Wülflingen

Die vielleicht dörflichste aller Dorfeten

Was haben Meerschweinchen mit der Krise der Dorfeten zu tun? Wer hatte sich vor Jahren vom Gehänselten mit Sprachfehler zum Dorforiginal entwickelt? Und was denkt die nächste Generation über die Chilbi? Antworten gab es vor Ort.

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«Zum letzten Mal? Das was?» – «Das Meersäuli-Spiel...» Schulterzucken, gefolgt von leicht verdutzten Blicken unter den Ehrengäste im Festzelt des Jodelclubs Wülflingen. OK-Präsident Christian Brunner nannte besagtes Meerschweinchen-Spiel bei der Eröffnung gerade als Beispiel dafür, wie die Behörden den Dorfeten jährlich das Leben schwer machten, durch neue Auflagen und höhere Gebühren.

Nun also beim Meersäuli-Spiel. Dort sitzt eine umzäunte Meersau in der Mitte einer Plattform, umringt von acht kleinen Holz-Riegelhäusern. Es gewinnt, wer seinen Franken auf das richtige Haus gesetzt hat, in das sich das Tier zurückzieht, sobald das Gitter weg ist, ein Spiel für kleine Kinder. Seit diesem Jahr fallen beim kantonalen Veterinäramt 208 Franken für «Werbung mit Tieren» dafür an und 48 Franken für eine Gewerbebewilligung. Denn das Meersäuli-Spiel fällt als Glücksspiel in die Lotto-Kategorie. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir so finanziell noch rauskommen», sagt Robert Schönenberger von der Ornithologischen Gesellschaft Wülflingen. Er und seine Frau sind seit der ersten Dorfet (1977) mit ihrem Meersäuli-Spiel dabei.

Goodwill oder gute Worte?

Die Dorfeten in der Krise, ein altes Lied, seit Jahren schon. Politik und Lokalprominenz zeigen aber nach wie vor viel Goodwill. Bei der Eröffnung sind die Wülflinger Gemeinderäte da, Sicherheitsvorsteherin Barabara Günthard-Maier (FDP) ist da, die höchste Winterthurerin Annetta Steiner (GLP) ist da und betont in ihrem Grusswort, sie hoffe, dass die Dorfet «gute Überlebenschancen» habe.

Ja, sogar das kernige Ostschweizer Unternehmer-Original Hausi Leutenegger setzt sich noch dazu und grinst gmögig in die Runde. Dann wird Ghackets mit Hörnli aufgetischt.

«Was?! Mega schlimm!»

Wie sieht es die nächste Generation? Wie schlimm wäre es, würde die Dorfet sterben? «Mega schlimm!», antworten vier 12-jährige Freundinnen fast im Chor. Pizza, Zuckerwatte, Tütschibahn, Freunde treffen, auch die von den anderen Schulhäusern, das alles mache die Dorfet einzigartig und «mega lustig halt». Aber das Albanifest? «Hier sind wir unter uns, man kennt sich!»

«Hier sind wir unter uns, man kennt sich!»14-jährige Besucherin

Ähnlich sehen es auch zwei 11-jährige Jungs, die sich freuen, an diesen Tagen ihre 50 Franken zu verprassen. Lieblingsessen? Spareribs! Lieblingsstand? Harassenstapeln. Nebenan gähnt ein Schausteller sein müdes Gähnen, eine ältere Frau mit Krumen im Mundwinkel schlendert mit dem Enkel an der Hand zum Zuckerwattestand und auf der Tütschibahn kurven nur sieben Autos. Das hat auch Vorteile: Man kann lange Anlauf holen. Rums!

«Weisch no, damals...»

Im grossen Saal des Kirchgemeindehauses herrscht angeregte Kaffeehausstimmung. Der Klimperklang von Kuchengäbelchen mischt sich mit vergnüglichen Gesprächen. Hier trifft sich die ältere Generation und schwelgt in Erinnerungen. Mit der Ausstellung zu den Wülflinger Dorflegenden haben die Veranstalter einen Nerv getroffen. Vom ehemaligen Quartier-Kaminfeger hängt ein Hochzeitsfoto, seine Braut im blütenweissen Kleid, umringt von «schwarzen Gesellen».

Portraitiert wird auch Coiffeur August Röschmann, der ab 1877 an der Wieshofstrasse frisierte und wenn nötig den Leuten die faulen Zähne zog. Man liest die Geschichte vom Rudolf «Chies-Ruedi» Weber (geboren 1919), der als Kind wegen seines Sprachfehlers gehänselt wurde, später aber zum beliebten Dorforiginal wurde, der auf der Abfallgrube «Chiesi» die Ein- und Ausfuhren kontrollierte.

Ebenfalls dorfbekannt: Nöldi Ballauf. Er verteilte in Wülflingen 42 Jahre lang die Post. Aus dem Rheintal, Kleinandelfingen und Zürich reisten Heimwehwülfliger zur Ausstellung an. «Es ist wie ein grosses Klassentreffen hier», sagt eine ältere Dame.

Draussen hängt ein Junge inzwischen am Seil gesichert und stapelt Harasse. Es fängt an zu tröpfeln, ein Mädchen und ein Junge blicken in den grollenden Himmel, der sich langsam verdunkelt. Im Regen wollen sie ihre rosa Zuckerbausche nicht wegschmelzen sehen. Sie grinsen kurz und essen dann mit grossen Bissen Watte um die Wette.

">Link (Der Landbote)

Erstellt: 26.08.2018, 15:28 Uhr

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Zwischen Risotto, Raclette und Regentropfen

Zwischen Risotto, Raclette und Regentropfen Jodel-Konzert, Skihütten-Stimmung im Raclette-Zelt und Meersäuli-Spiel: An der Wülflinger Dorfet ging es urchig zu und her.

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