Winterthur

Ein rätselhaftes Boomgeschäft

In Winterthur schiessen derzeit sogenannte Escape Rooms aus dem Boden. Nebst Jungunternehmern macht auch das Technorama mit. Allen gemeinsam sind raffinierte Gruppenrätsel, die eine Geschichte erzählen.

Nur Deko oder ein wertvoller Hinweis? Alex Zwahlen und Vladimira Scheidegger posieren im Raum Nora ihrer Firma Winterthur Escape an der Obergasse mit Skulpturen.

Nur Deko oder ein wertvoller Hinweis? Alex Zwahlen und Vladimira Scheidegger posieren im Raum Nora ihrer Firma Winterthur Escape an der Obergasse mit Skulpturen. Bild: Madeleine Schoder

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Wenn die Chefin und der Bürokollege zu Detektiven werden und Schränke durchwühlen, wenn die Tochter Türschlösser knackt und dafür gelobt wird, dann ist man entweder im falschen Film oder in einem Escape Room. Diese Gruppenrätsel, von denen bis vor kurzem kein Mensch gehört hatte, sind zum Boommarkt geworden. Unter Zeitdruck, meist 60 Minuten, muss die Gruppe aus einem speziell präparierten Raum etwas herausfinden und dabei diverse Logik- und Geschicklichkeitsrätsel lösen. Es ist wie ein Computerspiel – ausser dass man alles anfassen kann. Im März eröffnete am Lagerplatz der erste Winterthurer Escape Room, seither sind zwei Mitbewerber dazugekommen und ein weiteres Angebot ist in Planung. Zeit, einen Überblick zu gewinnen.

DIE NEUESTEN AM PLATZ

Drei Jahre ist es her, dass eine Freundin der heute 32-jährigen Zürcherin Vladimira Scheidegger das erste Mal von einem Escape Room vorschwärmte. Wenig später kündigte die gelernte Landschaftsingenieurin kurz entschlossen ihren Job und eröffnete am Stauffacher in Zürich einen eigenen Escape Room. Damals war es der zweite in der Stadt. Drei Jahre später wagt sie sich mit «Winterthur Escapes» in eine zweite Stadt. Im Dezember war Eröffnung.

Vladimira Scheidegger empfängt uns im vierten Stock eines Altstadthauses an der Obergasse. Hier liesse sich herrschaftlich wohnen, mit Blick in Innenhöfe und über Dachlandschaften. Doch das Schlafzimmer ist abgedunkelt, nur eine Deckenlampe spendet schummriges Licht. Wir befinden uns im Spiel «Ipogios» und durchschnüffeln ein fremdes Büro nach Spuren. Eine grosse Weltkarte und Konstruktionspläne sind aufgehängt, an der einen Stirnwand steht ein Computer, auf der anderen ein Spind.

«Heute sind die Kunden anspruchsvoller. Die Leute möchten in eine Geschichte eintauchen.»Vladimira Scheidegger

Innerhalb von 60 Minuten soll unser Team das Rätsel um eine Gasturbine lösen, die aus dem Sulzer-Areal gestohlen wurde. Dabei müssen der Spind geknackt, Computerpasswörter gefunden und knifflige Puzzles gelöst werden. Jeder Gegenstand im Raum könnte ein Hinweis sein. Teamwork ist gefragt! Wenn es nicht mehr weitergeht, meldet sich die Spielleitung per Walkie-Talkie: Sie guckt aus einem anderen Raum über Video zu und gibt wertvolle Tipps.

In den drei Jahren, in denen sie im Geschäft ist, hat Vladimira Scheidegger ihr Geschäftskonzept mehrmals neu erfinden müssen. «Die Räume der ersten Generation waren eine Zusammenstellung verschiedener Rätsel. Heute sind die Kunden anspruchsvoller. Die Leute möchten in eine Geschichte eintauchen. Auch elektronische Rätsel und Effekte gehören dazu: Licht und Ton reagieren auf die Aktionen der Spieler.»

«Gemeinsames Rätseln eignet sich ideal für einen Team-Building-Anlass.»Vladimira Scheidegger

Mithilfe ihre Partners Alex Zwahlen (39) hat sie in den letzten Monaten in der Dachwohnung Hunderte Meter Kabel verlegt. Neben dem Industrierätsel, das es gleich doppelt gibt, damit zwei Gruppen gegeneinander antreten können, ist auch ein familientaugliches Fantasieszenario im Angebot: Nora, die Geschichte um ein verschwundenes Mädchen.

Scheideggers grösste Kundengruppe sind allerdings Firmen, besonders im zweiten Halbjahr macht sie gegen 70 Prozent ihres Umsatzes mit Betriebsanlässen. Sie hat ein mobiles Spiel entwickelt, mit dem sie direkt in die Betriebe gehen kann, oder ein Spiel in einem Zürcher Hotel, zu dem ein Dinner dazugehört. «Gemeinsames Rätseln eignet sich ideal für einen Team-Building-Anlass», sagt sie.

