Winterthur

Ein Trio, viele Wege

Tatjana Erpen besticht in den Oxyd-Kunst­räumen mit Siebdrucken von Fotos, Marc Elsener taucht ab in wundersame Bildergeschichten, und Stephan Victor ­Müller probiert plastische Möglichkeiten des Imaginierens aus.

Fantasievolle Geschichten präsentiert Marc Elsener unter der Überschrift: «Mein Vater erklärt mir jeden Samstag unsere neun Planeten».

Fantasievolle Geschichten präsentiert Marc Elsener unter der Überschrift: «Mein Vater erklärt mir jeden Samstag unsere neun Planeten». Bild: Peter Grüter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich ist der Prozess bei Tatjana Erpens Werkentstehung sehr technisch: Die in Luzern lebende Künstlerin fotografiert, bläst die Fotos auf und macht daraus einen Siebdruck mit dem typischen Raster. Jeder Schritt trägt zur Distanzierung und Anonymisierung bei. Das Handschriftliche und das Persönliche entfallen. Die graubraune Einfärbung schafft zusätzlich eine zeitliche Entfernung. Eine Patina legt sich als Schleier über die Objekte, die die Künstlerin in ihrer Umgebung fotografiert.

Der Betrachter ist sofort eingenommen vom Reiz dieser zum Teil grossformatigen Werke auf Leinen, Karton oder Sperrholz. Es sind banale Situationen. Ein Netz spannt sich über einem verwahrlosten Gartengehege, aufgeschichtete Steinplatten mit Kuben erinnern an Stadtmodelle, in einer vergitterten Ecke steht ein Kartonhaus oder ein feiner Grashalm zieht eine vertikale Linie auf einem vergilbten Baumwolltuch.

Spontan nimmt man das Angebot an Fährten auf und beginnt sich selbst Geschichten zu erzählen, wie jene vom Grashalm, den der gnadenlose Sturm durch einen Holzpfosten trieb. Jedes «Bild», gerade weil es nur Fragmente zeigt, provoziert eine «Story». Erpen hat ihrer Ausstellung den Titel «Jahr ohne Sommer» gegeben. «Sommer ohne Liebe» wäre eine sentimentale und verkitschte Variante.

Bildergeschichten

Erpens Vorlagen sind vergleichsweise abstrakt, wenn man sie gegen die Bilderbuchtafeln von Marc Elsener (*1971) hält. Der in Zürich lebende Künstler verfügt über eine reiche Fantasie, die er mit einem weit in die Vergangenheit zurückreichenden Fundus an Motiven aus der Kunstgeschichte paart. Sein Malstil ist vergleichbar mit naiver Malerei, berührt aber Art brut ebenso wie Appenzeller Bauernmalerei.

«Mein Vater erklärt mir jeden Samstag unsere neun Planeten» ist der Titel seiner Auswahl. Sie wird auf einer langen Holzkonstruktion im hohen Saal präsentiert. Der Ausstellungstitel selbst ist eine Geschichte, die nach Peter Bichsel klingt. Dem Betrachter kommen Ex-voto-Bilder in den Sinn, wo der Mutter Gottes gedankt wird für Rettung aus höchster Not oder Heilung von schwerer Krankheit.

Etwas von Himmel und Hölle, Schrecken und Paradies durchzieht auch Elseners Werk, auch der Witz von Comics oder der Zauber von Landschaften, Pflanzen und Tieren. Seine kräftigen Farben in Öl verleihen diesem versponnenen Kosmos eine exotische Entrückung. Vielleicht ist Elsener ein Verwandter des Zöllners Rousseau (1844–1910). Man wundert sich schon, was der Vater über die Planeten erzählt hat.

Ahnen und Assoziieren

Eigentlich ist der Winterthurer Künstler Stephan Victor Müller (*1959) auch ein Versponnener. Zumindest ist der Gedanke nicht so abwegig bei der Betrachtung seiner Skulpturen aus verschiedenen Materialien. Erstmals wird damit der vormalige Kunstshop, der mehr als zehn Jahre lang das Reich von Verena Huber war, als Ausstellungsraum bespielt.

Müllers Ausstellung ist mit «Wunsch zu wissen» überschrieben. Doch seine Arbeiten erfüllen den Wunsch nicht. Wäre auch schade, denn Ahnen und Assoziieren ist viel spannender. Der Bildhauer scheint wie Elsener in der Kunstgeschichte rumzustöbern, zumindest ist das der Eindruck des Betrachters, man stösst auf Echos von «Liegenden» oder afrikanische Idole.

Ebenso trifft man auf turmartige Stelen, aus verschiedenen Materialien zementiert, geleimt oder sonst wie fixiert. Rote Farbe tropft runter, und die Unterwelt dringt in dunkelblauen Schattierungen an die Oberfläche. Archaisches scheint in Knochenformen auf. Langweilig wird es dem Betrachter sicher nicht.


Oxyd, Wieshofstrasse 108. Bis 6. Mai. ()

Erstellt: 08.04.2018, 17:20 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben