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Mit dem Tablet ins zerstörte Kloster Töss reisen

Die Kantonsarchäologen boten am Samstag einen Einblick in ihre Arbeit beim Rieter-Areal. Dabei vermittelten sie ihr Wissen auf klassische, theatralische und moderne Art und Weise.

Die Kantonsarchäologen boten am Samstag einen Einblick in ihre Arbeit beim Rieter-Areal.
Die Kantonsarchäologen boten am Samstag einen Einblick in ihre Arbeit beim Rieter-Areal.
Laufende archäologische Arbeiten können live miterlebt werden.
Laufende archäologische Arbeiten können live miterlebt werden.
Enzo Lopardo
Augmented Reality auf dem iPad: eine dynamische Darstellung der ehemaligen Klostergebäude als Überblendung auf die aktuelle Umgebung.
Augmented Reality auf dem iPad: eine dynamische Darstellung der ehemaligen Klostergebäude als Überblendung auf die aktuelle Umgebung.
Enzo Lopardo
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Ein Blick durch die Moderne in die Vergangenheit und plötzlich steht sie da: Die fast 70 Meter lange und 13 Meter hohe Klosterkirche von Töss, 1315 eingeweiht, 1916 abgerissen. Viele der Besucherinnen und Besucher sind überwältigt: «Wow, so gross war die», sagt ein junger Mann und tritt mit dem Tablet in der Hand ein wenig zurück, um den Turm überhaupt sehen zu können. Im Hintergrund sind die einstigen Klostermauern und weitere Gebäude wie etwa die Bäckerei, die Sägerei oder mehrere Scheunen zu erkennen.

Aber alles ist nur virtuell. Legt man das Tablet beiseite, blickt man wieder auf Bauprofile, aufgestapeltes Alteisen und Gräben auf dem Gelände der Maschinenfabrik Rieter AG in Töss. Einzig die Klostermühle steht bis heute neben der Zürcherstrasse.

Doppelt so viele Führungen

Was im Laufe der Jahrhunderte rund um diese Mühle alles überbaut wurde, verrät der Untergrund. Die Kantonsarchäologen führen seit Mitte September auf dem Rieter-Areal wegen eines Neubaus eine sogenannte Rettungsgrabung durch.

Wenn Rieter zu bauen beginnt, verschwinden diese historischen Spuren. «Aber nur in physischer Form, die Information darüber bleibt erhalten», sagt Grabungsleiterin Lorena Burkhardt. Am Samstag präsentierte sie der Bevölkerung die Ergebnisse der ersten Grabungsetappe, die Ende Monat abgeschlossen werden soll.

Der Andrang war dabei – trotz Coronavirus – weit grösser als gedacht, mehrere hundert Personen tauchten im Laufe des Tages auf. Die zwei verschiedenen Führungen bot man deshalb doppelt so oft an wie geplant und auch dann waren die Stimmbänder der beiden Mittelalter-Archäologinnen Burkhardt und Linda Christen noch arg strapaziert.

Die ungeschickte Katze

Burkhardt leitet die Grabung. Orientiert hat sie sich anhand alter Pläne und Fotografien. Die Archäologen fanden nebst der Klostermauer und Ökonomiegebäuden aber auch unerwartete Spuren, die vermutlich älter als das Kloster sind. «Wir entdeckten dunkle Verfärbungen in einer mittelalterlichen Schicht. Diese deuten auf Holzpfosten von Hütten hin», erklärte Burkhardt auf ihrer Führung.

Denn bereits bevor das Kloster stand, führte weit und breit nur an jener Stelle eine Brücke über die Töss, man fand denn auch römische Münzen und Keramikstücke. Einen Teil davon und weitere Scherben präsentierten die Archäologen auf einem Tisch. Darunter Teile eines grünen Kachelofens, der zum Vorschein kam. Oder auch Kurioses: Ein Ziegel mit einem Pfotenabdruck, der wohl von einer ungeschickten Katze stammt.

Andere, erwartete Spuren, wie etwa jene eines in einer Darstellung eingezeichneten Bauernhauses, fand man hingegen nicht. Es scheint, als ob diese Schichten beim Bau eines unterirdischen Tösskanals durch Rieter bereits im 19. Jahrhundert zerstört wurden. Eine positive Überraschung waren hingegen die Überreste eines Gebäudes inklusive eines gut erhaltenen Holzbodens von 1853/54. Wofür es gut war? Das bleibt vorerst ein Rätsel.

Dass Rieter Teile des Klosters zuerst umnutzte und erst dann zerstörte, beweisen Fotos aus dem späten 19. Jahrhundert, wo die alte Klosterpforte noch steht. «Ich habe das Gefühl, Rieter hatte Sympathie für diese Pforte, er liess Toiletten für seine Arbeiter einbauen, um sie zu nutzen», sagt Archäologin Christen. Die Pforte verschwand erst 1898. Auch die Kirche diente zuerst als Lagerhalle, bevor sie weichen musste.

Zweite Etappe beginnt

Nebst Führungen und einer Präsentation von Fundstücken vermittelten die Archäologen ihr Wissen auf weitere Arten: Im Theaterpavillon hielt Kunsthistoriker Thomas Zweifel einen Vortrag zur Grabplatte der in Töss einst wohnhaften Prinzessin Elisabeth von Ungarn (1292/93-1336). Zudem inszenierten Sara Barata und Isabelle Schenk das Leben der Nonne Elsbeth Stagel (1300-1360) in einer Lesung.

Die Zukunft des Geländes ist indes durch die in T-Form angeordneten Bauprofile bereits zu erahnen. Und vielleicht auch in den Kindern, die in der Grube Steinchen aus der Erde klauben und die Archäologen fragen, ob sie sie mit nach Hause nehmen dürften. Sie dürfen natürlich.

Die zweite Etappe der Grabungen beginnt gemäss Burkhardt noch diese Woche. Man darf gespannt sein, was dort noch alles Unerwartetes zum Vorschein kommt.

Und wer den Anlass am Samstag verpasst hat: Archäologin Christen und Kunsthistoriker Zweifel berichten am 17. März um 19.30 Uhr im Kirchgemeindehaus Töss erneut von ihren Arbeiten.

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