Zürich

Die Solo-Saxerin im Pop-Geschäft

Candy Dulfer aus Holland tritt am JazznoJazz in Zürich auf. Die ehemalige Prince-Saxofonistin gedenkt bei ihren Konzerten jeweils des grossen Funk-Künstlers. Aber ohne Tränen.

«Für mich muss die Musik immer authentisch sein»: Candy Dulfer nimmt den Funk und Jazz ihrer Kindheit und mixt alles mit aktuellen Sounds.

«Für mich muss die Musik immer authentisch sein»: Candy Dulfer nimmt den Funk und Jazz ihrer Kindheit und mixt alles mit aktuellen Sounds. Bild: zvg

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Candy Dulfer, Sie haben inden letzten Jahren viel getourt, aber nicht so viele Alben auf­genommen.
Candy Dulfer: Insgesamt habe ich in meiner Karriere 14 Platten veröffentlicht. Das ist nicht so schlecht. Aber es stimmt: Ich ­stehe lieber auf der Bühne als im Studio. Alben kann ich nicht erzwingen. Ich will etwas zu sagen haben, wenn ich Songs schreibe.

Weshalb finden Sie das Touren spannender?
Mir gefällt die Idee, dass die Musik einen Abend lang existiert – dann ist sie weg. Die Bühne verzeiht viel mehr als das Studio. Und jeder Abend ist anders auf der Bühne. Im Studio kreiert man etwas, das Bestand haben soll.

Ich ­stehe lieber auf der Bühne als im Studio.

Ihr aktuelles Album «Toge­ther» ist sehr R’n’B-lastig. Das überrascht.
Eigentlich sollte es nicht über­raschen. Es entspricht meiner Selbstdefinition. Ich habe immer den Funk und den Jazz meiner Kindheit genommen und ihn mit aktuellen Sounds gemischt. In der Black Music fühle ich mich am heimischsten. Dort geschieht aktuell auch die grösste Entwicklung. Dass das auf meinem neuen Album einfliessen würde, war logisch.

Wie bleiben Sie auf dem aktuellen Stand in Sachen Sounds?
Es ist einfach geworden, dank You­tube, Spotify und dergleichen. Ich verbringe ganze Abende mit Spotify, höre mich durch neue Musik, lasse mich inspi­rieren. Ich erachte das auch als Pflicht, um mich weiterent­wickeln zu können. Natürlich muss ich nicht jeden Trend in meine Musik integrieren.

Sie finden die Entwicklungdes Musikgeschäfts zur Digitalisierung hin also gut?
Aus meiner Sicht birgt die Digitalisierung mehr Vorzüge als Nachteile. Natürlich sehe ich gewisse Gefahren. Aber dank des Internets wird die Musik global. Man kann so einfach auf dem aktuellen Stand bleiben. Alles ist möglich.

In der Black Music fühle ich mich am heimischsten. 

Sie stehen seit über 30 Jahren auf der Bühne.
Mit meiner eigenen Band fand ich bislang keinen einzigen Tag langweilig. Körperlich kann das Touren ermüdend werden. Aber wenn ich jeweils auf der Bühne stehe, werden sämtliche Lebensgeister wach. Mit anderen Bands kann es mir schon mal langweilig werden. Wenn die Shows zu repetitiv sind, ich zu wenig zu tun ­habe. Und anstrengend finde ich den geschäftlichen Teil der Musik – und das Reisen.

Haben Sie den Geschäftsteil nicht abgegeben?
Nein. Denn zu Beginn gab es ein Konzept wie meines nicht. Ich musste mich selber erfinden. Das wollte ich selber tun. Eine Solo-Saxe­rin im Pop-Geschäft, die aber einen Jazz- und Funk-Background hat. Das war etwas Neues. Natürlich halfen mir andere­ Leute, aber die Entscheidungen habe ich von Anfang an immer selber getroffen. Heute könnte ich diese Fäden nicht mehr aus der Hand geben.

Sie haben sich zu sehr daran gewöhnt?
Das auf jeden Fall. Aber es geht auch um die Befriedigung: Es ist zwar harte Arbeit, aber den Erfolg kann ich mir selber zuschreiben. Und wenn ein Projekt in die Hose geht, ist das Scheitern weniger schlimm, wenn man es selber verursacht hat, als wenn ein fremder Entscheid der Ursprung war.

