Zürich

Ein zweites Leben für Kostüme

Hüte, Masken, Kleider, Schuhe - das Opernhaus hat am Samstag die Ausstattung der abgespielten Stücke verkauft. Die Besucher rissen sich um die über 5000 Kostüme und Accessoires.

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Unter den Kronleuchtern auf der Studiobühne des Opernhauses Zürich stehen reihenweise Kleiderständer. Es ist heiss und voll. In einer Ecke wirft sich ein junger Mann einen schweren taillierten Anzug über, der steif gemacht wurde mit schwarzer Farbe. Dann hilft er seiner Begleitung in ein mehrschichtiges Kleidchen mit Haube. «Das wiegt eine Tonne», stöhnt sie. «Wir sind nach Wien an eine Hochzeit eingeladen, das Thema ist Barock», sagt der junge Mann und ruft seine Freunde in die Ecke, wo noch eine ganze Reihe von schwarzen Anzügen hängen.

«Nun warten sie hier auf der Studiobühne auf ein zweites Leben.»Verena Giesbert, Kostümdirektorin

Die Anzüge haben ihr erstes Leben auf der Bühne in Gioachino Rossinis komischer Oper «Il barbiere di Siviglia» verbracht. Getragen wurden sie von Statisten. So ist es vermerkt auf eingenähten Etiketten am Kragen. Noch im vergangen Oktober wurde die Oper gezeigt. Nun ist sie «abgespielt», kommt also nicht mehr zur Aufführung, wie Kostümdirektorin Verena Giesbert sagt. Alle Kostüme, die zu spezifisch sind, um für andere Stücke angepasst zu werden, werden ausgemustert und zum Verkauf freigegeben. Darunter gebe es solche, die über 30 Jahre alt sind, sagt Giesbert. «Nun warten sie hier auf der Studiobühne auf ein zweites Leben.»

Ballettschuhe und Mäusemasken

Der Kostümverkauf des Opernhauses Zürich findet alle zwei bis drei Jahre statt. 3000 Einzelteile, 1500 ganze Kleider sowie Schuhe, Hüte, Accessoires und Stoffe am Laufmeter hängen am Samstag an Kleiderständern und liegen in Schachteln und Regalen. aus zehn Inszenierungen werden über 5000 Stücke angeboten.

«Wir gehen auf eine Dampfbahnfahrt im Stile des 19. Jahrhunderts. Da darf ein passendes Kleid nicht fehlen.»Eine Besucherin des Kostümverkaufs

Rosa Ballettschuhe, ein blaues Woll-Beret, ein Haarteil samt Knochen, eine Mäusemaske und ein grün-rotes Harlekinkostüm. Alles wird anprobiert. Bald wimmelt es von skurrilen Gestalten in halben Uniformen, Napoleonhüten und Unterröcken. Die einen sind auf der Suche nach Extravagantem für den Alltag wie zwei junge Frauen, die zwischen den Leggings vom Ballett «Romeo und Julia» und den weissen Proberöcken von «Aida» stöbern. Andere suchen gezielt für einen Anlass wie die Frau im zartgrünen Kleid mit ausladenden Reifen über dem Hinterteil: «Wir gehen auf eine Dampfbahnfahrt im Stile des 19. Jahrhunderts. Allerdings weiss ich nicht, ob diese Reifen passen — und hinsetzen kann ich mich auch nicht.»

Kopfloses Gespenst für 190 Franken

Schulen, Ballettklassen und Theatervereine konnten schon am Freitag ganze Ensemble-Kostüme erwerben. Hobby-Schauspieler sind aber auch am Samstag unter den Käufern. «Wir planen ein Musical zu den Songs von Queen», sagt ein junger Mann, während seine Begleiterin auf ein Hemd zeigt und ruft: «Schau, das würde zu Radio Ga Ga passen».

Zwischen 1 und 250 Franken kosten die alten Kostüme. Vier Mädchen rechnen rasch zusammen, was ihre Ausbeute bis jetzt kostet. «Wir rüsten die Kostümkiste unserer Pfadi-Gruppe auf», sagt eine, «das darf nicht zu teuer sein.» Beliebt sind Einzelstücke, die billig sind und sich gut kombinieren lassen. Aber auch die grau-blauen Kostüme der kopflosen Gespenster samt rostiger Ketten aus «Das Gespenst von Canterville» sind nach der ersten Stunde weg. Sie kosteten 190 Franken.

Es bleiben aber noch genügend ausgefallene Stücke für diejenigen übrig, die noch in der Schlange stehen. Diese reicht auch zwei Stunden nach Beginn des Verkaufs noch vom Opernhaus quer über den Sechseläutenplatz bis zum Bellevue.

(Der Landbote)

Erstellt: 21.01.2018, 16:49 Uhr

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