DIE ERFOLGREICHEN PIONIERE

Während die halbe Schweiz schon im Escape-Room-Fieber war, blieb Winterthur lange ein weisser Fleck auf der Karte. Die Pioniere waren im März zwei erst 23-jährige Studenten, Miro Hintermüller und Cédric Holenstein. Ihr «Geheimgang 188» besticht schon allein durch die atmosphärische Lokalität: Durch einen langen abschüssigen Gang gelangt man vom Lagerplatz in die Katakomben des Sulzer-Areals. In dem bunkerartigen alten Notspital gibt es nicht einmal Handyempfang. Dafür zwei äusserst stimmungsvolle Rätselräume.

«Unsere Erwartungen sind komplett übertroffen worden.»Miro Hintermüller

Seit Eröffnung im März konnte der «Geheimgang 188» schon über 6300 Kunden verzeichnen, sagt Hintermüller. «Unsere Erwartungen sind komplett übertroffen worden.» An vielen Wochenenden sei jeder einzelne Termin belegt. Wenn die jungen Unternehmer im Sommer ihr Studium abschliessen, Hintermüller in Journalismus, Holen­stein in Wirtschaft, wollen sie sich hauptberuflich dem «Geheimgang 188» widmen.

«Ehrlich gesagt war das Projekt in den letzten Monaten bereits oft unser Hauptberuf, und das Studium musste hintanstehen», sagt Hintermüller. Inzwischen haben die zwei ein ortsunabhängiges Spiel entwickelt, das man für Anlässe buchen kann, ein dritter Rätselraum ist in Planung. Als Spielleiter sind sie dagegen selten im Einsatz – dafür haben sie sieben Studierende angestellt.

DIE VOLLPROFIS

Im Schweizer Markt der Escape Rooms gibt es viele Quereinsteiger und kleine Anbieter. Im Vergleich dazu ist die Firma Adventure Rooms aus Bern ein Riese. 2012 wurde sie vom Berner Gymnasiallehrer Gabriel Palacios gegründet, dessen Schulprojekt so erfolgreich war, dass es ein Eigenleben annahm. Seither hat Adventure Rooms unzählige Filialen im Franchisesystem in 20 Länder auf der ganzen Welt verkauft, darunter die USA, Australien, Katar, Deutschland, Peru und Estland. Als das Technorama sich entschloss, selbst zwei Räume anzubieten, setzte man daher auf diesen erfahrenen Partner.

«Diese Räume sind spektakulär. Für mich als Physiklehrer ist ein lang gehegter Traum wahr geworden.»Gabriel Palacios

Seit September ist «Equilibrium» spielbar, im Frühling soll «Continuum» folgen. Das Besondere: Die Rätsel hier sind von naturwissenschaftlichen Phänomenen inspiriert und wurden durch die erfahrenen Exponatebauer des Technoramas hergestellt. Firmengründer Palacios gerät ins Schwärmen: «Diese Räume sind spektakulär. Für mich als Physiklehrer ist ein lang gehegter Traum wahr geworden.»

Das Spiel richtet sich vor allem an Erwachsene und Jugendliche. Der Eintritt von 30 bis 40 Franken pro Person, abhängig von der Gruppengrösse, ist nicht im Eintritt enthalten und ist vergleichbar mit dem «Geheimgang 188» und «Winterthur Escape».

DIE NEUEINSTEIGER

Mitten in Seen, an der Bollstrasse 6, will ein junges Paar seinen Traum vom eigenen Escape Room verwirklichen. Linda Altwegg (26) und Cyril Odermatt (28) kamen vor knapp zwei Jahren bei einem Schweden-Urlaub auf den Geschmack. «Wir waren total begeistert, wie tief man dort in die Geschichte eintauchen konnte», sagt Altwegg. Zurück in der Schweiz testeten sie diverse Angebote – und waren enttäuscht. «Das Angebot entsprach nicht unseren Wünschen», sagt Altwegg. «Viele waren sehr auf die Rätsel fixiert. Bei uns soll die Geschichte ganz im Vordergrund stehen.»

Im letzten Frühling reifte der Entschluss, es selbst zu versuchen. Die Voraussetzungen sind gut: Cyril Odermatt hat als Elektroniker ein Händchen für technische Rätsel. Und Linda Altwegg konnte als gelernte Hochbautechnikerin die Pläne für die Umnutzung der Räume gleich selbst erstellen. Im Moment wartet die Escape Stories GmbH noch auf Bewilligungen, doch Ende Mai möchten sie eröffnen.

«Bei uns soll die Geschichte ganz im Vordergrund stehen.»Linda Altwegg

Von den Machern des «Geheimgangs 188» erhalten sie freundliche Unterstützung – eine allfällige spätere Kooperation sei nicht ausgeschlossen, heisst es von beiden Seiten. Ganz auf die Karte Escape Room wollen Altwegg und Odermatt aber zunächst nicht setzen: Beide behalten ihre Jobs und wollen die zwei Räume mit Angestellten betreiben. (Der Landbote)

Erstellt: 13.01.2018, 12:35 Uhr

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