Winterthur

Dieses Café soll eine Piazza sein

Zur Eröffnung des Cafés mit Co-Working-Space in der Neustadt war es ein langer Weg. Zum Schlafen kamen Simon Obrist und Lenz Baumann am ersten Wochenende kaum.

Café mit kirchlichem Hintergrund: Wirt Simon Obrist (links) und Präsident Lenz Baumann.

Café mit kirchlichem Hintergrund: Wirt Simon Obrist (links) und Präsident Lenz Baumann. Bild: Nathalie Guinand

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Luftballons in Rot und Weiss verraten den Passanten, dass hier eine Neueröffnung stattfindet. An der Tösstalstrasse 2 hat am Wochenende das Café mit Co-Working-Space «Zum hinteren Hecht» das erste Mal die Türen aufgemacht. Einige sehen sich die Räume mit plattgedrückten Nasen durch die Fensterscheiben an. «Lueg, das isch ja würkli mega schön», sagt eine ältere Dame zu ihrem Begleiter.

Von diesem Kompliment bekommen Simon Obrist und Lenz Baumann im Innern nichts mit. Nach knapp vier Stunden Schlaf sind der Geschäftsführer und der Vereinspräsident wieder auf den Beinen. Sie tragen Kisten mit Brot und Gipfeli umher, fegen eine letzte Runde und polieren Gläser. Nach und nach kommen weitere Helfer dazu. In einer Stunde erwarten sie nämlich bereits die ersten Frühstücksgäste.

«Einen Ort für zwanglose Begegnungen zu führen, war schon viel länger meine Idee.»Simon Obrist,
Geschäftsführer des Hechts

Zweieinhalb Jahre ist es nun her, dass die beiden das Projekt Friendship in Town entwickelten. «Einen Ort für zwanglose Begegnungen zu führen, war aber schon viel länger meine Idee», sagt Simon Obrist, der heute Geschäftsführer des «Hechts» ist. Sein Kollege Lenz Baumann ist der Präsident des Vereins Frienship in Town, der hinter dem Café steht.

Etwa 40 Mitglieder zählt der Verein heute – ein Grossteil kommt aus Seen. «Jetzt sind aber Leute aus allen Ecken der Stadt dabei», meint Baumann, der ebenfalls in Seen lebt. Obrist arbeitete früher als Sozialdiakon der reformierten Kirche in Seen. Für das Projekt hat er seine Stelle dort aufgegeben.

Hinsetzen, ohne zu bestellen

«Wir wollten einen Ort schaffen, wo man sich wie auf einem italienischen Marktplatz fühlt», sagt Baumann. Auf der Karte stehen verschiedene Weine, Antipasti, Piadina und gefüllte Gipfeli. «Auch einen Brunnen haben wir», ergänzt Baumann und deutet auf einen Wasserhahn inmitten des Lokals, wo sich jeder Gast bedienen kann. «Es war uns wichtig, dass es ein Café für alle ist», sagt Obrist. Deshalb gebe es auch keinen Konsumzwang. «Man soll sich auch bloss mit einem Buch hinsetzen können, ohne etwas zu bestellen.» Der Caffè sospeso, zu Deutsch: der gespendete Kaffee, ist eine weitere italienische Tradition, die hier gelebt werden soll. «Man zahlt den Kaffee sozusagen für den nächsten Kunden.»

Stühle und Bänke aus Holz, Sessel, Sofas, kleine Vasen mit Blumen: Das Café ist im Vintage-Stil gestaltet. Auch das Symbol des Hechts findet sich immer wieder, ob als ausgestopfter Fisch über einem der Tische oder als Karaffe, in der der Hauswein serviert wird. «Wir haben für solches extra ein Team von Architekten engagiert», sagt Obrist. Das Logo des Lokals entwarf hingegen ein Vereinsmitglied.

Gelder der Kirche

500000 Franken hat der Umbau des alten Hauses, inklusive Hinterhaus, wo das Co-Working untergebracht ist, gekostet. Zuvor war es ein Rohbau. «Alles hat gefehlt, wir hatten weder Leitungen noch Bodenbeläge», sagt Obrist. Deshalb hätten die Eigen­tümer des Stefanini-Hauses den Verein mit 300'000 Franken unterstützt. «Das ist sehr grosszügig», sagt der Geschäftsführer.

Doch das war nicht der einzige Geldgeber. Neben verschiedenen Stiftungen zählt die reformierte Kirche Seen zu den Spendern; der Stadtverband der reformierten Kirche zahlt 180'000 Franken, auf drei Jahre verteilt, zusätzlich zu einem Darlehen von 50'000 Franken gesprochen. Das gab Anlass zu Diskussionen. «Vermutlich waren einige skeptisch, weil die Fabrikkirche damals nicht besonders gut dastand», sagt Verena Bula, Präsidentin des Stadtverbands. Aber: «Ich bin sehr hoffnungsvoll. Sie hatten jetzt lange Zeit, sich vorzubereiten.»

Dass die Nähe zur Kirche auch abschreckend wirken kann, ist Baumann bewusst. Das Café solle nicht dazu dienen, jemanden vom christlichen Glauben zu überzeugen, versichert er.

Erstellt: 16.06.2019, 17:11 Uhr

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