Winterthur

Ein Vergleich mit Huonder

Wie eindeutig waren die Gewalt-Zitate des An’nur-Imams? Vor dem Bezirksgericht wurde mit Analogien zum Churer Bischof Vitus Huonder gearbeitet.

Nach seinem Zitat gab es 2015 einen Aufschrei: der Churer Bischof Vitus Huonder.

Nach seinem Zitat gab es 2015 einen Aufschrei: der Churer Bischof Vitus Huonder. Bild: key

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Es ist der zentrale Punkt im Prozess rund um den Kurzzeit-Prediger von Hegi: Wie eindeutig waren jene Mohammed-Zitate, die er im Rahmen einer Freitagspredigt vor über einem Jahr vorgetragen hatte?

Liest man bloss die Anklageschrift, scheint der Fall klar. Der Mann habe zur Tötung von Muslimen aufgerufen, zur Brandstiftung und zur Nötigung, wird darin festgehalten. Doch der Verteidiger des Predigers widersprach am Donnerstagmorgen vehement: Von einem Aufruf könne keine Rede sein.

«Keine direkte Aufforderung»

Der Verteidiger las die betreffenden Textstellen, die den Medienschaffenden nicht vorliegen, recht ausführlich vor. In derart unverkürzter Form verlieren sie etwas an Dringlickeit, obwohl der Inhalt unbestritten drastisch bleibt. Beispielsweise ist in der ungekürzten Form auch die Rede von Allah, der richte oder strafe, und nicht etwa die Gemeindemitglieder.

Genau deshalb seien die Zitate keine direkte Aufforderung und somit nicht strafrechtlich relevant, argumentierte der Verteidiger. Sowohl er als auch die Staatsanwältin verwiesen auf den Fall des Churer Bischofs Vitus Huonder, der vor zwei Jahren die Öffentlichkeit beschäftigte.

Homosexualität als Gräueltat

Im Sommer 2015 hatte sich Huonder, nicht zum ersten Mal, in drastischen Worten gegen Homosexualität und für das traditionelle Ehemodell ausgesprochen. An einem Kirchenkongress in der deutschen Stadt Fulda zitierte Huonder aus dem 3. Buch Mose: «Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft.» Das Kongresspublikum soll applaudiert haben.

Nach Bekanntwerden des Zitats wurde Huonder von zwei Privatpersonen und dem Schwulenverband Pink Cross angezeigt - der vorgeworfene Straftatbestand war derselbe wie im Fall des nun verurteilten Imams: Öffentliche Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeiten.

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Graubünden die Klagen aber abgelehnt, das Kantonsgericht hat den Entscheid bestätigt. Laut den Juristen hätten Huonders Aussagen nicht «die für die Tatbestandserfüllung geforderte Eindringlichkeit und Eindeutigkeit aufgewiesen».

Diskussion oder nicht?

Der Verteidiger des An’nur-Predigers zog den Fall Huonder als Präjudiz heran: Niemand könne auf die Idee kommen, dass das Zitieren von gewaltverherrlichenden Bibelstellen ein Verbrechen sei.

Die Staatsanwältin erinnerte in ihrem Plädoyer ebenfalls an Huonder, sie sah jedoch einen grossen Unterschied zwischen den Reden: «Bei Huonder gab es keinen Aufruf zu Gewalt, da die Zitate anschliessen diskutiert und Folgerungen daraus gezogen wurden. Der Imam hingegen machte sich die Gewalt-Aufrufe zu eigen, er stellte sie nicht zur Diskussion.»

Das Urteil im Fall des An'nur-Imams wird am späten Nachmittag erwartet.

(landbote.ch)

Erstellt: 23.11.2017, 15:42 Uhr

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