Regierungsratswahl

«Die Stadt Zürich sollte sich nicht als Insel sehen»

Thomas Vogel (FDP) will nächsten Frühling für die FDP in den Regierungsrat gewählt werden. Er findet, der Kanton müsse die rot-grünen Städte ab und zu disziplinieren.

Thomas Vogel (FDP): «Das Wachstum muss vor allem in den Städten stattfinden, sonst wird die Landschaft zugebaut.»

Thomas Vogel (FDP): «Das Wachstum muss vor allem in den Städten stattfinden, sonst wird die Landschaft zugebaut.» Bild: Madeleine Schoder

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In der Agglomeration und in den Landgemeinden hat man oft den Eindruck, die Kantonspolitik sei zu stark auf die Stadt Zürich ausgerichtet. Stimmt das?
Thomas Vogel: Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. In der FDP-Fraktion haben wir viele Gemeindevertreter, die sich ein starkes Gehör verschaffen. Zürich ist allerdings schon immer wieder ein Thema. Einerseits weil die Stadt unbestritten eine Sonderrolle einnimmt. Andererseits kommt es unter der links-grünen Stadtregierung manchmal zu Fehlentwicklungen, die wir auf Kantonsebene korrigieren müssen. Etwa beim Verkehr, bei der Räumung von besetzten Liegenschaften oder beim Umgang mit Saubannerzügen, wo die Stadt jüngst zu lasch vorging. Dass Zürich bevorzugt würde, denke ich aber nicht.

Sehen Sie sich als Städter oder als Landvertreter?
Ich sehe mich als typischen Vertreter der «Agglo». Ich bin hier in Illnau-Effretikon aufgewachsen, und kenne die Herausforderungen der Agglomeration von meinen politischen Anfängen her. Ich wohne hier, bin seit 1993 wegen Studium und Beruf aber täglich in Zürich unterwegs und habe darum auch einen starken Bezug dorthin. Eben die typische «Agglo-Situation».

Was sollte Zürich von den Agglomerationsgemeinden lernen und umgekehrt? FDP-Regierungsratskandidat Thomas Vogel gibt Antworten. Video: Jakob Bächtold/far

Sie geben auf Ihrer Homepage «Effretikon und Thalwil» als Wohnort an. Wo wohnen Sie?
Meine Frau und ich haben tatsächlich eine etwas spezielle Wohnform gewählt: Sie hat ihren Wohnsitz am Zürichsee, weil es ihr da gefällt. Ich habe meine Wohnung hier in Effretikon behalten, wo mein Umfeld ist und ich politisch zu Hause bin. Je nach Programm sind wir da oder dort. Diese Lösung ist nicht ganz günstig, aber sie passt.

Ihre Steuern bezahlen sie hier?
Ja, mein Wohnsitz ist Effretikon. So lange ich Kantonsrat für den Bezirk Pfäffikon bin, will ich in meinem Wahlkreis leben, hier einkaufen, Leute treffen...

Und als Regierungsrat ziehen Sie dann in die Stadt Zürich?
Nein, eher nicht nach Zürich. Aber ob wir später einmal umziehen, ist offen.

«Grundsätzlich sehe ich das Bevölkerungswachstum als grosse Chance.»Thomas Vogel, FDP-Regierungsratskandidat

Gibt es in der Kantonspolitik denn einen Stadt-Land-Graben?
Einen Graben sehe ich da keinen. In der Raumplanung stehen wir aber vor Herausforderungen: Grundsätzlich sehe ich das Bevölkerungswachstum als grosse Chance. In den nächsten 20 Jahren werden voraussichtlich 300 000 Menschen in den Kanton Zürich ziehen. Da kommen Arbeitskräfte, Innovation und ganz viel Power zu uns. Dieses Wachstum muss aber vor allem in den Zentren stattfinden, sonst wird die Landschaft zugebaut. Gleichzeitig müssen die Landgemeinden sich weiter entwickeln können, damit sie für die Wirtschaft und für Arbeitsplätze attraktiv bleiben. Sonst zieht Zürich wie ein Magnet alles an sich.

Doch ein Stadt-Land-Konflikt?
Das Gleichgewicht muss gewahrt bleiben. Im Moment versteht sich die Stadt Zürich zu häufig als eine Insel. Dabei liegt Zürich verkehrstechnisch mitten im Kanton. Wenn die Stadt Strassenspuren abbaut, dann betrifft das den ganzen Kanton und nicht nur die Stadtbevölkerung. Das muss man berücksichtigen.

