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Eine Moschee für aufgeklärte Geister

Ein neuer Verein plant eine moderne, fortschrittliche Moschee, die allen offen steht. Sie könnte in der Stadt Zürich entstehen.

Junge Gläubige, so hofft Kerem Adigüzel, könnten radikalen Strömungen etwas entgegensetzen und dazu beitragen, den Islam zu reformieren.
Junge Gläubige, so hofft Kerem Adigüzel, könnten radikalen Strömungen etwas entgegensetzen und dazu beitragen, den Islam zu reformieren.
Nathalie Guinand

Die Schweizer Fahne vor dem Restaurant sticht ihm sofort ins Auge. Ihm, dem Offizier der Schweizer Armee, dem Software-Entwickler bei den Schweizerischen Bundesbahnen, der Tag für Tag durch das halbe Land pendelt, von seinem Wohnort Romanshorn zu seinem Arbeitsplatz in Bern.

Kerem Adigüzel bestellt auf der Gartenterrasse ein alkoholfreies Bier. Im Gespräch wirkt er zufrieden mit sich, mit seiner Heimat. Der 30-Jährige – in der Schweiz zur Welt gekommen und hier aufgewachsen, Sohn türkischer Eltern, muslimischen Glaubens – spricht über Respekt. Über jenen Respekt, der ihm hierzulande als Muslim fast ohne Ausnahme entgegengebracht worden sei – etwa im Militär, wo ihm die Vorgesetzten einen Schlüssel für einen Raum ausgehändigt hatten, damit er in diesem seine Gebete verrichten konnte. Und auch über den Respekt, den er umgekehrt von seinen Glaubensgeschwistern gegenüber der Schweiz und den Mitmenschen erwartet.

Eine internationale Gruppe

Kerem Adigüzel ist nur ein Beispiel eines gut integrierten Muslims in der Schweiz. Von ihnen gibt es viele, doch man hört von ihnen wenig. Eine 15-köpfige Gruppe, zu der auch Kerem Adigüzel gehört, könnte jedoch in nächster Zeit zu reden geben. Die Mitglieder nennen sich «Gottergebene», was die deutsche Übersetzung für Muslim ist. Sie treffen sich seit drei Jahren einmal im Monat in Zürich zum Gebet und zum diskursiven theologischen Austausch. Auch führen sie über die Online-Dienste Skype und PalTalk regelmässig Koranlesungen durch.

Gerne würde sich der Zirkel irgendwo dauerhaft treffen. «Das würde den Gemeinschaftssinn stärken», sagt Adigüzel. Ein solcher Ort soll nun entstehen. Die Gruppe – unter ihnen Schweizer, Deutsche, Türken, Bosnier, Kroaten und Ägypter – plant eine neue, progressive Moschee in der Schweiz. Zu diesem Zweck gründen die Initianten einen Verein, der sich über Mitgliederbeiträge und Spenden finanziert. Er konstituiert sich am nächsten Samstag in Olten.

Skeptische Vermieter

Die Moschee soll irgendwo im Mittelland entstehen. Zürich würde sich anbieten, weil sich die Gruppe schon heute dort trifft. Und Kerem Adigüzel würde die Stadt, in der er studiert hat, ohnehin bevorzugen. Ihm ist aber klar, dass sich die Gruppierung nach den Möglichkeiten richten muss. Die Verantwortlichen sind derzeit auf der Suche nach einer Liegenschaft. «Es laufen Gespräche», sagt der studierte Mathematiker und Informatiker. Er gibt aber zu: «Die Suche gestaltet sich schwieriger, als wir erwartet haben.»

Liegt es daran, dass potenzielle Vermieter Berührungsängste mit einer neuen Moschee haben? Adigüzel überlegt. «Möglicherweise», sagt er dann, «herrscht bei einigen eine gewisse Skepsis vor.» Dies zeige sich darin, dass sich potenzielle Vermieter nicht lange vertraglich binden wollten.

Manche werden sich vielleicht auch fragen, weshalb es überhaupt eine weitere Moschee in der Schweiz braucht. Darauf findet Adigüzel schneller eine Antwort: «Viele Gottergebene finden das bestehende Angebot zu konservativ», sagt er. «Die meisten Moscheen vertreten nur eine bestimmte Strömung. Wir wollen dies aufbrechen und theologisch offen sein.»

Brechen möchte der Verein auch mit kulturellen Einflüssen und Traditionen. «Wir könnten uns beispielsweise nicht vorstellen, ein türkischer Kulturverein zu sein», sagt der Ostschweizer. Massgebend sei einzig der Koran. Die ausserkoranischen Aussprüche, die dem Propheten zugeschrieben werden und auf die sich viele Konservative berufen, sollen dagegen «keine autoritäre Rolle» erhalten. Dadurch wird die Moschee offen für alle, die sich einfach nur am Koran orientieren wollen. «Wenn wir die Grundwerte respektieren, die mit dem Koran kompatibel sind, dient das auch der Integration.»

Homosexuelle willkommen

Sunniten und Schiiten, Frauen und Männer, Hetero- und Homosexuelle – alle sind in der Moschee willkommen. Sie sollen gemeinsam beten können. Jeder soll so sein dürfen, wie er will. «Man muss Homosexualität nicht gut finden, aber man sollte deswegen nicht moralisieren», sagt Adigüzel etwa.

Gebets- und Umgangssprache ist Deutsch. «Das fördert die Identität mit dem Land.» Die Gruppe, deren Mitglieder zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, möchte zudem zeigen, dass der Islam ein Vorbild für die Jugend sein kann. Der 30-Jährige setzt ohnehin viel Hoffnung auf die Jungen. «Sie haben das Potenzial, etwas zu verändern», sagt er und spielt dabei auf Radikale und Ewiggestrige an.

Der neue Verein ist zwar in der Schweiz noch nicht stark vernetzt, er verfolgt aber ähnliche Ziele wie die Offene Moschee Schweiz und das Forum für einen fortschrittlichen Islam (FFI) – beides Vereinigungen, die sich für eine koranzentrierte Lesart stark machen, die vereinbar ist mit schweizerischen Werten.

Anders als beispielsweise das FFI wolle der neue Verein aber nicht nur über den Islam diskutieren, sondern auch eine religiöse Gemeinschaft sein, sagt Adigüzel, der für das islamische Wissensportal «alrahman.de» – zu Deutsch «Der Barmherzige» – bloggt.

Aufs Schlimmste gefasst

Wo Fortschritt ist, sieht man sich aber stets auch mit Rückschritt konfrontiert. Adigüzel weiss das. «Wir haben an das Worst-Case-Szenario gedacht und uns überlegt, wie wir verhindern können, dass wir von Wahhabiten oder Salafisten unterwandert werden», sagt er. So soll der Vorstand über die Aufnahme neuer Mitglieder entscheiden und gegebenenfalls auch Personen ausschliessen können. Ebenso müssen sich die Mitglieder zu einem Verhaltenskodex bekennen. «Wir wollen radikalen Strömungen die Stirn bieten – der Koran ist das beste Argumentationsmittel dazu.»

Trotz Argumenten: Kerem Adigüzel kann sich vorstellen, dass sich die neue Moschee doppelt gegen Vorurteile behaupten muss – sowohl vonseiten islamkritischer als auch konservativer muslimischer Kreise. «Wir müssen das in Kauf nehmen», sagt er und fügt kämpferisch an: «Das ist unser Jihad.» Eigentlich, findet er, wäre es ganz gut, wenn beide Seiten über die neue Moschee reden würden. «Und noch besser wäre es, sie würden mit uns reden.»

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