Winterthur

«Die Schule soll auch ihren Glanz zeigen»

Im Sommer haben gleich drei der vier Schulkreise in Winterthur eine neue Präsidentin oder einen neuen Präsidenten erhalten. Chantal Galladé (SP), Martha Jakob (GLP) und Christoph Baumann (SP) blicken zurück auf ihre ersten vier Monate im neuen Amt und vorwärts auf anstehende Projekte.

Bild: Enzo Lopardo

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Im Vorfeld der Wahlen im Sommer hörte man die Befürchtung, mit drei Wechseln in den Präsidien gehe in der Schulpflege viel Wissen verloren. Zu Unrecht?
Christoph Baumann: Die Stadt hat eine komplexe Organisation, als Neuer muss man sich eine Übersicht verschaffen und die Abläufe verstehen, diese Einarbeitung ist nötig. Doch inhaltlich, wenn es um Schulentwicklungsfragen geht, sehe ich keinen Wissensverlust. Es ist es ein grosser Vorteil, dass wir alle sehr schulnah sind.

Martha Jakob: Ich wurde von meinem Vorgänger sorgfältig eingeführt. Ich übernahm eine gut laufende, gut organisierte Schule. Weiter ist für mich mein Background sehr hilfreich. Natürlich gibt es Fragen zu Abläufen und wir müssen uns einleben. Doch das gelingt uns recht gut. Wir vernetzen uns und arbeiten intensiv zusammen.

Chantal Galladé: Der Job ist sehr vielfältig. Da ist es logisch, dass in gewissen Bereichen Wissen verloren geht. Doch wir hören oft: «Wow, was für eine Chance.» Die Leute freuen sich über frischen Wind. Es gibt viel Konstanz, die wir nun durchbrechen mit neuen Ideen und neuem Wissen. Viele empfinden das als positiv.

Wie wichtig ist der einzige bisherige Präsident aus dem Kreis Veltheim-Wülflingen, René Schürmann, für Sie?
Baumann: Sehr wichtig. Wir können ihm auch Fragen stellen. Er unterstützt uns sehr bereitwillig. Die Zusammenarbeit ist überhaupt in allen Bereichen sehr konstruktiv; auch mit dem Departement Schule und Sport und den Schulleitenden. Man arbeitet gemeinsam an guten Lösungen.

Galladé: Heute ist die Zusammenarbeit der vier Schulkreise sehr stark. Wir profitieren gegenseitig voneinander, machen teils auch gemeinsame Bürotage oder entwickeln Ideen.

Jakob: Wir ergänzen uns gegenseitig sehr gut. Es ist eine ideale Zusammensetzung.

Früher arbeiteten die Schulpflegen in den Kreisen stark für sich. Stimmt der Eindruck, dass sie vermehrt versuchen, für alle Schulkreise einheitliche Lösungen zu finden?
Baumann: Als wir angefangen haben, war die anstehende Schulbehörden-Reorganisation bereits angedacht. Wir alle unterstützten den Gedanken, dass man dort, wo es Sinn macht, gesamtstädtische Lösungen sucht. Doch es braucht einen Mittelweg zwischen gemeinsamen Regelungen und dem Spielraum vor Ort.

Jakob: Wir wollen sorgfältig und differenziert mit Reglementieren umgehen. Ein gewisser Spielraum vor Ort muss erhalten bleiben, die Pädagogik lebt von Kreativität. Da wo es für das Kind Sinn macht, braucht es aber ein gleiches Angebot.

Galladé: Es darf nicht vom Zufall abhängen, ob ein Kind an seiner Schule gewisse Leistungen erhält oder nicht. Da wollen wir Einheitlichkeit.

Nehmen wir das Beispiel der Gymi-Vorbereitungskurse. Nicht alle Schulen bieten solche an. Braucht es da eine gesamtstädtische Regelung?
Galladé: Der Fehler geschah, als man dieses Angebot nicht mehr finanzieren wollte. Nun beissen den letzten die Hunde. Es kann nicht sein, dass die Existenz eines Angebots davon abhängt, ob Lehrpersonen gratis unterrichten in ihrer Freizeit. Das zeigt, dass Sparmassnahmen beim Kind in der Bildung falsch sind.

Baumann: Gerade bei einem Angebot wie den Gymi-Vorbereitungskursen darf nicht der Zufall entscheiden. Diese Diskussion werden wir führen. Man muss sich grundsätzlich fragen, wo die Chancengerechtigkeit beginnt.

Jakob: Genau, wir müssen in der Frühförderung anzusetzen. Wenn wir gezielt Frühförderung betreiben, braucht es im Idealfall die Gymikurse irgendwann vielleicht gar nicht mehr.

Wie frustrierend ist es für Sie, immer wieder an finanzielle Grenzen zu stossen?
Jakob: Wir haben in dieser Hinsicht schon einiges erreicht...

