Film

Ein Chor vorgetäuschter Orgasmen

Die Winterthurer Regisseurin Barbara Miller will ihren Dokumentarfilm «#Female Pleasure» auf der ­ganzen Welt ­zeigen. Ihr Anliegen: die Mechanismen des Patriarchats brechen. Was diese mit Mainstream-Pornografie zu tun haben, erzählt sie beim Kaffee am Zürcher Hauptbahnhof.

In «#Female Pleasure» zeigt Barbara Miller fünf kluge, mutige Frauen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, die sich dem Kampf gegen das Patriarchat stellen.

In «#Female Pleasure» zeigt Barbara Miller fünf kluge, mutige Frauen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, die sich dem Kampf gegen das Patriarchat stellen. Bild: PD

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Am Anfang war die Finanzierung zäh. Irgendwann kam mir der Zeitgeist entgegen, irgendwann hat sich etwas aufgetan, und mein 150-seitiges Dossier bekam Gehör. Drei Jahre später kam #MeToo. Plötzlich lief es. Der Grundgedanke, dass Frauen weniger wert sind, ist weltweit derselbe. Für mich ist der positive Filmtitel an sich kein Widerspruch zur sexualisierten Gewalt, die Thema ist. ‹#Female Pleasure› ist ein Aufruf, aktiv zu werden. Diese fünf Frauen haben Schwieriges erlebt, aber ihre Nachricht ist positiv. So weit weg von einer Opferhaltung sagen sie in die Welt hinaus, dass da mehr ist. Es braucht viel, viel Öffentlichkeit.

Und es braucht auch die Männer für ein befreites Miteinander. Sie fühlen sich übrigens nicht angegriffen durch den Film. Es freut mich sehr, dass sie verstehen, dass Institutionen, gesellschaft­liche Systeme hinterfragt werden, nicht Männer an sich. Institutionen, die behaupten: Frauen sind weniger wert.

‹#Female Pleasure› ist ein Aufruf, aktiv zu werden. 

Man muss viel deutlicher werden in den Schulen. Man muss Jugendliche unterstützen bei der Sozialisierung in ihrer Sexualität. Mainstream-Pornos thematisieren, die sie ja schon vor ihrem Teenagerdasein konsumieren, ohne dass jemand mit ihnen dar­über spricht. Sie sehen, wie Frauen zum Objekt gemacht werden, wie Sex und Gewalt vermischt werden. So erhalten Jugendliche den Eindruck, Rape Culture gehöre zur Sexualität. Zärtlichkeit existiert nicht, küssen, die Klitoris. Eltern schämen sich, sagen, sie könnten doch nicht mit ihrem elfjährigen Kind darüber reden.

Die Realität ist aber, dass die Kinder damit konfrontiert werden, in der Schule aber teilweise bis 15, 16 gewartet wird mit dem Thema. Mädchen sagten mir, sie stünden unter einem wahnsinnigen Druck, alles mitzumachen, alles mit sich machen zu lassen. Jetzt ist ja wieder ans Licht gekommen, dass hier zig Schulen Bücher bestellt haben, in der die ­Klitoris nicht vorkommt, weil ein religiös-fundamentalistischer Sachbuchverlag dahintersteht. Was sind das für Zeichen?, frage ich mich.

Da ist einerseits diese massive Sexualisierung. Aber dass Frauen lernen, angstfrei auszusprechen, was sie wirklich möchten, ist ­andererseits auch bei uns längst nicht Realität. Leyla Hussein sagt im Film, es gehe ein Chor von vorgetäuschten Orgasmen um die Welt. Sie hat recht. Das hat mit jahrtausendealten Strukturen zu tun. Ich muss besser sein, schöner, ich muss mich anpassen, um zu genügen. Das ist so tief in uns Frauen drin. Bei Diskussionen zum Film haben viele Frauen eingestanden, dass sie Orgasmen vortäuschen. Um den Mann nicht zu enttäuschen. Oder nicht wagen auszusprechen, was einem eigentlich gefällt.

Das Parade­beispiel Donald Trump, der In­begriff des patriarchalen Systems, des Machtmissbrauchs, hat es weit gebracht.

Es gibt ja viele Männer, die wollen, dass Frauen auch Spass haben. Das ist nur leider noch nicht überall der Fall. Das Parade­beispiel Donald Trump, der In­begriff des patriarchalen Systems, des Machtmissbrauchs, hat es weit gebracht. Damit man Leuten wie ihm nicht den Platz überlässt, brauchen Frauen die Unterstützung der Männer. Der grossen, schweigenden Mehrheit der Männer, die wohl wollen, dass es den Frauen gut geht, es aber nicht sagen, sich nicht dafür starkmachen.

Rund 85 Prozent aller Ver­gewaltigungen werden nicht angezeigt, heisst es. Man schämt sich, sucht den Fehler bei sich. Zudem werden Vergewaltigungen in unserem Rechtssystem noch immer als Kavaliersdelikt behandelt. Selber schuld, schwingt mit, hast dich falsch angezogen, trink lieber weniger. Die uralte Mär, dass Frauen die Verantwortung über den männlichen Trieb tragen. 30 Prozent der Nonnen wurden misshandelt, wie eine der Protagonistinnen ­recherchiert hat. Den Papst in­teressiert das nicht.

Gerade hat das Gericht von Michigan Genitalverstümmelung bei Mädchen gutgeheissen und Ärzte freigesprochen. Das Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung müsse aufgehoben werden, weil es verfassungswidrig und gegen die religiöse Freiheit sei. Kein einziges Mädchen dieser Welt darf mehr genital verstümmelt werden. Wie können wir ­zusehen, wie alle elf Sekunden einem weiteren Mädchen die Möglichkeit genommen wird, je eine erfüllte Sexualität zu leben? Das ist schwerste Körperver­letzung. Es passiert nicht nur in Afrika und im arabischen Raum, es passiert auch in Europa. Es ­wäre mein grösster Traum, dass es aufhört. Dass wir auf der ganzen Welt einen erfüllenden, respektvollen Umgang miteinander finden.

Aufgezeichnet von Melanie Kollbrunner

«#Female Pleasure» läuft täglich um 17.30 Uhr im Kino Loge 2.

(Der Landbote)

Erstellt: 02.12.2018, 20:53 Uhr

Barbara Miller ist 1970 in Winterthur geboren. Sie schloss ein Jurastudium ab und absolvierte das Grundstudium in Filmwissenschaft, Philosophie und Psychologie an der Uni Zürich. Seit 2001 ist sie als freischaffende Dokumentarfilmerin tätig.

In «#Female Pleasure» zeigt Miller fünf kluge, mutige Frauen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, die sich dem Kampf gegen das Patriarchat stellen. Da ist Leyla Hussein, Psychologin und Gründerin zweier Hilfsorganisationen für Frauen, die wie sie als kleine Mädchen genital verstümmelt wurden. ­Vithika Yadav gründete das indische Online-Sexualaufklärungsprojekt «Love Matters», das sich gegen Vergewaltigungen einsetzt. Doris Wagner war eine junge Nonne in einer katholischen Ordensgemeinschaft, die vom 20 Jahre älteren Hausvorsteher vergewaltigt wurde, und die Japanerin Megumi Igarashi wehrt sich gegen die Doppelmoral in ihrer Kultur. Deborah Feldman schliesslich wuchs abgeschottet in einer orthodoxen jüdischen Familie im New Yorker Quartier Williamsburg auf, in dem sie mit 17 Jahren an einen jungen Mann zwangsverheiratet wurde.

mek (Bild: PD)

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