Zürich

Die Schlacht um den Schlachthof

Die Stadt Zürich hat die Debatte um die Zukunft des Schlachthof-Areals lanciert. Ob hier künftig noch geschlachtet wird, ist umstritten.

Die Haupthalle des 1909 eröffneten Zürcher Schlachthofs steht unter Denkmalschutz.

Die Haupthalle des 1909 eröffneten Zürcher Schlachthofs steht unter Denkmalschutz. Bild: Matthias Scharrer

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Für Ronny Hornecker, Verwaltungsratspräsident der Schlachtbetriebe Zürich AG und Inhaber einer Zürcher Metzgerei, ist der Fall klar: «Es ist für uns existenziell, dass es den Schlachthof Zürich auch in Zukunft noch gibt.» Regionale Produkte seien gefragt. «Da kann es doch nicht sein, dass hiesige Bauern ihr Vieh nach Oensingen oder St. Gallen fahren müssen.» Allein in der Stadt Zürich sei ein Dutzend Privatmetzgereien auf den Schlachthof angewiesen.

Wozu eine Schlachthof-Schliessung führen kann, verdeutlicht er am Beispiel Bern: Seit dem Ende des dortigen Schlachthofs würden die Tiere, deren Fleisch im Raum Bern unter dem Label «aus der Region» verkauft wird, nach Zürich gefahren, dort geschlachtet – und ihr Fleisch dann wieder nach Bern gefahren.

Schweizweit gebe es mit Zürich noch sieben grosse Schlachthöfe. Einer davon liegt in Hinwil und damit ebenfalls im Raum Zürich. «Doch Hinwil könnte die Mengen, die im Schlachthof Zürich verarbeitet werden, nicht aufnehmen», sagt Hornecker. Pro Jahr sind dies rund 260000 Tiere.

Was passiert nach 2029?

Die Debatte um die Zukunft des Schlachthofs Zürich wurde von der Stadt dieser Tage lanciert: An einer Veranstaltung im Restaurant «Schlachthof» legte Anna Schindler, Direktorin Stadtentwicklung Zürich, die Ausgangslage dar: Die Mietverträge auf dem Areal, das der Stadt gehört, laufen bis 2029 aus. Deshalb wolle die Stadt 2020 eine Nutzungsstrategie für die Zukunft des Areals festlegen. Ein substanzieller Teil davon solle für industriell-gewerbliche Nutzungen erhalten bleiben. Doch auch eine Öffnung fürs Quartier steht zur Debatte. Und für manche Gemeinderäte ist klar, dass der Schlachtbetrieb gleich neben dem Letzigrundstadion längerfristig keine Zukunft hat. Die Schlacht um den Schlachthof ist eröffnet.

Markus Knauss, Gemeinderat der Grünen, geht davon aus, dass auf dem Schlachthof-Areal künftig nicht mehr geschlachtet werden soll. Stattdessen sei zum einen mehr Grünraum, zum anderen eine quartierorientierte Nutzung mit Läden und einem Treffpunkt zu schaffen. Das Bedürfnis danach sei in der zunehmend verdichteten Umgebung vorhanden. Und: Die denkmalgeschützte Haupthalle des 1909 eröffneten Schlachthofs müsse öffentlich werden. Schlachten könne man auch weiter ausserhalb. «Der Tierkonsum hat ohnehin abnehmende Bedeutung», sagt Knauss.

Auch Shaibal Roy, Gemeinderat der Grünliberalen, schwebt eine Umnutzung des Schlachthof-Areals vor. In einer Anfrage an den Stadtrat wollte er wissen, welche alternative Nutzung durch Kleingewerbe, KMU, Soziokultur oder Kreativgewerbe der Stadtrat sehe. Dieser hielt sich noch bedeckt. Roy sagt auf Anfrage: «Es soll eine möglichst breite, vielfältige Nutzung geben.» Diese könne vom Spielplatz über eine Kletterhalle bis hin zu Räumen für Start-up-Firmen gehen.

Für einen Schlachtbetrieb sieht er an diesem Ort keine Zukunft. Weder wirtschaftlich noch verkehrstechnisch sei der heutige Schlachthof-Standort ideal. Roy weiter: «Der Gestank und der Verkehr sind nach wie vor eine Belastung für die Bevölkerung.» Da ergebe es keinen Sinn, längerfristig in den Schlachthof am heutigen Standort zu investieren. Zumal in der Umgebung noch mehr neue Wohnungen im Bau seien. Aus Gesprächen mit Quartierbewohnern habe er ein einhelliges Nein zum Schlachthof vernommen.

Bevölkerung ist gespalten

Ganz so einhellig ist die Stimmung im Quartier Altstetten wohl doch nicht: Quartiervereinspräsidentin Esther Leibundgut etwa spricht sich für den Erhalt des Schlachtbetriebs und der angegliederten Läden aus. «Die Bevölkerung ist gespalten», sagt SVP-Gemeinderat Rolf Müller, der seit 1980 in der Nähe des Schlachthofs wohnt. «Die eine Hälfte findet: Der Schlachthof muss weg. Die andere sagt: Es braucht ihn.»

Auch Müller findet, es brauche ihn: «Es kann doch nicht sein, dass die Bauern ihr Vieh quer durch die Schweiz transportieren müssen», sagt der SVP-Gemeinderat. Die Geruchsimmisionen seien erträglich, seit die Häuteverarbeitung durch Centravo weg ist. Ein Teil des Schlachthof-Areals solle aber künftig als Erholungsraum für die Bevölkerung genützt werden, meint Müller.

Nur kleiner Wohnanteil

Letzteres findet auch der Stadtrat: «Das Schlachthofareal befindet sich in einem mit öffentlichem Freiraum unterversorgten Gebiet», hielt er auf Anfrage von Gemeinderat Knauss fest. Es nehme daher eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Freiraumversorgung ein. Einen grossen Park wird es aber laut Stadtentwicklungs-Direktorin Schindler nicht geben. Zumal auf dem Areal nebst gewerblich-industrieller Nutzung eine neue Wache für Schutz & Rettung Zürich geplant ist. Als Wohnzone sind nur 8600 der 54600 Quadratmeter des Schlachthof-Areals definiert. Hier wären fünfstöckige Wohnbauten zulässig.

Erstellt: 22.09.2019, 16:13 Uhr

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