Andelfingen

Ein Bach wächst in die Höhe

Im Schlosspark Andelfingen droht der Bach alle paar Jahre ausser Rand und Band zu geraten. Der Grund ist der viele Kalk, der sich im Bachbett ablagert und dieses auffüllt.

Mit Pickel und Schaufel legt der Schlossgärtner von Andelfingen alle paar Jahre das Bachbett von den Kalkablagerungen frei.

Mit Pickel und Schaufel legt der Schlossgärtner von Andelfingen alle paar Jahre das Bachbett von den Kalkablagerungen frei. Bild: Christian Rüegsegger

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Normalerweise fressen sich Bäche und Flüsse in die Tiefe, bilden Rinnen und Täler – Erosion heisst das im Fachjargon. Anders im Schlosspark Andelfingen, wo nicht nur Pflanzen in die Höhe wachsen, sondern auch ein Bach. Es handelt sich dabei um einen der Arme respektive Kanäle des Mülibachs, die noch heute durch Andelfingen fliessen. Einst trieben sie mehrere Wasserräder an.

Im Jahresbericht der Stiftung Schloss Andelfingen hat Christian Rüegsegger das Phänomen unter dem Titel «Der wachsende Bach» beschrieben und bebildert. Rüegsegger ist seit 1989 Schlossgärtner in Andelfingen. Der Grund für das Wachstum ist der hohe Gehalt an Kalk im Wasser, der sich im Bachbett ablagert.

Bach tritt über die Ufer

Dass in Andelfingen die Bäche in die Höhe wachsen, «ist eine Erfahrung, die ich seit 29 Jahren immer wieder aufs Neue mit dem Bach im Schlosstobel mache», schreibt der Gärtner. Nach drei, vier Jahren sei der Bach so hoch gewachsen, dass er an einigen Stellen das Bachbett verlasse «und sich seinen eigenen Weg sucht». Darum legt Rüegsegger alle paar Jahre mit Pickel und Schaufel dem Bach sein Bett frei. Kürzlich war es wieder soweit – die eindrückliche Menge Kalk ist auf dem Bild rechts zu sehen. Seit ein paar Jahren ist ihm aufgefallen, dass die Arbeit viel strenger geworden ist. «Die Kalkschicht erschien mir fast wie Beton.» Rüegsegger nennt eine mögliche Erklärung, wieso die Kalkausscheidungen im Bach seit ein paar Jahren härter geworden sind. Bis vor einigen Jahren floss nämlich das Bachwasser zuerst durch die Andelfinger Fischzucht. «Vielleicht veränderten die Ausscheidungen der vielen Fische oder die leichte Erwärmung des Wassers in den Becken das Verhalten des Wassers bezüglich der Kalkausscheidung.»

Weniger sauer, mehr Kalk

Das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) habe zwar keine Daten zum Kalkgehalt des Mülibachs, heisst es seitens der Medienstelle der Baudirektion. Sie bestätigt aber, dass Bäche mit einem hohen Kalkgehalt von Natur aus die Tendenz zur Versinterung haben. Damit ist gemeint, dass sich der im Wasser gelöste Kalk im Bachbett, aber auch an Moosen, Blättern oder Zweigen schichtweise ablagert. Ein markantes, berühmtes Beispiel einer Versinterung sind die Tüfels Chilen oberhalb von Kollbrunn im Tösstal.

Für das Awel ist es ebenfalls denkbar, dass die 2010 aufgehobene Andelfinger Fischzucht etwas mit der stärkeren Verkalkung des Bachbetts zu tun hat. Das Amt erklärt den möglichen Zusammenhang folgendermassen: Wenn in einer Kläranlage gereinigtes Abwasser in einen Bach mit hohem Kalkgehalt fliesse, beobachte man oft, dass der Bach unterhalb der Anlage «keine Kalkablagerungen aufweist». Der Grund dafür ist, dass das Wasser aus der Kläranlage meist saurer ist als jenes im Bach. Und wenn das Bachwasser durch das Wasser aus der Klärung saurer wird, bleibt der Kalk im Wasser gelöst, statt sich abzulagern. Diese Wirkung ist aus dem Alltag bekannt: Wer ein Küchengerät entkalken will, verwendet zum Beispiel Essig, weil Säure den Kalk auflöst. Grund für den tieferen pH-Wert, also die Säure, im Abwasser sind Abbauprozesse, die Kohlendioxid respektive Kohlensäure ins Wasser abgeben. «Es ist denkbar», so das Awel, «dass der gleiche Prozess auch in den Becken der Fischzucht stattgefunden hat, wenn auch in geringerem Ausmass».

Dorf auf Tuffstein errichtet

In Andelfingen wird schon seit zigtausenden Jahren Kalk aus Quellen und Bächen abgelagert – praktisch der ganze alte Dorfkern liegt auf Tuffstein. Wie mächtig diese Ablagerungen sind, ist im Schlosstobel gut zu sehen, wo der weiche Stein einst als Baumaterial abgebaut wurde.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.06.2018, 18:36 Uhr

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