Untertor

Durch und durch ein Altstadtmensch

Im Haus, in dem der Urgrossvater eine Küferei gründete und die Grossmutter einen Weisswarenladen betrieb, hat Peter Sutter mit seiner Familie ein ideales Domizil gefunden. Vom Untertor würde er nie wegziehen.

Peter Sutter kann sich einen Wohnort ausserhalb der Alstadt nicht mehr vorstellen. Auf der Terrasse zur Strehlgasse planschten seine Töchter früher im Kinderbecken.

Peter Sutter kann sich einen Wohnort ausserhalb der Alstadt nicht mehr vorstellen. Auf der Terrasse zur Strehlgasse planschten seine Töchter früher im Kinderbecken. Bild: Natalie Guinand

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Von der Dachterrasse des Hauses am Untertor 11 hat man einen weiten Blick über die Altstadt und auf die umliegenden, grünen Hügel. «In irgendeinem Häuschenquartier abgestellt sein, das wäre für mich nie in Frage gekommen», sagt Peter Sutter, der mit seiner Familie hier wohnt. «Ich bin durch und durch ein Altstadtmensch geworden!»

Bis er 1977 selber hier einzog, lebten verschiedene Generationen seiner Familie im Haus. Doch seit er hier wohnt, hat sich auch einiges geändert: «Anfänglich konnte man am Untertor noch alles in der Nachbarschaft einkaufen: Lebensmittel bei Tenti und Graf, Raucherwaren bei Lunardi, auch Metzgereien, Bäckereien und viele Spezialgeschäfte gab es damals», erinnert er sich.

Die Mercerie im Haus zum Goldenen Löwen um die Jahrhundertwende.

Noch viel mehr hat sich geändert, seit sein Urgrossvater, der Küfermeister Franz Maier, aus Süddeutschland zuwanderte und die Liegenschaft 1888 erwarb. Im Hinterhaus zur Strehlgasse richtete er seine Küferei ein, mit seiner Familie lebte er im Vorderhaus zum Untertor und in dessen Erdgeschoss betrieb die «Jumpfer Drössel» einen Laden mit Merceriewaren. «Aber nicht mit Eifer!», betont Peter Sutter lachend, denn von seiner Tante weiss er: «Wenn sie mal einen guten Verkauf gemacht hatte, dann schloss sie ihren Laden und ging für den Rest des Tages der Wirtschaft nach.»

«Was darf es denn sein?»

Nach dem frühen Tod des Küfermeisters Maier 1907 übernahm dessen Tochter Ida (geb. 1884) das «Geschäft für Mercerie-, Weiss- und Wollwaaren», das ihre Mutter bereits 1902 von der unsteten Jumpfer Drössel übernommen hatte. Obwohl Ida erst 23 Jahre alt war und keine Berufsausbildung genossen hatte, gelang es ihr mit Fleiss und einem freundlichen Wesen, den kleinen Laden zum Blühen zu bringen. Selbstbedienung gab es damals noch nicht: Nach der obligaten Frage «Was darf es denn sein?» wurden Schachteln, in denen das Gewünschte lagerte, hervorgeholt und deren Inhalt vor dem Kunden auf dem Ladentisch ausgebreitet. Zum Erfolg trugen auch ihre Stickerei- und Näharbeiten bei, etwa von Hand angefertigte Monogramme auf bei ihr gekauften Leintüchern und Servietten: Bald musste der kleine Laden gegen hinten erweitert werden, damit zusätzliche Näherinnen beschäftigt werden konnten.

«Wenn sie einmal einen guten Verkauf gemacht hatte, dann schloss sie ihren Laden und ging für den Rest des Tages der Wirtschaft nach.»Peter Sutter über die Geschäftspraktiken eines Familienmitglieds

Ihren späteren Ehemann Emil Sutter lernte Ida Maier kennen, weil ihre Mutter im Haus «Zum Gelben Löwen» auch eine Pension betrieb: Sutter, der damals bei der SBB angestellt und in Winterthur stationiert war, entdeckte das kleine Email-Schild «Pension» zufällig neben der Haustür und quartierte sich dort ein. Dabei wurde er auf «das fleissige Ideli» aufmerksam, das ihm als ideale Partnerin erschien – und so heirateten die beiden 1913.

SBB-Angestellte wurden alle paar Jahre an einen anderen Arbeitsort versetzt. Doch Emil Sutter wollte wegen des Geschäftes und der Familie nicht umziehen und gab 1929 die sichere Staatsstelle auf. Das erlaubte ihm, sich um den grossen Umbau zu kümmern, der zu jener Zeit anstand. Dabei wurde das Haus umfassend modernisiert und aufgestockt. Die Handschrift des bekannten Architekten Hermann Siegrist – ein Vertreter des Neuen Bauens – zeigte sich vor allem auf der Hinterseite zur Strehlgasse in Form einer gradlinig-schlichten Gestaltung mit unkonventionellen, horizontalen und vertikalen Fensterbändern sowie einer gerundeten Fassadenecke. Doch auch die modernisierte Ladenfront entsprach dem Zeitgeist der 1930er-Jahre. Bis 1953 prägte das Geschäft die Gasse, doch auch nach seinem Verschwinden blieb die Familie Sutter im Haus tätig: In den Obergeschossen betrieb sie über zwei Generationen erfolgreich eine Anwaltskanzlei.

Zu Fuss in den WK

Womit wir bei der Arbeit und wieder bei Peter Sutter wären: «Ich hatte meiner Lebtage nie einen nennenswerten Arbeitsweg», sagt der heutige Pensionär. «Denn ich arbeitete immer in der Altstadt oder ihrer Nähe und konnte über Mittag oder zwischen Arbeit und Abendprogramm jeweils schnell nach Hause gehen.» Diese kompakte Lebenssituation kam auch seiner Familie zugute, indem er als Ehemann und Vater häufig präsent und alles Nötige in unmittelbarer Nähe verfügbar war: Sogar einige WKs habe er altstadtnah in der Kaserne leisten können, schiebt er nach. Und wenn er abends ein Bier trinken wollte, musste er sich keine Sorgen wegen des Fahrens machen.

«Am Untertor liess es sich auch als Familie mit Kleinkindern gäbig wohnen», sagt er, «Unsere Töchter konnten auf der Terrasse zur Strehlgasse mit ihren Velöli herumsausen oder im aufblasbaren Schwimmbecken plantschen.» Später spielten sie im Stadtgarten oder in den Gassen, besuchten den Kindergarten am Rettenbachwegli und die Schule im Altstadtschulhaus. Wie ihre Eltern schlossen sie mit der Zeit Freundschaften in der ganzen Altstadt. Die Immissionen, die das Altstadtleben in Form von lautstarken Nachtschwärmern, morgendlicher Anlieferung oder Strassenreinigung mit sich bringen kann, nimmt Sutter gelassen hin: «Sie halten sich im Rahmen und sind kein Problem – zumindest solange man das Schlafzimmer nicht auf das Untertor hinaus hat.»

Erstellt: 30.05.2019, 15:40 Uhr

Das Untertor

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Aus allen Häusern kamen die Kinder. Dann spielten wir Verstecken in den Gassen und im «Bällelihöfli» (...) Heute hat es keine Spielplätze mehr und kein Gärtchen. Nur noch Parkplätze. Damals, Mitte der zwanziger Jahre, gab es nur wenige Automobile, die direkt vor den Geschäften parkieren, in aller Ruhe einkaufen und weiterfahren konnten. Diese Autos wurden bewundert und bestaunt.» (amh)

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