Galladé: ...es gibt gibt Schlupflöcher und Spielräume, die wir zu nutzen wissen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Jakob: Es ist unsere Aufgabe, alle unsere Kinder möglichst optimal zu fördern. Wir konnten etwa beim Unterricht Deutsch als Zweitsprache (DaZ)mit Verweis auf die gesetzlichen Vorgaben erreichen, dass mehr Stunden zur Verfügung stehen. Da kommt uns unser Wissen in diesem Bereich zugute. Denn das Gesetz schützt das Kind auch.

Galladé: Auf der anderen Seite gibt es auch Absurditäten. Ich fand schon für offene Fragen gute und günstige Lösungen für eine Sache, aber sie liessen sich wegen eines Reglements nicht realisieren. Das ist frustrierend.

Baumann: Ich finde es wichtig, dass man Synergien sucht, mit denen man Angebote optimieren kann. Eine Fachstelle DaZ kann etwa Knowhow in die Schulen bringen, und mit Schulentwicklung lassen sich Ressourcen sicher besser nutzen.

Jakob: Obschon wir im Auge behalten, was alles optimiert werden muss, darf die Freude an unserer Volkschule nicht verloren gehen. Wir möchten dafür sorgen, dass die Schule nebst allen Herausforderungen auch ihren Glanz zeigen kann. Die Schule ist nicht nur eine Last, sondern ein Ort, wo gelebt wird.

Galladé: Leider gibt es auch eine andere Seite. Ich habe sehr grosse Klassen, die belastet sind, und Lehrpersonen, die an ihre Grenzen kommen. Nehmen wir das Beispiel der Schulleitenden: Wie ist es möglich, dass Schulleitende immer mehr Aufgaben haben, aber nicht mehr Ressourcen dafür erhalten? Beim Kanton antwortete man mir auf diese Frage, man habe für die Schulleitenden eine Entlastung gesprochen, aber Winterthur habe diese wieder gekürzt. Das ist nicht in Ordnung.

Tatsache ist, dass der Kanton immer mehr Aufgaben und Kosten den Gemeinden überträgt. Und Winterthur hat den Ruf diese Aufgaben, die dann freiwillig sind, einfach zu streichen. Ein Problem?
Jakob: Wichtig scheint mir eine offene Information. Ich habe viele Leute aus dem Gemeinderat kennen gelernt und sie scheinen mir sehr offen, wenn wir erklären, welche Mittel es wofür braucht und wieso. Wenn Transparenz gelingt, bin ich optimistisch, dass wir einiges erreichen können.

Baumann: Genau. Hier müssen wir uns vermehrt einbringen, damit die Politik versteht, welche Leistungen hinter Budgetzahlen stehen. Budgetstreichungen sind hier nicht einfach Luft, die abgelassen wird.

Derzeit versucht man in Winterthur, die Kosten der Sonderschulung zu senken. Wie stark werden Sie in das Projekt Wega einbezogen, das die Sonderschule regorganisieren will?
Jakob: Wir sind bislang noch nicht involviert, steigen nun aber auf den bereits fahrenden Zug auf. Unser Mitwirken ist wichtig und ist auch aufgegleist.

Galladé: Klar ist, dass wir aufpassen müssen, dass die Schulleitungen nicht noch mehr Aufgaben erhalten, ohne die dazugehörigen Mittel. Leider zeichnet sich aber genau das ab.

Jakob:Man muss den Arbeitsaufwand, der sehr gross sein wird, im Auge behalten. Damit ein solches Projekt gelingen kann, gilt es darauf zu achten, dass genügend Geld gesprochen wird.

Baumann: Ich finde den Grundgedanken des Projekts Wega richtig. Man will die Schulen stärker einbinden, denn dort ist das Fachwissen vorhanden. Die zentrale Frage ist aber, ob sie auch genügend Geld erhalten, um die richtigen Angebote zu bauen und ob sie genügend Zeit dafür haben.

Die Schulleitenden finden ohnehin, sie würden zu wenig entlastet. Was braucht es konkret?
Jakob: Ich setze mich dafür ein, dass die Stadt Winterthur zusätzliche Stellenprozente für die Schulleitungen bewilligt. Die Gemeinden haben nämlich die Möglichkeit, so genannte kommunale Erweiterungen zu den kantonalen Schulleitungspensen zu sprechen. Das würde die Schulleitungen entlasten und das ist ein Ziel. Dafür braucht es eine Volksabstimmung.

Galladé:Uns stehen in dieser Legislatur drei für die Schule sehr wichtige Abstimmungen bevor. Neben jener zu den Erweiterungen der Schulleitungspensen auch eine zu Wega und zur Schulbehördenreorganisation. Auf uns kommt eine spannende Zeit zu.

Die Bevölkerung wartet noch auf eine Antwort auf die Frage, ob Kindergartenkinder an schwierigen Strassenübergängen künftig wieder öfter begleitet werden. Wie ist da der Stand?
Baumann: Diese Frage wird derzeit im Stadtrat diskutiert — natürlich wird die Zentralschulpflege einbezogen.

