Gutschick

Ein Wohnkonzept für Jungsenioren, die in keine Schublade passen

An der Tösstalstrasse hat die Genossenschaft Talgut für rund acht Millionen Franken einen Riegel gebaut. Darin finden Platz: die eigenen Büros, sieben Wohnungen sowie eine Wohngruppe.

Bis wenige Tage vor der Besichtigung eingerüstet: Das neue Haus der Genossenschaft Talgut vereint drei Nutzungen.

Bis wenige Tage vor der Besichtigung eingerüstet: Das neue Haus der Genossenschaft Talgut vereint drei Nutzungen. Bild: Marc Dahinden

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Der dreistöckige Neubau wirkt unaufgeregt und gut eingebettet. Vorne führt zwar die lärmige Tösstalstrasse vorbei, doch das Gebäude liegt versteckt hinter einer Baumreihe, umgeben von Wohnblöcken, die zwei Etagen höher sind. Unauffällig ist der Genossenschaftsbau gleichwohl nicht. Auffällig sind vorab vier grosse Bullaugen, dahinter liegen die Treppenhäuser. Auffällig sind die zurückhaltende beige Farbe und die besonderen Verputzflächen. Und auffällig ist, dass die hübsch gerundeten Balkone nach hinten raus gehen, der Sonne abgewandt, aber ebenso dem Lärm.

Multifunktional

Das Auffälligste aber geschieht hinter der Fassade. Das Haus vereinigt drei ganz unterschiedliche Nutzungen: Zum einen ist da die Geschäftsstelle der Wohnbaugenossenschaft Talgut, die das Grundstück seit den 1950er-Jahren besitzt. Zweitens gibt es sieben kleinere Wohnungen, gedacht für ältere Personen oder Paare – alle sind bereits vergeben.

Rund zwei Drittel des Hauses jedoch mietet der Winterthurer Verein Veso, der sozialpsychiatrische Aufgaben übernimmt in Form von Arbeits- und Wohnangeboten für Menschen mit psychischen Problemen. Über 100 geschützte Arbeits- und Beschäftigungsplätze sowie 50 betreute Wohnplätze hat der Veso bereits.

Wohngemeinschaft Gutschick heisst das jüngste Veso-Angebot im Talgut-Neubau. Die WG ist gedacht für Männer und Frauen ab 55, die «ihren Wohn- und Lebensalltag nicht allein bewältigen können», wie es im WG-Flyer heisst. 15 eher kleine Zimmer, dafür jedes mit eigenem Bad, stehen bereit. Grosszügig sind indes die Gemeinschaftsräume, die Küche, die Stube, der Ess- und der Tagesbereich – alles ist offen und hell, verbunden mit geschwungener Treppe und Galerie. Die Betreuung ist rund um die Uhr und ganzjährig garantiert. 490 Stellenprozente für die WG sowie 200 Prozent für die Tagesstruktur hat der Veso budgetiert. Die Tagesstätte soll auch Externen offen stehen.

«Ein Glücksfall»

«Dass alles so gekommen ist, ist für uns ein Glücksfall», sagt Diego Farrér, der Veso-Geschäftsleiter. Man habe diese neue Senioren-WG eigentlich andernorts realisieren wollen, wo man aber nicht die Gestaltungsmöglichkeiten gehabt hätte wie jetzt an diesem Ort. Dass es solche betreuten Wohnmöglichkeiten für psychisch beeinträchtige Leute im AHV-Alter oder kurz davor braucht, zeige die Bedarfsabklärung des Kantons.

Generationen in Kontakt

Auch Heinz Hunn, der Präsident der Genossenschaft Talgut, spricht von einem Zufall und Glücksfall. Seine Genossenschaft lässt ihre Liegenschaften schon seit einer Weile von Veso-Mitarbeitern putzen. So kam man ins Gespräch und auf die Idee, die etwas besondere Senioren-WG in den Neubau zu integrieren. Hunn verspricht sich auch Kontakte zwischen den älteren WG-Bewohnern und jüngeren Leuten in den Genossenschaftsblöcken: «Zwischen den Gebäuden gibts einen Spielplatz und einen gemeinsamen Grünraum. Und einige der jetzigen Bewohner haben mich schon gefragt, ob man dann auch gemeinsam käfelen könne.»

Die Bedingungen und Kosten

Die Männer und Frauen, die ab September in die WG einziehen werden, mögen psychische Probleme haben, doch Grund, Angst vor ihnen zu haben, gebe es nicht, betont Hunn. Seitens des Veso bestehen klare Bedingungen: Keine akute Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, keine akute Psychose, Selbst- oder Fremdgefährdung. Und die Bereitschaft muss da sein, sich psychiatrisch betreuen zu lassen, an den Gesprächen teil- und die verordneten Medikamente einzunehmen.

Billig ist es nicht, in dieser besonderen Senioren-WG zu wohnen: 4500 bis 5250 Franken kostet es monatlich inklusive Betreuung und Vollpension. In den meisten Fällen erfolge die Finanzierung via IV-Rente und Ergänzungsleistungen, sagt Farrér . Für Personen ohne IV gilt der höhere Tarif, dann muss eine Kostengut-sprache zum Beispiel des Sozialamts einer Gemeinde vorliegen.

Drei Details zum Schluss

Detail 1: Eine Tiefgarage hat die Bauherrin bewusst nicht gebaut, fünf Parkplätze müssen reichen. 2. Das Talgut-Wohnhaus aus den 1950er-Jahren, der hinter dem Neubau steht, bekam dieselben neuen Balkone. 3. Weil die Adresse des Neubaus weder Tösstal- noch Hörnlistrasse sein sollte, wurde der Weg daneben extra neu benannt: Sportparkweg.


Wer sich vor dem Bezug ein Bild machen will von Wohnungen und WG. Am Samstag, 18. August, 11 bis 15 Uhr, sind sie zur Besichtigung offen. (Der Landbote)

Erstellt: 05.08.2018, 18:08 Uhr

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