Winterthur

Eine Wolldecke und viele warme Worte

Drei Stimmen fehlten Dieter Kläy am Montag im Kantonsrat zum perfekten Resultat. Der frisch gewählte höchste Zürcher wurde in Winterthur mit spürbarer Herzlichkeit empfangen – und kurzerhand zum Dirigenten gemacht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Bleibt noch die Frage, wer die drei sind, die mich nicht gewählt haben», sagt Dieter Kläy zu einem Bekannten und lacht. Es geht drunter und drüber vor dem Winterthurer Stadthaus. Händeschütteln hier, fürs Foto posieren da, und dazwischen das Beantworten von Medienfragen.

Kläy hat bei der Wahl zum Präsidenten des Kantonsrats gerade 174 Stimmen gemacht, bei 177 Anwesenden. Es ist das beste Resultat seit fast 80 Jahren. Und eine Frage drängt sich auf: Hat Kläy, bescheiden wie er ist, sich selbst nicht gewählt und damit sein Resultat verschlechtert? «Stimmgeheimnis», entgegnet er. «Stimmgeheimnis, ich als Kantonsratspräsident muss da hart bleiben und mit gutem Beispiel vorangehen.» Und wieder lacht Kläy. Es ist sein Tag. Der Höhepunkt einer jahrzehntelangen Politikerkarriere, das Ergebnis unermüdlichen Schaffens.

Leiden und Schaffen

«Kläy ist keiner, der kurzfristig die grosse Bühne sucht, er engagiert sich für die Sache, hartnäckig und stetig», sagt Regierungsratspräsidentin Carmen Walker Späh (FDP), auf die hohen Zustimmungswerte angesprochen. Alt-Nationalrat Jürg Stahl (SVP) spricht von der Leidenschaft Kläys, einem Wort, das sich aus Leiden und Schaffen zusammensetze. Es ist so etwas wie der Tenor unter der zahlreich versammelten Politprominenz: Kläy steht beispielhaft für hartnäckige, ehrliche politische Arbeit. Er ist damit ein Gegenentwurf zur Schnellebigkeit der Sozialen Medien und zum Populismus - und mit seiner Wahl hat der Kantonsrat auch ein Zeichen gesetzt.

In seiner Ansprache an die Festgesellschaft bestätigt Kläy am Montagnachmittag das Bild, das von ihm gezeichnet wird. Er spricht von der Kantonsverfassung, von Mitsprache und Demokratie, von den Winterthurer Demokraten. Es ist eine kleine Geschichtslektion, akurat vorgetragen und ein bisschen trocken. Der Kanton sei im Sandwich zwischen dem Bund, der immer im Fokus der Medien stehe, und den Gemeinden, an denen die Menschen direkt mitwirkten. Darum müsse sich der Kanton mehr als alle anderen Gehör verschaffen. Sein Ziel für sein Amtsjahr: Er will dem Kantonsrat nach den Wahlen und vielen personellen Wechseln einen guten Start verschaffen – «in die Legislatur bis 2043 – äh, 23.»

Der Versprecher erheitert den Saal. Überhaupt ist es keine dröge Veranstaltung. So witzelt Carmen Walker Späh in ihrer Ansprache über ihren Auftrag, für Winterthur in Bundesbern den Bahnhof Grüze zu bewerben. «Grüze, das ist ein Wort, bei dem viele in Bern nur noch Bahnhof verstehen.» Und überhaupt, sie habe es nachgeschlagen, Grüze sei die Bezeichnung für eine sandige, trockene Stelle im Acker, wo die Gewächse eingehen, sagt Walker Späh. «Ich rate Winterthur dringen, bei der Namensgebung ans Marketing zu denken.»

Auch Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) hält die Menge im fast voll besetzten Stadthaussaal bei Laune. Er dehnt seine Begrüssung in eine atemlose zweiminütige Kaskade aus und nimmt sich später viel Zeit, um Kläy zur Wahl zu beschenken. Unter anderem mit einem FCW-Schal, ener Wolldecke («wie sie sonst in Winterthur nur die 90-Jährigen erhalten»), und mit einem Exemplar der doppelbändigen Stadtgeschichte. Zwar gebe es eine solche schon im Haushalt Kläys, der mit der Winterthurer Stadtarchivarin und Mitautorin der Stadtgeschichte Marlies Betschart verheiratet ist. Aber so habe Kläy, der Geschichtsfan, jetzt endlich eine eigene Ausgabe, ganz für sich.

Auch einen Moment der Andacht gibt es. In einer Schweigeminute gedenken die Anwesenden Paul Angst, dem letzten Winterthurer, der das Präsidium des Kantonsrats bekleidet hat. Angst ist erst vor wenigen Tagen in seinem 87. Altersjahr gestorben.

Ad-hoc-Dirigent

Umrahmt wird die Feier im Stadthaus vom Musikkollegium. Unter der Leitung des italienischen Dirigenten Antonio Fogliani gibt das Stadtorchester einen Vorgeschmack auf die Opernaufführungen des Barbiers von Sevilla im Stadttheater. Einen Auftritt als Orchesterleiter hat schliesslich auch Dieter Kläy. Beim Apéro draussen vor dem Stadthaus soll er einen Marsch dirigieren. Er kenne weder das Stück, noch habe er jemals dirigiert, sagt er entschuldigend ins Halbrund der Stadtmusik Winterthur vor sich. Dann fuchtelt er mit dem Dirigentenstab auch schon in der Luft, etwas verlegen zwar, aber beharrlich bis zum Schluss.

Dieter Kläy wird vom Bahnhof zum Stadthaus feierlich begleitet. Video: mcl

Erstellt: 06.05.2019, 19:37 Uhr

Artikel zum Thema

Winterthurer ist höchster Zürcher

Kantonsrat Der Zürcher Kantonsrat hat einen neuen Präsidenten: Der Winterthurer Dieter Kläy (FDP) ist heute mit einem Traumresultat zum höchsten Zürcher gewählt worden. Mehr...

Ein «Politfuchs» ganz oben

Portrait Mit Dieter Kläy wird zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder ein Winterthurer «höchster Zürcher». Der 55-jährige FDP-Mann hat einen Schnauz, drei HSG-Abschlüsse und spricht fliessend russisch. Im Kantonsrat bringt er manchmal sogar Grüne ins Schwärmen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!