Classic Open Air

Die Strahlkraft des Südens

Die Sonne und spanische Rhythmen versetzten den Rychenbergpark tief in den Süden, und auch ein Gewitter spielte mit – ein heisses Wochenende mit dem Musikkollegium, Leticia Moreno und Saimir Pirgu.

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Nicht nur die Tourismusbranche übertreibt, um die Sehnsucht nach dem Süden zu befeuern, auch das Musikmetier hält sich nicht zurück und behauptet, in Spanien – Eviva! – scheine die Sonne bei Tag und bei Nacht. ­Leidenschaft, Tanz, Erotik haben dort noch ihre urtümliche Gewalt, sagten und sagen komponierende Spanienbotschafter wie der Russe Rimski-Korsakow mit dem «Capriccio espagnol».

Bizet schuf mit seiner «Carmen» geradezu die Quintessenz der Spanienvision. Ravel holte von dort die Inspiration für besonderes attraktive Werke wie die «Tzigane» und den «Boléro». Mit dessen tumultuösem Finale beschloss das Musikkollegium unter der Leitung ihres Chefdirigenten das Konzert am Freitag, mitreissend im rhythmischen Sog und im Crescendo der repetitiven Melodie, deren Aufplatzen zum finalen Hühnerhautmoment wurde.

Die Geigerin als Carmen

Der Rychenbergpark ist weit, Bäume und Rasen schlucken viel Geräusch und Applaus, so viel aber auch wieder nicht, dass sich die Reaktion in den Stuhlreihen und von weit hinten aus dem grünen Areal nicht zum einzigen «Wow!» verbunden hätte. Der explosive Schlussmoment war aber auch die Quittung für eine fesselnde Werkfolge im Ganzen. Zu erleben war Orchesterbravour auf Schritt und Tritt. Orchestersolisten konnten sich brillant in Szene setzen, und sie hatten die gut ausgewogene Unterstützung vom Tonmeister, der ihnen den akustischen Teppich ausrollte.

Das galt auch für den Star des Abends, die spanische Geigerin Leticia Moreno, deren Guarneri sich vergrössert zu haben schien. Um so ohrenfälliger war aber auch, wie sauber und schön sie spektakuläre Technik, rasante Figuren, Flageolettpassagen oder Pizzicati mit der linken Hand spielte. Mit unverblümtem, aber wohl dosiertem Portamento und melodischem Pathos vermittelte sie das spanische Idiom tempe­ramentvoll und gezügelt vom selbstbewussten Charme einer Carmen. In Sarasates Fantasie über Bizets Themen verschmolz die Geigerin mit der Opernfigur. Nach dem Konzert lud die Y-Night mit der Schweizer Musikerin Annakin zum Bleiben ein. Begleitet von ihrem Percussionisten und Keyboarder sowie acht Mitgliedern des Musikkollegiums sang und hauchte sie ihre Lieder vom Mond und den Planeten in die laue Sommernacht.

Das Classic Open Air hat sich in seinem vierten Jahr weiterentwickelt. Die Festivalanlage mit Bar, Wirtschaft, Sponsorenlounge, einer optisch wie akustisch attraktiven Bühne, mit Spätprogramm und dem Familientag hat das Format eines Events, dessen Strahlkraft weit über die Stadt ­hinaus reichen dürfte – nicht zuletzt auch dank der attraktiven Stars in den beiden Hauptkonzerten.

Glanzvolles Panorama

Star der Operngala am Samstag war der albanische Tenor Saimir Pirgu. Das Konzert begann wegen einer Gewitterstörung verspätet und dann doch noch mit Regen. Aber Schönwetterkulissen sind eigentlich auch nichts für die tragischen Opernhelden wie Donizettis Edgardo aus «Lucia die Lammermoor» und Verdis Macduff aus «Macbeth», denen Pirgu Vehemenz und Glanz verlieh. Nicht gerade förderlich für die Konzentration auf die Musik war freilich das Geraschel der Pele­rinen, und so war es gut, dass der Himmel aufklarte – perfekt für Romeos Arie vor Julias Balkon. Sie bekam wie die Arien von Puccini und Massenet Pirgus schwungvollen belcantistischen Schmelz. Seine offene, draufgängerische Art, die er mit «La Danza» als Zugabe nochmals non­chalant ausspielte, machte ihn schnell zum Publikumsliebling.

Zwischen den Arien spielte das Musikkollegium Orchestermusik aus verschiedenen Opern – mit grossartiger Kontur und Energie, die Lorenzo Coladonato am Dirigentenpult präzis steuerte. Stimmungsvoll etwa die Méditation aus «Thaïs» mit Ralph Orendain als Solisten, unvergesslich die Interpretation des Intermezzos aus «Manon Lescaut» und besonders beeindruckend, wie innig der Alpha-cappella-Chor mit der Hymne aus «Nabucco» und wie markig er mit dem Zigeunerchor aus «Il trovatore» Glanzpunkte beisteuerte. (Der Landbote)

Erstellt: 09.07.2017, 18:20 Uhr

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