Stichwort Strassen: Pendeln Sie mit der S-Bahn nach Zürich?
Ab und zu schon, aber meistens mit dem Auto.

Sie sind ACS-Vorstandsmitglied, Formel-1-Fan und fahren einen Porsche Cayenne….
Plug-in-Hybrid!

Wegen der Ökobilanz?
Nicht nur, auch weil mich diese Technik fasziniert.

«Ich habe etwas dagegen, wenn man mir das Autofahren vergraulen will.»Thomas Vogel, FDP-Regierungsratskandidat

Jedenfalls: Wenn man Sie wählt, wählt man einen Auto-Fan in die Regierung.
Ja, da stehe ich dazu. Gleichzeitig bin ich innerhalb der Stadt Zürich immer mit dem Tram unterwegs. Natürlich bin ich auch dafür, dass man in den öffentlichen Verkehr investiert. Aber ich habe etwas dagegen, wenn man mir das Autofahren vergraulen will. Mein Grundsatz: Jeder Verkehrsträger dort, wo er sinnvoll ist. Kein Ausspielen gegeneinander. Der Ausbau von Strasse und Schiene ist zwingend – die Projekte sind bekannt. Aber das allein wird nicht reichen. Man wird das Lenken der Verkehrsströme prüfen müssen, mit dem sogenannten Mobility-Pricing: Wer das Verkehrssystem mehr nutzt, und dies auch noch zu belasteten Zeiten, soll auch mehr dafür bezahlen. Das würde einen Anreiz schaffen, damit nicht alle am Morgen um 7 Uhr mit dem Auto in die Stadt fahren wollen.

Welches wäre im Regierungsrat ihre Wunschdirektion?
Die, die ich bekomme. Es gibt keine Direktion, die ich mir nicht vorstellen könnte. Als Fraktionschef der FDP bin ich es schon jetzt gewohnt, mich breit mit allen Themen zu beschäftigen. Von meinem Beruf als Gerichtsleitungsmitglied her habe ich einen Bezug zu juristischen Themen. Aber als Stiftungsratsmitglied des Kinderspitals beschäftige ich mich auch immer wieder mit Gesundheitspolitik.

Nach Ihrer Nominierung sagten Sie: «Ich bin breit aufgestellt – nicht nur politisch.» Sie kokettieren damit mit Ihrer Postur. Ich frage jetzt ganz direkt: Haben Sie die Idealfigur für einen Gesundheitsdirektor?
Ha! Nein, die habe ich wohl nicht. Da würd ich wohl besser Baudirektor. (lacht) Der Unterschied zum jetzigen Gesundheitsdirektor – dem durchtrainierten Thomas Heiniger – und mir ist in der Tat erheblich. Ich bringe einige Risikofaktoren mit. Damit entspreche ich aber wohl eher dem Durchschnitt der Bevölkerung, die mit dem Gesundheitssystem in Kontakt kommet, als der Marathonläufer Thomas Heiniger.

Wollten Sie schon als Kind Regierungsrat werden? Man hat das Gefühl, sie haben die Karriere darauf ausgerichtet.
Als Kind wollte ich Formel-1-Pilot werden. Politik hat mich dann aber früh interessiert. Ein Sitz im Regierungsrat hatte ich aber lange nicht als Ziel. Ich bin schon zu lange in der Politik, als dass ich nicht wüsste, dass ein solches politisches Amt nicht planbar ist. Da spielen zu viele Faktoren mit.

«Ich mache zu 100 Prozent eine wirtschaftsfreundliche Politik.»Thomas Vogel, FDP-Regierungsratskandidat

Als Mitglied der Leitung des Zürcher Bezirksgerichts sind Sie Staatsangestellter. Ist es ein Nachteil, dass Sie nicht das bürgerliche Ideal eines selbständigen KMU-lers erfüllen?
Nein, bisher gar nicht. Natürlich gibt es Leute, die finden: Der soll zuerst einmal ein paar Bleistifte verkaufen. Darüber muss ich manchmal den Kopf schütteln. Relevant ist doch nur eine einzige Frage: Mache ich eine wirtschaftsfreundliche Politik oder nicht? Und das mache ich zu 100 Prozent. Es gibt doch keinen Grund, die Nase zu rümpfen, wenn jemand mit einer kundenorientierten Haltung und mit Kostenbewusstsein in der Verwaltung tätig ist. Im Gegenteil: Genau solche Leute braucht es.

Die Einigkeit des bürgerlichen Tickets ist ein Thema: Mit SVP-Kandidatin Natalie Rickli haben Sie politisch mehr Differenzen als Gemeinsamkeiten, oder?
Nein, überhaupt nicht.

