Seuzach

Die umstrittene Notunterkunft ist bezugsbereit

Der ehemalige Oberohringer Kindergarten ist neu eine Notunterkunft für Asylsuchende. Anwohner hatten sich erfolglos dagegen gewehrt. Dass die Unterkunft angesichts des neuen Asylgesetzes zu gross geraten sei, glaubt der Sozialvorsteher nicht.

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Es ist ein Zweckbau, mit dem die langjährigen Platzprobleme für Asylbewerber in der Gemeinde Seuzach endlich der Vergangenheit angehören sollen: Ein Pavillon ist mit dem ehemaligen Oberohringer Kindergarten verbunden worden, zusammen finden so insgesamt 30 Personen in der neuen Notunterkunft Platz. Der Umbau war umstritten (siehe Box rechts unten). Am Samstag, als die Gemeinde zum Tag der offenen Tür geladen hatte, war von der Opposition aber nichts zu spüren.

Je 28 Quadratmeter gross sind die sechs Viererzimmer im Anbau. Die Zimmer könnten durch eine Trennwand auch noch weiter unterteilt werden. Sie sind mit einem Bett, einer Garderobe und einem Wandschrank spartanisch eingerichtet. Die nackten Spanplatten an den Wänden verstärken dieses Gefühl.

«Fast unmöglich»

Günstige Wohnungen in Seuzach zu finden, ist nicht einfach. Auch für die Gemeinde nicht. Und selbst wenn man welche findet, ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis diese saniert und somit gekündigt werden. Jüngstes Beispiel: Die Wohnungen oberhalb des Coops in Seuzach werden saniert, die dort wohnhaften Asylbewerber müssen deshalb auf Ende Monat ausziehen.

Die Situation verschärfte sich im Herbst 2015, als die Zahl der nach Europa flüchtenden Personen zunahm und der Kanton die Aufnahmequote der Gemeinden von 0,5 auf 0,7 Prozent der Wohnbevölkerung erhöhte. «Innerhalb von drei Monaten mussten wir Wohnraum für 15 weitere Personen finden. Das war fast unmöglich», sagt Sozialvorsteher Peter Fritschi rückblickend. Die kurzfristige Lösung: Die Zivilschutzanlage unterhalb des Alterszentrum im Geeren. «Wohnraum war das nur in Anführungszeichen.»

«Kurzfristiges Denken»

Die langfristige Lösung ist die nun bezugsbereite Notunterkunft. Fünf Personen wohnen bereits seit eineinhalb Jahren im Obergeschoss des ehemaligen Kindergartens. Ende Mai sollen nun weitere 12 Asylbewerber in den Anbau einziehen.

Aktuell leben 28 Asylsuchende in der Gemeinde. 44 Plätze muss Seuzach bereitstellen, nachdem der Kanton die Aufnahmequote per 1. März wegen des neuen Asylgesetzes von 0,7 auf 0,6 Prozent der Wohnbevölkerung reduziert hat. Zudem gehen die Asylanträge in der Schweiz zurück.

Ist die Notunterkunft also zu gross und damit zu teuer geraten? Sozialvorstand Fritschi wehrt sich gegen dieses kurzfristige Denken: «Wir sind froh, haben wir nun diese Kapazität.» Aktuell überprüfe der Kanton, wie stark die einzelnen Gemeinden belastet seien. «Es könnte danach also zu Verschiebungen kommen.»

Mit dem neuen Asylgesetz sollen unter anderem auch Personen, die in den Zentren des Bundes kein Asyl erhalten (N-Status), gar nicht mehr in die Gemeinden zugewiesen werden. Allerdings hat Fritschi wiederum recht, wenn er entgegnet: «Das heisst nicht, das gar niemand mit N-Status mehr zu uns kommt.»

 «Ich glaube nicht, dass Seuzach einmal keine Flüchtlinge haben wird»Peter Fritschi, Sozialvorsteher Gemeinde Seuzach

Aktuell befinden sich im Kanton Zürich rund 2000 Personen mit N-Status. Meist, weil ein Verfahren gegen den negativen Asylentscheid hängig oder eine Rückführung ins Heimatland nicht möglich ist. «Ich glaube nicht, dass Seuzach einmal keine Flüchtlinge haben wird», sagt Fritschi. Auch das Staatssekretariat für Migration ordnet im 1. Quartalsbericht 2019 ein: «Es könnte innert relativ kurzer Zeit wieder zu einem Anstieg der Asylgesuche kommen.»

«Bisher keine Beschwerden»

Die Betreuung wird von der ORS Service AG übernommen, die mit der Gemeinde eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen hat. Sozialarbeiter Muhamad Rebar kommt mindestens alle zwei Wochen oder bei auftretenden Problemen auf Abruf vorbei. Zudem überprüft ein Liegenschaftsverwalter der Firma regelmässig die Unterkunft und behebt kleinere Schäden. «Beschwerden gab es in der Gemeinde Seuzach bisher nicht», sagt Rebar. Er sieht deshalb keinen Grund für die Anwohner, besorgt zu sein. Auch wenn er die «Angst vor Unbekanntem» nachvollziehen kann.

Eine wichtige Rolle wird wohl der Seuzacher Verein Pro Integration spielen. Dieser setzt sich aus Freiwilligen zusammen, die sich im Winter 2015/16 formierten und den Geflüchteten beispielsweise Sprachkurse oder gemeinsames Kochen, jeweils am Mittwochnachmittag, anbieten.

Der Baukredit von 1,45 Millionen Franken wird laut Fritschi leicht überschritten: «Allerdings im Toleranzbereich des Kostenvoranschlags.» Dies, weil die komplette Elektrik erneuert wurde und man eine Wärmepumpe statt einer Ölheizung einbaute.

Erstellt: 12.05.2019, 16:07 Uhr

Die Anwohner wehrten sich

Ursprünglich wollte der Gemeinderat die Parzelle der Wohnzone zuführen, der Kanton erlaubte dies aber nicht. Als die Pläne einer Notunterkunft für Asylbewerber per September 2017 publik wurden, lancierten Anwohner eine Petition, in der sie eine faire Verteilung der Asylsuchenden in der Gemeinde forderten. Jeder dritte Ohringer unterschrieb. An der Gemeindeversammlung Ende 2016 stimmten allerdings 280 Stimmberechtigte für den Baukredit in Höhe von 1,45 Millionen Franken, 253 waren dagegen, 80 enthielten sich. Im Anschluss wehrten sich aber acht Anstösser gegen die Umnutzung und machten die Schutzwürdigkeit und die ortsbildprägende Wirkung des Kindergartens geltend. Sie unterlagen sowohl vor Baurekurs- als auch vor Verwaltungsgericht. (gab)

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