Stadthaus

Ein Frauenbild in Orange

Abschluss und Höhepunkt der Reihe «Das Rychenberger Gastbuch»: Das Musikkollegium widmete einen ganzen Abend Othmar Schoeck – eine Begegnungin vielen Farben.

Rachel Harnisch am Schluss des Konzerts beim Applaus.

Rachel Harnisch am Schluss des Konzerts beim Applaus. Bild: Herbert Büttiker

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Dichter standen meist im Hintergrund von Othmar Schoecks musikalischer Fantasie, auch wenn er rein instrumental komponierte: Mit dem pastoralen Intermezzo «Sommernacht» für Streichorchester nach dem Gedicht von Gottfried Keller eröffnete das Musikkollegium das Hauskonzert am Freitag.Es spielte unter der Leitung von Mario Venzago, und wenn er im Stadthaus dirigiert, ist es eine Art Heimkehr – von 1979 bis 1986 war er hier Hausdirigent. Far­big facettiert, atmosphärisch bewegt klang das Nachtstück und wie blühend selbstverständlich ­Schoecks Musik an diesem Abend überhaupt.

Werner Reinharts Favorit

Dabei sind einem Welt und Sprache dieses Neospätromantikers ja nicht mehr so vertraut wie damals, als er in Winterthur dank Werner Reinhart eine heraus­ragende Rolle spielte. In Zahlen heisst dies: Elf ausschliesslich Schoecks Werken gewidmete Abende fanden zwischen dem ersten Kontakt 1916 und Reinharts Tod 1951 statt, mit über fünfzig Nummern war sein Werk in den Konzertreihen vertreten – eine Spitzenposition unter den Zeitgenossen, die deutlich macht, welcher Musik Reinharts Vorliebe galt. Über zwei Dutzend Einträge von Schoeck gibt es im Rychenberger Gastbuch, um die dreissig Manuskripte kamen in die Sammlung des Mäzens.

Ein Schoeck-Abend im Rahmen des Saisonthemas drängte sich somit auf, zur Pflichtübung wurde er nicht: Das Konzert war gut besucht, Orchester und Solisten sorgten mit Sensibilität, Überschwang und gewitterhaft elektrisierenden Momenten, die Schoecks orchestrale Klangwelt auszeichnen, für eine starke Präsenz seiner Musik.

Märchen und Biografie

Im Mittelpunkt glänzte die Sopranistin Rachel Harnisch, und wenn neben ihrer strahlenden Stimme und eindringlichen Musikalität hier auch ihr leuchtend oranges Kleid zu erwähnen ist, so deshalb, weil sie nach dem nostalgisch reflektierenden «Besuch in Urach» (Eduard Mörike) in die dazu passende Rolle schlüpfte. Ihr Auftritt in der Kantate «Vom Fischer und syner Fru» nach Grimms bekanntem Märchen war von der optischen Erscheinung wie von der musikalischen Durchdringung perfekt.

Fabelhaft, wie sie das überhebliche, hinterhältige, auftrumpfende Gebaren, das sozusagen leuchtend orange Wesen dieser Femme fatale, über die Rampe spielte und hier die volle, im Mörike-Gesang manchmal noch von lyrischen Bögen und Aufschwüngen dominierte sprachliche Plastizität zur Wirkung brachte – da fehlte wirklich nur das Bühnenbild zur kunstvoll verdichteten Szenerie mit der Frau, die immer höher hinaus will, und ihrem Mann, der mit wachsender Verzweiflung ihre Wünsche erfüllt.

Jörg Dürmüller, souverän bei Stimme, war dieser Mann, der bei allem Markigen und in die Höhe getriebenem Rezitativ, bei allen Ausflüchten ins Liedhafte, kleinlaut beizugeben hat. Auch wie im bösen Geschlechterspiel der Butt mit geradezu eherner Gleichmütigkeit mitspielt, gibt zu denken, Jordan Shanahan jedenfalls gab ihm mit voluminösem Bass eindrücklich die geheimnisvolle Bedeutung. Erklärungen mögen Biografen bei Schoecks eigenen Frauengeschichten finden, die Aufführung gab dem Märchen die suggestive Gegenwart für sich selbst.


Die Aufführungwurde von Radio SRF aufgezeichnet für eine CD-Veröffentlichung. Gesendet wird diese Aufzeichnung am 29. Juniauf Radio SRF 2 Kultur. (Der Landbote)

Erstellt: 11.06.2017, 18:35 Uhr

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