Galladé: Neu ist es so, dass die Entscheidung, ob es eine Begleitung braucht, bei den Kreisschulpflegen liegt. Das Problem ist nur, dass wir weder das Fachwissen, noch personelle oder finanzielle Ressourcen haben. Das macht es für uns sehr schwierig. Wir haben immer wieder Eltern, die sich deswegen bei uns melden. Wir sind zwar zuständig, aber können im Moment nichts machen.

Sie befassen sich mit grossen Themen, aber auch ganz direkt mit Einzelanliegen der Eltern. Ein schwieriger Spagat?
Jakob: Das gehört dazu. Eltern können in unserem Schulsystem in der Volkschule wenig mitsteuern und haben wenig Mitsprache. Wir von der Kreisschulpflege können vermittelnd wirken und auf ihre Fragen eingehen.

Baumann:Wir müssen für die Anliegen der Eltern ein offenes Ohr haben. Sie sind neben den Lehrpersonen und den Kindern ein wesentlicher Faktor damit Lernen gelingt.

Zum Schluss ein paar persönliche Fragen. Martha Jakob, Sie hatten zwei Konkurrenten in der Präsidiumswahl, mit denen Sie nun zusammenarbeiten. Gab das keine Probleme?
Jakob: Nein, beide sind sehr fair und angenehm. Ich habe eine ganz tolle Kreisschulpflege.

Im Kreis Stadt-Töss gab es schon kurz nach der Wahl zwei Rücktritte, Chantal Galladé, wie erklären Sie sich das?
Galladé: Es waren persönliche und berufliche Gründe. Beide Mitglieder haben betont, dass die Rücktritte nichts mit meiner Person zu tun haben. Wir haben innerhalb der Schulpflege ein tolles Verhältnis.

Sie hatten bis vor kurzem eine Doppelbelastung mit Nationalrat und Schulpflegepräsidium. Sind Sie froh, nun mehr Zeit für Ihr neues Amt zu haben?
Galladé: Mein Fokus lag schon vorher auf der Schulpflege, die Kommissionen hatte ich bereits abgegeben. Aber ich wollte noch einige Dossiers sauber abschliessen. Und ja, ich bin froh, kann ich mich noch stärker in die Arbeit reingeben. Das braucht es.

Spüren Sie auch Wehmut?
Galladé: Ja. Es gibt Menschen, die ich vermisse. Oder auch das Internationale. Doch ich konnte loslassen, weil ich alles gut übergeben konnte.

Christoph Baumann, Oberwinterthur erlebt ein enormes Wachstum, ist das Ihre grösste Herausforderung?

Baumann: Tatsächlich wächst der Kreis sehr stark. Das sieht man auch daran, dass wir zwar inzwischen etwa gleich gross sind wie der Kreis Veltheim-Wülfingen, aber nur neun statt zwölf Schulpflegerinnen und -pfleger haben. Entsprechend gibt es für alle sehr viel zu tun. Die Schulraumfrage beschäftigt uns mit dem Wachstum in Hegi sehr, daneben steht auch der Neubau Wallrüti an.

Galladé: Was ist noch sagen möchte: Ich habe im Austausch mit Politikern aus Deutschland realisiert, wie wertvoll das Modell der Schulpflegen ist. Bei uns haben Bildung und Schule eine politische Stärke, weil alle Parteien in den Schulpflegen vertreten sind. Die Mitglieder tragen die Probleme in den Gemeinderat und darum ist die Bildung in der Bevölkerung und der Politik stark gestützt. Wenn es um Schule geht, stehen oft die Probleme im Vordergrund. Aber man darf auch mal sagen: Wir ziehen alle am gleichen Strick für die Kinder in Winterthur und arbeiten gut zusammen.

Erstellt: 16.12.2018, 16:39 Uhr

Martha Jakob (GLP): «Wir ergänzen uns gegenseitig sehr gut.» (Bild: Enzo Lopardo)

Christoph Baumann (SP): «Es ist ein Vorteil, dass wir alle schulnah sind.» (Bild: Enzo Lopardo)

Chantal Galladé (SP): «Wir wissen die Spielräume zu nutzen.» (Bild: Enzo Lopardo)

Persönlich

Martha Jakob (GLP), Jahrgang 1964, Schulpflegepräsidentin im Kreis Seen-Mattenbach. War jahrelang Lehrerin und zuletzt Schulleiterin in Andelfingen.
Chantal Galladé (SP), Jahrgang 1972, Schulpflegepräsidentin im Kreis Stadt-Töss. Sie war Berufsschullehrerin und vor allem bekannt durch ihr Engagement im Nationalrat.
Christoph Baumann (SP), Jahrgang 1962, Schulpflegepräsident im Kreis Oberwinterthur. Arbeitete zuvor im Bereich Schulentwicklung und war Co-Präsident der SP Winterthur. (mif)

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