Geschichte

«Dieses Modell ist eine Sensation»

Das älteste Stadtmodell der Schweiz steht im ­Museum Lindengut. Ein Händler und Winterthur-Fan ­bastelte es in seiner Freizeit aus Jasskarten – vor 200 Jahren.

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Andrea Tiziani ist begeistert von der Stadt aus Papier. «Ich kenne kein anderes Ortsmodell, das so alt ist wie dieses», sagt der Konservator des Historischen Vereins Winterthur. Auch die Präzision des etwa drei mal 1,5 Meter grossen Modells beeindruckt ihn: «Der Erbauer nahm es sehr genau, jeder Schuppen ist da, jedes Fenster, jedes Aborthäuschen im Hinterhof.» Vermutlich hat der Schöpfer den ersten, recht genauen Parzellplan von 1810 als Grund­lage verwendet. Dann muss er sich aber jedes einzelne Haus genau angesehen haben, total etwa 500.

«Das Modell lebt», schwärmt der Konservator. Auch die Rabatten und Gärten wurden gestaltet, «man hat richtig Lust, noch Männlein hineinzustellen»Der Erbauer – das ist der Winterthurer Tuchhändler Johann Georg Forrer, der von 1779 bis 1859 lebte und im Haus an der Marktgasse 19 sein Büro hatte (heute Drogerie Meier). Ein Mann, der seine Stadt offenbar sehr liebte – und der sich die Zeit nahm, sie masstabgerecht nachzubauen (1: 250). Man kann nur mutmassen, wie viele Stunden Arbeit er insgesamt in das Modell steckte, das er 1810 begann und 1818, also vor genau 200 Jahren, als 39-Jähriger fertigstellte. Gebaut hat er es zumindest teilweise aus Jasskarten, die er übermalte. Kartonnagen waren damals Mode, aus Papier und Karton bastelte man etwa für Puppenstuben.

Nach dem Tod Forrers vermachten seine Kinder das Modell der Stadtbibliothek, später ging es an den historischen Verein Winterthur über. Seit 1956 steht es im Eingangsbereich der damals noch Heimatmuseum genannten Villa im Vögelipark.

Beim Modell starten auch einige Führungen von Winterthur Tourismus. Die Führer erzählen ein paar Worte zur Geschichte und zeigen, wo später der Rundgang durch­führen wird. «Das Werk macht den Leuten wirklich Eindruck», berichtet Stadtführer ­Peter Lippuner. «Hier erhalten die Teilnehmer einen 1:1-Eindruck davon, wie es damals war.»

Zehn Stadttore, später als «unmodern» abgerissen

Das Modell zeigt Details der Stadt, die nicht nur für Historiker und Dokumentalisten interessant sind. Vor 200 Jahren erstreckte sich das Ortsgebiet nur unwesentlich über die Grenzen der mittelalterlichen Stadtmauern hinaus. Neben einigen Türmen fallen insbesondee die zehn Stadttore auf; besonders schön sind die inneren Tore, die um 1300 das hochmittelalterliche Stadtgebiet zwischen Graben und Neumarkt an der Marktgasse beschlossen, der obere und der untere Bogen. «Als man die Tore in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abriss, ging es nicht so sehr darum, dass man mit Wagen hineinfahren wollte in die Stadt», erklärt Konservator Tiziani. «Man wollte schlicht modern sein. Stadtmauern und Tore galten als etwas Altmodisches, etwas, dessen Zeit abgelaufen ist.» Heute ist im Kanton Zürich kein einziges Stadttor mehr erhalten.

«Der Erbauer nahm es sehr genau, jeder Schuppen ist da, jedes Fenster, jedes  Aborthäuschen im Hinterhof.» 

Andrea Tiziani, Konservator

Dass sich der Siedlungsbereich ursprünglich auf einen inneren Bereich der Altstadt beschränkte, sieht man auch daran, dass die Neustadt und der Bereich beim Untertor um 1818 teilweise noch mit Wirtschaftsgebäuden und Ställen bebaut waren und im ­Modell nicht sehr urban wirken. Bedauerlich aus heutiger Sicht scheint der Verlust des Zürcher Amtshauses, eines markanten Baus aus dem 16. Jahrhundert, das in den Nachkriegsjahren durch das heutige Kantonalbankgebäude ersetzt wurde.

Als Beamte die Fäkalientöpfe leerten

Durch die Marktgasse fliesst um 1818 noch ein Stadtbach, «kein Trinkwasser», erläutert der Konservator, «sondern Brauchwasser für Handwerker, zum ­Waschen oder auch zum Löschen von Bränden». Die Gassen sind nicht gepflästert, «im Sommer waren sie staubig, im Winter matschig».

Eine Kanalisation gab es noch nicht, Beamte leerten die Aborte in den Hinterhöfen mit Hand­kübeln, schütteten die Fäkalien in Wagen und leerten sie auf die Felder vor der Stadt. Der Kirchplatz war ein Friedhof, und im unteren Bereich der Steinberggasse, die damals Hintergasse hiess, stand die alte Metzg, erbaut als gemeinsames Schlachthaus aller Metzger zur Verbesserung der hygienischen Verhält­nis­se. «Es wurde ausgelost, wer vorne verkaufen durfte», erzählt Tiziani, «ein bisschen so, wie heute die Taxilizenzen für den Hauptbahnhof vergeben werden». Diesen selbst gab es um 1818 noch nicht, und auch die Industrialisierung hatte noch nicht begonnen.

Das Modell ist in gutem Zustand, «da und dort löst sich der Leim», so Tiziani; alle paar Jahre wird der Glaskasten geöffnet und das Werk geputzt und falls nötig geflickt. Zwar ist das besondere Exponat bei den Besuchern beliebt, doch wird sein runder Geburtstag nicht speziell gefeiert. Der Historische Verein konzentriert derzeit seine Aktivitäten auf das neue Museum Schaffen auf dem Sulzer-Areal. Über Be­suche im Lindengut freue man sich aber natürlich auch, sagt der Konservator.

Museum Lindengut, Römerstrasse 8, Di­­–Do und Sa/So 14 bis 17 Uhr, So auch 10 bis 12 Uhr, Eintritt 5 Franken. (Der Landbote)

Erstellt: 10.09.2018, 15:12 Uhr

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