Ist das auch der Grund, weshalb Sie sich nie langfristig an Prince banden, mit dem Sie ja immer wieder unterwegs waren?
Einer der Gründe. Bei Prince war die Hierarchie klar: Er ist der Boss, du der Soldat. Aber wir hatten auch oft Streit. Dennoch war er eine grosse Inspirationsquelle für mich.

Ich musste mich selber erfinden. 

Weshalb stritten Sie sich?
Der Grundstreit war: Ich fand, dass er sich gegenüber seinen Musikern und Mitarbeitern asozial­ verhält. Und er fand: An erster Stelle kommt immer die Musik, nicht der Mensch. Für ihn mag das die richtige Entscheidung gewesen sein. Für mich war es die richtige Entscheidung, davonzu­laufen.

Sie blieben aber in Kontakt.
Es spielte noch etwas anderes mit. Ich dachte mir, er würde mich als Musikerin mehr begehren, wenn ich ihm davonlaufen würde, als wenn ich bliebe und ihm die Füsse küsste. Ich dachte, ich sei so interessanter.

Waren Sie es?
Ja. Er kam immer wieder angekrochen. Zumindest zu Beginn.

Wann liefen Sie davon?
Anfangs der 1990er-Jahre. Wir steckten in Minneapolis wegen irgendwelcher Aufnahmen fest. Wochenlang. Wir konnten nichts tun und mussten einfach warten, bis Prince weitermachen würde. Mir wurde langweilig, ich sagte ihm, ich würde zurück nach Amsterdam fliegen und meine Familie besuchen und dann gleich wieder nach Minneapolis zurückkommen. Ich kam nicht zurück.

Ist auch nicht gerade die feine Art.
Nein. Aber nach einem Jahr ­hatte er mir verziehen, rief mich an und wollte mich für eine Tour engagieren. Und genau daran war ich interessiert: Touren Ja, Studio Nein.

Was war denn interessant am Touren mit ihm?
Glauben Sie mir: Ich war nicht ­daran interessiert, seine Freundin zu sein und in seiner Limo herum­zuflitzen. Auf so etwas pfeife ich. Aber auf der Bühne war immer ein kreativer Funke da, ein Überraschungsmoment. Das reizte mich. Und ihn reizte vermutlich insgeheim, dass ich keine Ja-Sagerin war, sondern mich gerne auf einen Streit mit ihm einliess.

Genau daran war ich interessiert: Touren Ja, Studio Nein.

Wie war es für Sie, von seinem Tod zu hören?
Schlimm. Das letzte Mal waren wir anlässlich seiner 02-Show in London in Kontakt. Er lud mich in die Band ein und schickte Sheila E. und mich dann einfach wieder nach Hause. Klar: Er hatte über 30 Musiker eingeladen, was wohl etwas zu optimistisch war. Aber ich fühlte mich in meinem Stolz verletzt und war sehr zornig. Zu zornig vermutlich. Danach­ sprachen wir nicht mehr miteinander. Ich nahm seine Anrufe­ nicht mehr entgegen. Manchmal verpassten wir uns auch einfach. Das ist schlimm, wissen Sie. Wenn jemand stirbt und man einen Streit mit ihm nicht beigelegt hat. Ich mache mir bis heute Vorwürfe.

Wann erfuhren Sie von seinem Tod?
Es war 18 oder 19 Uhr am Abend. Und um 20 Uhr war unsere Show. Zu meinen Konzerten kommen immer Fans von Prince. Das haben­ einstige Prince-Musiker so an sich. Nun musste ich diesen Menschen da draussen sagen, dass ihr Star soeben verstorben ist. Viele von ihnen hatten noch keine Ahnung. Und dann spielten wir «Purple Rain». Es war eine richtig grossartige Version. Wir spielten gut; wir spielten gefasst und professionell. Sonst beginne ich immer zu weinen. An jenem Abend hatte ich mich im Griff. Dennoch war es mein schlimmstes Konzert.

Spielen Sie jetzt noch immer Prince-Tribute?
Ich weiss, dass Prince es hasste, wenn andere Musiker seine Songs coverten. Ich habe ­«Purple Rain» nur an jenem Abend gespielt. Es fühlte sich richtig an – und ich bin sicher, er verzieh es mir vom Himmel herab. Seither spielen wir ein Tribut, aber nicht von Prince’ Solo-Œuvre, sondern von seiner Band The Time. Ein witziger Uptempo-Song. Ein emotionales Tribut kann man einmal spielen, vielleicht zweimal. Danach wirds künstlich. Ich hasse künstlich. Für mich muss die Musik immer authentisch und echt sein. Mit «I Can’t ­Make You Love Me» habe ich übrigens schon auf meinem ersten Album ein Tribut für ihn aufgenommen, das spiele ich jetzt regelmässig in Gedenken an Prince. Aber erwarten Sie keine Tränen.

