Schulabsentismus

Die Schule ist auf ein Helfersystem angewiesen

Was tun, wenn ein Kind nicht mehr zur Schule geht? Die Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes, eine Mutter und ein Kinderarzt diskutieren.

Pamela Muñoz, Heike Münger und Ralf von der Heiden erklären, wie wichtig Vernetzung ist.

Pamela Muñoz, Heike Münger und Ralf von der Heiden erklären, wie wichtig Vernetzung ist. Bild: Marc Dahinden

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Das Wort Schwänzen kennen die meisten, Sie reden aber von Schulabsentismus. Was ist ­damit gemeint?
Heike Münger, Vorstand IG Elternräte: Die Professorin Margrit Stamm definiert Schulabsentismus als das absichtliche Fernbleiben des Unterrichts aus einem nicht gesetzlichen Grund, unabhängig davon ob die Absenz entschuldigt ist oder nicht.

Und wo liegt der Unterschied zum Schwänzen?
Münger: Vom Schulschwänzen wissen Eltern meistens nichts. Beim Schulabsentismus kann es aber sogar vorkommen, dass Eltern ihre Kinder schützen und ihnen immer wieder Entschuldigungen mitgeben.

Pamela Muñoz, Leitung Schulpsychologischer Dienst: Von Schulabsentismus im Sinne von Schul­verweigerung reden wir dann, wenn Schüler grosse Schwierigkeiten haben die Schule zu besuchen und starke emotionale Reaktionen zeigen.

Was können die Gründe sein?
Muñoz: Die Gründe sind sehr vielfältig: persönliche, familiäre, soziale, medizinische und schu­lische Gründe können vorkommen und zu einem solchen Leidensdruck führen, dass das Kind einfach nicht mehr zur Schule ­gehen kann.

Handelt es sich nicht eher um ein Nischenproblem?
Münger: Nein, eine Studie aus dem Jahr 2009 besagt, dass jedes zehnte Schulkind nicht zur Schule gehen möchte, aus Angst vor Leistungsdruck und Mobbing, Tendenz steigend.

Muñoz: Es ist ein aktuelles und wiederkehrendes Thema und es handelt sich klar nicht um eine Bagatelle, sondern um eine ernst zu nehmende Situation.

Inwiefern? Was sind die ne­gativen Folgen?
Ralf von der Heiden, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin: Je mehr Fehltage ein Kind aufweist, desto mehr emotionale Probleme und Verhältnisauffälligkeiten sind zu erwarten. Und wenn die Probleme nicht früh angegangen werden, chronifiziert sich das Ganze und es wird immer schwieriger, Einfluss zu nehmen.

Muñoz: Aus diesem Grund haben wir eine städtische «Arbeitsgruppe Schulabsentismus» gegründet, in der sehr viele Disziplinen vereint sind, von den Schulen über das Sozialpädiatrische Zentrum, das Kinder und Jugendhilfezentrum, die Kinderpsychiatrie und Pädiatrie über Elternräte und schulinterne Fachstellen. Unser Ziel ist es vor allem zu sensibilisieren und zu vernetzen. Aber wir wollen auch konkrete Hilfestellungen bieten. So sind wir aktuell daran, das bestehende Konzept «Schulabsentismus» zu aktualisieren. Es existiert ein Ablauf als Orientierungshilfe für die Schulen.

Wie sieht dieser Ablauf aus?
Muñoz: Das Wichtigste ist, dass schnell reagiert wird. Die Schulen brauchen verbindliche Absenzenregelungen und sollten aktiv werden, wenn ein Kind nicht zur Schule kommt. Das kann zuerst niederschwellig sein, indem die Lehrperson das Gespräch mit dem Kind sucht. Aber in einem nächsten Schritt sollten auch Eltern und falls nötig Fachstellen involviert werden. Nur wenn ein Austausch in Gang kommt, lässt sich das Problem angehen.

Ab wie vielen Absenzen sollten die Alarmglocken läuten?
von der Heiden: Es ist schwierig eine Zahl zu nennen, denn man muss die Situation differenziert anschauen und auch das Alter, die familiären Verhältnisse und die Ursachen bei der Beurteilung mit einbeziehen. Es gibt ja auch Kinder, die wirklich einfach krank sind. Da muss man nichts in die Wege leiten. Aber grundsätzlich sollten alle Beteiligten sensibilisiert sein. Das gilt auch für die Haus- und Kinderärzte. Stellt man einfach ein Zeugnis aus, wenn eines verlangt wird? Oder fragt man sich, wie es dem Kind wirklich geht?

Sollten die Schulen Absenzen ahnden?
Münger: Das finde ich schwierig, zum Teil lässt ja die Situation es nicht zu, dass die Kinder zu Schule gehen. Sie dann zu bestrafen, wäre der falsche Weg.

Muñoz: Gerade wenn ein Schüler psychosomatisch reagiert, geht es ihm schlecht. Da braucht er primär Unterstützung. Es geht also eher darum, Massnahmen treffen. Das Ziel muss es sein, den Schüler möglichst bald an die Schule zurückzubringen. Das kann nur gelingen, wenn zwischen den Beteiligten kommuniziert wird. Die Schule ist auf ein Helfersystem angewiesen.

Münger: Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass man den Blick nach vorne richtet. Fehlt ein Jugendlicher in der Oberstufe häufig, ist auch eine Anschlusslösung gefährdet. Das müssen sich alle Beteiligten ­bewusst sein. (Der Landbote)

Erstellt: 30.09.2018, 16:22 Uhr

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