Sommerserie

Eine Mutter will hoch hinaus

Die Winterthurer Bergsteigerin Priska Lötscher (28) nimmt auf leichten alpinen Touren auch ihre Tochter (2) mit. Das gefällt nicht allen. Ihr wiederum gefällt nicht, wie der Klimawandel die Bergwelt verändert.

«Beim Bergsteigen geht es für mich vor allem darum die eigenen Grenzen auszuloten.» Foto: PD

«Beim Bergsteigen geht es für mich vor allem darum die eigenen Grenzen auszuloten.» Foto: PD

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Im Keller von Priska Lötschers Haus findet man keine Leichen. Aber Skier. Berge von Skiern. In mehreren Kästen lagern zudem unzählige Sicherungshaken, farbige Kletterseile - und viele weitere, klassische Bergsteigerutensilien. Alles fein säuberlich aufgereiht. «Bekannte von uns haben gemeint, wir könnten problemlos einen Sportartikelladen eröffnen», sagt die 28-jährige Bergsteigerin und J+S Nachwuchstrainerin lächelnd. «Wahrscheinlich haben sie nicht ganz unrecht.»

Doch auch in den Wohnräumen sieht man schnell, woran Lötschers Herz hängt: Viele Fotos zeigen sie und ihren Mann, der als Bergführer arbeitet, unterwegs im hochalpinen Raum. «Bergsteigen ist nicht einfach nur eine Sportart, sondern eine Leidenschaft», sagt Lötscher, die beruflich als Juristin tätig ist. Entdeckt hat sie die Begeisterung fürs Bergsteigen dank einer Stadt. «Meine ersten Kletter-Erfahrungen habe ich als Kind beim Winterthurer Schulsportprogramm gesammelt.» Vertieft hatte sie ihre Kraxler-Erkenntnisse und Fertigkeiten dann vor allem bei der Jugendorganisation des Schweizer Alpen-Clubs SAC. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann kennen.

Erste Frau in der Nordwand?

Inzwischen hat Priska Lötscher viele hohe Berge erklommen. Ihr Lieblingsberg ist das Finsteraarhorn (4274 Meter über Meer), der höchste Berg der Berner Alpen. «Mir gefällt dort vor allem die lange Skitour und die Abgeschiedenheit.» Man begegne kaum anderen Menschen. Lötscher kraxelt aber auch oft und gern in den Dolomiten. Ihre wohl gefährlichste und spektakulärste Skitour erlebte sie am Aletschhorn im Kanton Wallis.

«Wir haben den Rabeneltern-Kurs mit Bestnoten abgeschlossen.»Priska Lötscher, Bergsteigerin und Mutter, Winterthur. Mit solchen Sprüchen reagieren Lötscher und ihr Mann manchmal, wenn Bergwanderer sie dafür kritisieren, dass sie ihre kleine Tochter mit in die Berge nehmen.

«Ich bin dort mit meinem Mann die Nordwand runtergefahren», erzählt Lötscher. «Es war teilweise bis zu 50 Grad steil.» Wenn sie auf dieser Strecke umgefallen wäre, hätte sie auf dem Weg in die Tiefe nichts mehr bremsen können. «Es ist zwar nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich bin ich die einzige Frau, die diese Nordwand jemals mit Skiern bezwungen hat.»

Eigene Grenzen ausloten

Beim Bergsteigen gehe es für sie vor allem darum die eigenen Grenzen auszuloten und kennenzulernen, sagt Lötscher. «Und gerade auch in scheinbar aussichtslosen Situationen höchst konzentriert zu bleiben und alles aus sich rauszuholen.» Aber letztlich agiere man ja selten allein. «Ich bin fast immer mit einem Team unterwegs.» Das sei nicht zuletzt auch für die Moral wichtig. Oft sehe man nach schwierigen Bergtouren die Welt um sich herum ein wenig anders, sagt Lötscher. «Viele Alltagssituationen haben sich für mich relativiert.»

Eltern ernten Kritik

Seit Lötscher Mutter ist, geht sie zwar nach wie vor klettern und macht auch weiterhin Skitouren im Hochgebirge. Dennoch hat ein Umdenken bei ihr stattgefunden. Aus Verantwortung ihrer heute zweijährigen Tochter gegenüber, wählt sie nur noch Touren «mit geringen Restrisiken». Steilwände sind für die Winterthurerin mittlerweile tabu.

