Albisgüetli-Tagung

«Ein Projekt mit Grössenwahn»

Christoph Blocher schwört die SVP auf den Kampf gegen das Rahmenabkommen mit der EU ein. Gewerkschafter Corrado Pardini, selber ein Kritiker, redet dabei der Partei im Albisgüetli ins Gewissen.

Für Christoph Blocher nach wie vor das Erfolgsrezept: «Die SVP muss viel Nein sagen.»

Für Christoph Blocher nach wie vor das Erfolgsrezept: «Die SVP muss viel Nein sagen.» Bild: Keystone

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Die Bundespräsidentin ist nicht da, aber der Gewerkschafter. Wegen einer Terminkollision hat Simonetta Sommaruga (SP) die Teilnahme an der alljährlichen Albisgüetli-Tagung der SVP abgesagt. Stattdessen haben die Organisatoren Corrado Pardini, Mitglied der Unia-Geschäftsleitung, eingeladen.

Was der im Herbst abgewählte SP-Nationalrat aus Bern zu sagen hat, dürfte den rund 1250 Anwesenden im Saal ohnehin besser gefallen – könnte man meinen. Denn auch er ist kritisch gegenüber dem EU-Rahmenvertrag eingestellt. «Greift die EU die flankierenden Lohnschutzmassnahmen an, reagiere ich als Gewerkschafter giftig», sagt er am Freitagabend im frisch renovierten Schützenhaus Albisgüetli in Zürich.

Insel der Glückseligen?

An die Politik der SVP erteilt er trotzdem eine Absage: «Die Insel der Glückseligen, Geranien vor die Fenster, gleiche Religion, Patriotismus, Zaun drum: Das funktioniert nicht. Da will uns jemand für dumm verkaufen.» Pardinis Schweiz sieht anders aus. Er wünsche sie sich offen, der Welt zugewandt. Innovativ und reich in jeder Form von Austausch solle sie sein. Und: «Sozial gerecht mit freiem Personenverkehr – und mit lohnschützenden flankierenden Massnahmen.»

Pardini warnt somit trotz aller Unstimmigkeiten mit der EU vor einem Alleingang und kompletter Isolation. «Das Albisgüetli liegt in der Schweiz, liegt in Europa», sagt der 54-Jährige.

Überfüllte Züge

Vor Pardinis Rede hat SVP-Doyen Christoph Blocher die Personenfreizügigkeit als Projekt bezeichnet, «die Grössenwahn ausstrahlt». Sie und die «lasche Handhabung des Asylwesens» werde das Land in die Enge treiben. Denn was ist passiert? «In 13 Jahren sind eine Million Leute gekommen. Eine Million mehr Leute, die Zug fahren!», ruft Blocher in den Saal und rechnet weiter: 450000 neue Wohnungen brauche es deshalb. Wie viel Fläche Land da geopfert werde? «Und wie viele Ärzte, Pfleger und Polizisten brauchen wir da?»

Aus diesem Grund, schliesst der SVP-Übervater, sei die Begrenzungsinitiative notwendig, über welche die Schweiz am 17. Mai abstimmt. «Sie gewährleistet, dass wir die Berufe, die wir in der Schweiz nicht finden, aus der EU bekommen.» Aber: eben nur diese.

Auch auf andere Themen peitscht Blocher seine Anhänger ein. «Die SVP muss viel Nein sagen: dann, wenn die Steuern erhöht werden, wenn Lohnabzüge gemacht werden, wenn man dem Bürger Geld wegnimmt.» Wenig abgewinnen kann er zudem dem Kampf gegen den Klimawandel. Die kleine Schweiz, findet er, könne gemessen mit den grossen Ländern dieser Welt nur im Promillebereich etwas ausrichten. Und über die Erderwärmung sagt er: «Es gibt Regionen, in denen es immer zwei Grad wärmer ist als bei uns. Und dort lebt ja auch jemand!»

Politische Gegner verhöhnt

Mit viel Hohn überschüttet der 79-Jährige auch den politischen Gegner. Vor allem die Linken und Grünen, die im vergangenen Jahr neu ins Parlament gewählt worden sind, kommen an die Kasse. Sie seien Studenten, Doktoranden, Koordinatoren und Gewerkschafter von Beruf oder würden sich gar einfach nur als Nationalrätin bezeichnen. Ihnen fehle der Bezug zum richtigen Leben. Blocher rechnet damit einmal mehr mit der «Classe politique» ab, ohne aber das Wort in den Mund zu nehmen. «Der häufigste Beruf im Parlament ist der Berufslose», sagt er und erntet in einem Saal – in dem natürlich nur Berufstätige sitzen – viel Gelächter.

Erstellt: 17.01.2020, 22:52 Uhr

Fischers Suche nach dem Präsidenten

Er ist an diesem Abend sozusagen der Hausherr: Benjamin Fischer, eben erst zum Präsidenten der SVP des Kantons Zürich gewählt. In dieser Funktion hat er seinen ersten grossen Auftritt. Der 28-Jährige aus Volketswil steht für die Verjüngung seiner Partei. Er ist sogar jünger als die Albisgüetli-Tagung, die am Freitagabend zum 32. Mal stattgefunden hat. Sie sei zum Sinnbild der Tradition geworden, sagt Fischer zum Auftakt. Und es gelte sie zu pflegen. «In der Politik fehlt oft die Tiefe», sagt der Kantonsrat und findet den Grund dafür in der Schnelllebigkeit der Gesellschaft. «Entscheidungen dürfen nicht aufgrund von Trends und Tagesaktualitäten getroffen werden.»

Fischer, der demnächst das Präsidium der Jungen SVP Schweiz abgibt, möchte sein Wirken also nicht nur auf das Tagesgeschehen beschränken – und offenbar auch nicht auf den Kanton Zürich allein. Auf TeleZüri hat er nämlich als Nachfolger von Albert Rösti, dem zurücktretenden Präsidenten der SVP Schweiz, Alfred Heer aus Zürich ins Spiel gebracht. Dieser äussert sich aber nicht so klar über seine Ambitionen – genauso wenig wie Nationalrat und Banker Thomas Matter aus Meilen und der Schwyzer Bauer und Nationalrat Marcel Dettling, die schon seit einiger Zeit als Favoriten für das Amt gehandelt werden. (miw)

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