Es fühlte sich richtig an – und ich bin sicher, er verzieh es mir vom Himmel herab. 

Was spielen Sie am JazznoJazz?
Es gibt immer so viele Songs, die wir spielen wollen. Aktuell nehmen wir viel vom neuen ­Album ins Programm. Fix­punkte sind zudem die grossen Hits ­«Lily Was Here», «Pick Up the Pieces» und «Sax-a-Go-Go». Den Rest wechseln wir immer mal wieder.


Candy Dulfer spielt am Freitag, 3. November, in der Gessnerallee Zürich.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.10.2017, 17:06 Uhr

Jazznojazz

1. bis 4. November, Gessnerallee, Zürich.

Jazznojazz

Am Puls der Zeit

Zahlreiche Big-Stars, viel Funk und Soul – und zwei spannende Schweizer Bands: Am Mittwoch beginnt die 19. Ausgabe des Zürcher Jazznojazz-Festivals.

Abdullah Ibrahim, Dee Dee Bridge­water, Marcus Miller, Stanley ­Clarke – klar: Jazznojazz ist bekannt dafür, mit grossen Namen­ aus Jazz, Soul, Funk ein grosses Publikum anzulocken. Dieses Jahr sind aber die zwei spannendsten Youngsters selbst schon Stars.

Cécile McLorin Salvant hat längst die Souljazz-Community erobert. Ihre Stimme hat jenen Zauber, der Billie Holi­day oder Sarah Vaughan unsterblich machte. Sie ist getränkt von karibischem Blues, Balladenjazz und Swing – zugleich verspielt und kristallin rein. Die Sängerin aus Miami hat mit «Dreams and Daggers­» gerade eine wunder­bare Doppel-CD (oder Trippel-LP) zur Geschichte des Jazz­gesangs vorgelegt.

Ein Neustart

Mit einem ebenfalls epischen Werk meldete sich der andere Youngster fulminant in der Szene­. «The Epic» heisst die Trippel-CD von Kamasi Washington, die 2016 weltweit bejubelt wurde als nichts weniger denn ein Neustart des Jazz. Der Saxofonist aus Los Angeles gastiert mit seinem wuchtig aufspielenden Kollektiv erstmals in Zürich.

Der Jazznojazz-Freitag klingt jeweils funky. Mit dem schwe­dischen Posaunisten Nils Landgren, der holländischen Saxerin Candy Dulfer und dem US-Quartett Yellowjackets reisen Exponenten des Soulfunks der letzten 40 Jahre an. Dazu kommt der New Yorker Soulfunker Gabriel Garzón-Montano.

Brother Strut erweitern die Funk-Schiene auf die Abende vom Donnerstag und Samstag. Das Sextett aus London, das als Studioband von Stevie Wonder oder Amy Wine­house begann, bestrei­tet die Late Night Sessions im Stall 6 des Theaterhauses Gessnerallee.

Mit einem Glanzstück über­raschen die Veranstalter am späten Donnerstagabend. Im Theater der Künste spielt mit Mulatu Astatke ein Pionier des Ethio-Jazz, jener pulsierenden Fusion aus Latin-Jazz, Afro-Funk und äthiopischer Folklore, die anfangs der 70er-Jahre die Hotelbars von Addis Abeba füllte. Vibraphonist Astatke war wichtiger Geburtshelfer und erlebt mit 74 ein internationales Comeback.

Jugendliche Frische

Als Gewinner des ZKB-Jazzpreises spielen Dis­trict ­Five auf der Hauptbühne. Das junge Quartett hat an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zusammengefunden und spielt auf mit jugend­licher Frische, unbekümmertem Vorwärtsdrang und frappan­ter Versiertheit.

Vierter Schweizer ist Andreas Schaerer. Der Berner Vokalist ist erneut für das Vermittlungs­projekt für Schulklassen und Kinder aufgeboten. Spielte er letztes Jahr mit dem Sextett Hildegard lernt fliegen, holt er nun seine Wiener Freunde Peter Rom und Martin Eberle nach Zürich. Das seit Jahren bestehende Trio ist in den Jazzwerkstätten Wien und Bern entstanden. Es zelebriert Musik als pulsierende Jetzt-Kunst – die richtige Rezeptur für das Vermittlungsprojekt. (sda)

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