Auf leichten Bergtouren nimmt das Paar manchmal auch ihre Tochter huckepack mit. «Wir möchten, dass unser Kind schon früh mit dieser einzigartigen und idyllischen Natur und Bergwelt in Berührung kommt», sagt Lötscher. Doch das stösst teils auf Unverständnis. Die Eltern ernten auf ihren Hochgebirgswanderungen nicht selten Kopfschütteln, Stirnrunzeln und schiefe Blicke von anderen Wanderern. Aber es gab auch schon verbale Angriffe. «Man hat manchmal den Eindruck, als ob wir ein öffentliches Gut sind, das von jedermann be- und verurteilt werden darf», sagt Lötscher.

«Das ist unverantwortlich»

Kürzlich war das Paar mit seiner Tochter in Richtung Blüemlisalp-hütte im Berner Oberland unterwegs gewesen. «Auch dort stiessen wir teilweise auf Unverständnis», erzählt Lötscher. Jemand habe zu ihnen gesagt, dass es unverantwortlich sei mit so einem kleinen Kind in die Berge zu gehen. «Das sehen wir anders, gerade weil wir aufgrund unserer Erfahrung in den Bergen gelernt haben Risiken gut einzuschätzen.» Nicht selten erhalte man die entsprechenden Vorhaltungen von Leuten, die auf der Wanderung selber an ihre Belastungsgrenze gekommen seien und mit Ängsten zu kämpfen haben, meint Lötscher.

Nicht immer reagiert das Paar auf die Kritik der Bergwanderer. «Manchmal ist es besser nichts zu sagen.» Doch einmal hätten sie dann doch einen Spruch fallen lassen, sagt Lötscher. «Ja, wir haben den Rabeneltern-Kurs mit Bestnoten abgeschlossen», haben sie einem Kritiker auf einer Wanderung entgegnet.

«Man wird wegen des Klimawandels auf einzelnen Bergrouten künftig wohl immer mehr von Letztbegehungen sprechen müssen.» Priska Lötscher

Auch wenn sie sich als Eltern gar nicht rechtfertigen müssten: «Aber wir tun sicher nichts, was unserem Kind schaden könnte.» Die vereinzelten Anfeindungen kann Lötscher ziemlich gut wegstecken. Etwas anderes treibt sie aber wirklich um.

Die junge Mutter fragt sich, welche Berg- und Gletscherlandschaft ihr Kind künftig überhaupt noch zu sehen bekommen wird. Denn die Folgen des Klimawandels seien an manchen Orten in den Alpen auf Schritt und Tritt erkennbar, sagt Lötscher.

Bergwege brechen weg

Durch die fortlaufende Erwärmung taue der Permafrost, der bisher wie Kitt gewirkt und brüchigem Gestein und Steilhängen die nötige Stabilität verliehen habe. «Auf einer Gratwanderung im österreichischen Zillertal ist uns vor einiger Zeit das Gestein auf dem Weg regelrecht weggebrochen», sagt Lötscher. «Man wird wegen des Klimawandels bei einzelnen Bergrouten künftig wohl immer mehr von Letztbegehungen sprechen müssen.»

Ein guter Gradmesser wie es unserem Klima geht seien die Gletscher. Es sei teils extrem, wie stark das Eis in den letzten Jahren geschmolzen sei, sagt Lötscher. «Die hohen Temperaturen haben beispielsweise vor drei Jahren dazu geführt, dass das bekannte Gletschertor beim Langgletscher im Lötschental eingestürzt ist.»

Für Gletscher-Initiative

«Es tut weh zu sehen, wie ein Gletscher stirbt», sagt die Winterthurer Bergsteigerin. «Wir müssen deshalb alles tun, um den Klimakollaps zu verhindern.» Sie und ihr Mann würden deshalb ganz bewusst nur noch mit dem Zug in die Berge fahren. Beide unterstützen zudem die sogenannte Gletscher-Initiative. Das Volksbegehren verlangt, dass in der Schweiz spätestens 2050 netto keine Treibhausgase mehr ausgestossen werden.

Erstellt: 18.08.2019, 14:42 Uhr

Meine Leidenschaft

Der «Landbote» begegnet in dieser Sommerserie Menschen, die eine Mission oder eine Passion haben, in der sie voll und ganze aufgehen.

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