Winterthur

Ein brillantes Spektakel

Zwei kleine Werke von Maurice Ravel fügen sich im Theater Winterthur zum grossen Opernabend.

In Ravels Opera buffa «L’heure espagnole» dreht sich alles um Uhren und um eine begehrte Frau (Carmen Seibel als Conception).

In Ravels Opera buffa «L’heure espagnole» dreht sich alles um Uhren und um eine begehrte Frau (Carmen Seibel als Conception). Bild: Monika Rittershaus

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Menuett von Sessel und Sofa, Foxtrott und Ragtime von Teekanne und chinesischer Tasse – wer «L‘enfant et les sortilèges» schon einmal gesehen hat oder sich gar an die Produktion des Opernhaus in Winterthur vor zwanzig Jahren erinnert, hat auf diese Zaubereien gewartet und auch auf den Nachtzauber des Gartens, den Maurice Ravel mit aller Klangmagie evoziert.

Was das Internationale Opernstudio nun lustvoll überraschend mit spektakulärem Aufwand, viel Atmosphäre und verblüffenden Aktionen zeigt, ist weit entfernt von den präzisen Librettovorgaben und bleibt ihnen trotzdem verpflichtet.

Das rebellische Kind steht hier in einer Klosterschule an der Wandtafel, muss seinen ungebührlichen Satz von Lust und Leben auswischen und zur Strafe nachsitzen. Gemassregelt von der despotischen Lehrerin, verhöhnt von den Kameraden, zornig und allein, veranstaltet es eine Orgie der Verwüstung im Klassenzimmer; dieses wird zum Albtraumrevier. In verzerrter Gestalt tauchen Schüler, Abwart, Sport- und Mathematiklehrer auf und piesacken den Jungen, der sich im Gegenzug für «böse und frei» erklärt.

Pubertätskrise

Die Fetzen fliegen. Die Bühnen- und Kostümbildnerinnen Sonja Füsti und Jeannette Seiler haben fantastisch gearbeitet, und das Ensemble verausgabt sich darstellerisch wie musikalisch für dieses durchwegs brillante Spektakel einer ersten Pubertätskrise.

Dass es eine solche ist, akzentuiert sehr schön Claire de Sévigné mit zart melancholischer Melodik da und funkelnde Koloraturen dort in den beiden Auftritten, als die zum letzten Mal vor dem Jungen auftauchende Märchenprinzessin und die aus dem Cheminée auflodernde erotische Verführerin.

Köstlich gespielt und musikalisch präzis reihen sich auch die buffonesken Nummern mit Dmytro Kalmuchyn (L‘Horloge), Gyula Rab (L‘Arithmétique) und etlichen weiteren bis hin zum Miau-Duett der Katzen.

Allen voran zu bewundern ist die gesangsdramatisch intensive Bühnenpräsenz von Dara Savinova als das tobende und traurige Kind. Sein «panisches» Erleben und Erwachen im Mysterium des zweiten Teils, wenn das Schulzimmer grandios aufgesprengt wird (Kompliment an die Technik!), verliert sich dann ein wenig in der eher überinstrumentierten Szenerie. Der Bewunderung einer tollen Theaterarbeit tut eskeinen Abbruch.

Musikkollegium als Motor

Grossen Anteil am Premierenerfolg der von Pavel Baleff am Dirigentenpult geleiteten Produktion hat das Musikkollegium, das auch mit leicht reduzierter Instrumentation für atmosphärischen Zauber und spielerische rhythmische Energie sorgt. Im ersten Teil des Abends mit Ravels kleiner Opera buffa «L‘heure espagnole» ist es als Partner zumal mit seinen Bläsern und den Schlagzeug- und Geräuscheffekten der musikalische Motor der szenischen Miniaturen.

Die Satire um den Uhrmacher, seine Frau und die Menagerie der Liebhaber wird von Regisseur Jan Essinger geschickt als Vorgeschichte behandelt. Die Wandtafel ist schon da, hier aber auch schon das ganze Bühnenbild, und als solches witzig beschrieben. Wie gekritzelt bewegen sich auch die Figuren. Aber es sind Karikaturen mit imponierenden Stimmen: Carmen Seibel (Conception) und Huw Montague Rendall (Ramiro) zumal machen sicher ihren Weg – und den Begriff «Studio» kann man sich für diese Produktion überhaupt ruhig streichen.

Weitere Aufführungen im Theater Winterthur: Heute 19.30 Uhr, sowie 10.5., 12.5. und 14.5. (Der Landbote)

Erstellt: 05.05.2017, 14:55 Uhr

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