Bei der Selbstbestimmungsinitiative und bei der Steuerreform sind sie sich aber nicht einig.
Die Selbstbestimmungsinitiative war ein Prestigeprojekt der SVP. Da konnte Natalie Rickli, die ja noch Nationalrätin ist, wohl schlecht dagegen sein. Und bei der Steuerreform hoffe ich, dass sie ihre Meinung ändert, wenn sie sieht, wie wichtig diese Vorlage für den Kanton Zürich ist. Mich stört, dass die Uneinigkeiten im bürgerlichen Lager so hochgekocht werden. Entscheidend ist doch, dass wir in zentralen Fragen wie Finanzen, Steuern und Infrastruktur einer Meinung sind. Es gibt eine Studie der Uni Zürich, die belegt, dass die FDP im Kantonsrat weitaus am häufigsten mit der CVP und der SVP abstimmt. Gleichzeitig sind wir verschiedene Parteien mit eigenen Meinungen. Das ist auch gut so.

«Die kompromisslose Linie, die SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr nun gegenüber den Gemeinden fährt, kann ich nicht ganz nachvollziehen.»Thomas Vogel, FDP-Regierungsratskandidat

Der Kanton macht im Moment alle Gemeinde verrückt mit den neuen Budgetvorgaben. Ihre Fraktion hat dieser Regelung im Kantonsrat zugestimmt, oder?
Das ist richtig. Und wenn sich herausstellt, dass man einmal eine ungeschickte Regelung verabschiedet hat, sollten Kanton und Gemeinden einen einfachen und kulanten Weg finden, das Problem zu lösen. Die kompromisslose Linie, die SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr nun gegenüber den Gemeinden fährt, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

In so einem Fall sehen Sie sich als Fürsprecher der Gemeinden gegenüber dem Kanton?
Ich sehe mich als Fürsprecher für pragmatische Lösungen.

Das Sozialhilfegesetz ist in der Vernehmlassung. Werden die Gemeinden da von einem neuen Kostenverteiler profitieren?
Im Bereich der Sozialhilfe stehen die Gemeinden tatsächlich vor Problemen. Nicht nur die Städte: Einer kleinen Gemeinde kann es das Budget auf den Kopf stellen, wenn nur eine zusätzliche Familie Sozialhilfe bezieht. Da muss man eine bessere Lösung finden. Unser Ansatz ist, dies in den konkreten Gesetzen zu regeln, statt am kantonalen Finanzausgleich herumzuschrauben und das Umverteilungsvolumen weiter zu vergrössern.

In letzter Zeit hört man eher wenig von Ihnen...
Hören Sie von anderen Kandidaten denn mehr?

Anders gefragt: Wann starten Sie Ihren Wahlkampf?
Wir waren immerhin mit einer ersten Plakatkampagne schon präsent. Der Wahlkampf läuft im Moment vor allem hinter den Kulissen: Ich bin fast jeden Abend an Parteiversammlungen, an Verbandstreffen, an Wirtschaftsveranstaltungen, an Messen. Der eigentliche Wahlkampf wird sich aber auf die Monate Januar bis März konzentrieren.

Beobachter sagen, die Wahl sei für Natalie Rickli und Sie schon so gut wie sicher. Sehen Sie das auch so?
Nein, einen Wahlkampf darf man nie auf die leichte Schulter nehmen. Allenfalls liegt der Fokus diesmal aber wirklich auf dem Kantonsrat. Denn dort ist die bürgerliche Mehrheit knapp. Diese gilt es unbedingt zu verteidigen.

Erstellt: 01.12.2018, 10:06 Uhr

Zur Person

Thomas Vogel, Jahrgang 1972, wuchs in Dietlikon und Effretikon auf. Er besuchte die Kantonsschule Rychenberg in Winterthur, studierte in Zürich Jus und machte Karriere am Bezirksgericht Zürich. 1991 gründete er die Jungliberale Partei in Illnau-Effretikon, von 1994 bis 2008 sass er im Parlament dieser Stadt. 2003 wurde Vogel in den Kantonsrat gewählt, wo er seit 2008 die FDP-Fraktion leitet. (bä)

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Mit Jacqueline Fehr (SP), Martin Neukom (Grüne) und Natalie Rickli (SVP) sowie Thomas Vogel (FDP) und Rosmarie Quadranti (BDP) treten fünf Kandidierende aus Winterthur und Region zur Regierungsratswahl im März 2019 an. Der «Landbote» stellt alle in einem Interview vor. (bä)

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