist Winterthur wirklich gut», anerkannte Geiger, «Radice nähme ich sofort, wenn er 23 wäre.» Aber der Linksfuss ist schon 32. Der Genfer Trainer sah aber auch bestätigt, was er schon vor dem Spiel sagt: «Ich sehe bei Winterthur gewisse Schwächen in der Defensive, vor allem auf den Flanken.» Abwehrmängel waren diesmal in der Tat nicht zu übersehen. Isik machte keinen guten Match, als Cavar einigermassen im Spiel war, war das Ergebnis schon gekehrt. Servettes Plus an Breite, eben auch von der Bank, wurde durch die Absenzen der Routiniers Granit Lekaj und Davide Callà plus den Ausfall Hajrovics noch deutlicher. Es wurde praktisch matchentscheidend.

Als Zahlen zur Offensive sind zu erwähnen: Der formstarke Sliskovic ist nach seinem zweiten Penaltytor nun Skorer Nummer 1 – mit neun Toren und fünf Assists, also 14 Punkten. Hinter Seferi (8 Tore/3 Assists), Radice (3/8) und Callà (5/6) mit ihren je elf Punkten reihte sich nun auch Roberto Alves zweistellig ein – mit seinem sechsten Tor neben vier Assists.

Was dem FCW jetzt noch bleibt: zuerst in Lausanne und dann gegen fünf Teams, die in der Tabelle hinter ihm stehen, die gute Saison veredeln und nicht noch spät trüben. Das interessanteste Ziel: gegen Aarau das Fernduell um Platz 3 zu gewinnen.

Erstellt: 21.04.2019, 22:24 Uhr

Challenge League

FC Winterthur – Servette 2:3 (2:1)

Schützenwiese. – 4600 Zuschauer. – SR Klossner. – Tore: 3. Roberto Alves 1:0. 31. Schättin (Eigentor) 1:1. 38. Sliskovic (Foulpenalty) 2:1. 48. Kone 2:2. 54. Wüthrich 2:3. – FCW: Spiegel; Markaj, Isik, Hajrovic (46. Cavar), Schättin (65. Wild); Arnold, Doumbia; Sliskovic, Roberto Alves, Radice (84. Gazzetta); Seferi. – Servette: Frick; Sauthier, Sarr, Rouiller, Iapichino; Maccoppi; Stevanovic, Cognat (82. Follonier); Wüthrich (71. Imeri); Kone (66. Mychell Da Silva), Schalk (77. Alphonse). – Bemerkungen: FCW ohne Lekaj, Roth, Callà, Schmid, Saliji, Lepik (verletzt), Stettler und Sutter (nicht im Aufgebot); Hajrovic bei Halbzeit mit Kopfschmerzen ausgeschieden (nach Zusammenprall mit Kone schon in der 11. Minute). – Servette ohne Routis (gesperrt), Severin, Busset, Lang (verletzt) und Duah (nicht im Aufgebot). – 11. Pfostenschuss Wüthrichs. 40. Pfostenschuss Schalks. – Verwarnung: 37. Sarr (Penaltyfoul; Rote Karte wäre durchaus angebracht gewesen).

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