Ausstellung

Eine Wundertüte mit Treffern und Nieten

Das Oxyd zeigt drei jüngere Künstler aus der Ostschweiz. «Übungen für eine bessere Zukunft» ist die Gruppenausstellung überschrieben. Zwei üben erfolgreich, beim dritten braucht es Geduld.

Da wird Balance simuliert, wo es gar keine gibt: Skulptur von Thomas Stüssi.

Da wird Balance simuliert, wo es gar keine gibt: Skulptur von Thomas Stüssi. Bild: zvg / Eva Olibet

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Erstaunlich. Videokunst fehlt, aber sonst ist alles vorhanden: Malerei, Installation, Skulptur, Foto. Auch «grundlegende Fragen» werden gemäss Kuratorin Daniela Hardmeier gestellt: Was macht Raum aus und wie nehmen wir ihn wahr? Selbst wenn die Frage grundlegend ist, Kunstwerke können nur perspektivischlimitierte Antworten geben und ersetzen phänomenologische Untersuchungen nicht.Die Antwort des Bildhauers Christian Hörler sind skulpturale, mit den Augen erfassbare Evidenzen, sie wollen auch gar nicht mehr sein. Das ist ihre Stärke: Herzhaft kraftmeierisch ummantelt Hörler im ersten Raum den zentralen Träger mit einem monolithischen Kegel aus Gips und macht aus der architektonischen Stütze eine Skulptur. «Gegen oben immer weniger», sagt der Titel. Sieht man das nicht selbst? Und die Umkehrung im folgenden Raum wirkt dann schon wieder leicht formalistisch.

Kuratorin Daniela Hardmeier hatte ursprünglich mit dem im Appenzellischen lebenden Christian Hörler (*1982) eine Soloausstellung geplant. Daraus ist dann eine Gruppenschau geworden, weil Felix Stickel (*1979) und Thomas Stüssi (*1978) von Hörler zum Mittun eingeladen wurden. Die Ausstellung sei im intensiven Dialog gewachsen, sagt Hardmeier. Die Künstler hätten aufeinander reagiert.

Im ersten Raum mit Hörlers Kegel ist dabei eine vergnügliche Caprice entstanden. Den kleinen Abwasserschacht hatte man bis jetzt immer übersehen. Dort plätschert nun ein munterer Minispringbrunnen aus der Tiefe und macht einen heiteren Lärm, der dem monumentalen Volumen souverän Paroli bietet. Allein schon diese Nachbarschaft, aus der eine genaue und einfallsreiche Lektüre des Raumes spricht, lohnt den Gang ins Oxyd. Ähnlich begeistert, wenn auch nicht durchwegs, ist man vom Nebeneinander in den anderen Räumen. Ohne Hintergrundwissen erscheinen die Kombinationen oft zufällig. Dagegen stösst man auf verblüffende Interventionen wie etwa Hörlers Fettkreidezeichnung auf der weissen Wand, horizontale Streifen aus Preussischblau.

Glanzstücke

Traditionell sind Ecken die am schwierigsten zu bespielenden Orte. Meist werden sie daher von Künstlern ignoriert. Nicht von Stüssi. Er macht daraus ein optisches Glanzstück. Mit einem Scheinwerfer leuchtet er die aufeinanderstossenden Wände aus. Darauf hat er mit breitem Pinsel Streifen aus heller Leuchtfarbe aufgetragen. Je nach Position des Betrachters scheinen diese fluoreszierend auf und verlöschen wieder – so sublim in der Anmutung, so spielerisch die Aufforderung an die Besucher, ihre Position im Raum zu verändern.

Gleich daneben wartet Stüssi bereits mit der nächsten Über­raschung auf. Über die massive Holztreppe, «eine Katastrophe», so Hardmeier, lässt er dicke, glänzende «Farbe» fliessen, die im Tropfen erstarrt ist. Und im Obergeschoss wuchtet der Diplombildhauer der Kunsthochschule Weissensee (Berlin) einen langen, fliessenden schwarzen Körper auf einen roten Schaukelstuhl. Da wird Balance simuliert, wo es gar keine gibt, auch nicht zwischen dem Möbel und der Skulptur. Da gibt es nur die Spannung wie zwischen Rot und Schwarz.

Gleich im Nebenkabinett hat Hörler eine sehr schöne, auf den Raum zugeschnittene Installation geschaffen. Er schichteteunregelmässige Gussformen aus Lehm übereinander und legte darüber eine Platte aus dem gleichen Material. Das Resultat: Eine sakrale Aura legt sich über den Altartisch. Bei seinen in den Raum ragenden Wandskulpturen, die einem ähnlichen Schichtaufbau folgen, fragt man sich hingegen, ob es sich da nicht mehr um Artistik handelt.

Ohne Suggestivkraft

Blass bleiben Felix Stickels meist an die Wand gelehnten oder auf eine Holzleiste gestellten Kombinationen aus Malerei, Objekt und Inkjets. Laut Kuratorin schöpft er aus Sammlungen, etwa aus dreitausend Dias seiner Grosseltern, und aus einem selbst angelegten Titelarchiv, aus dem auch der Ausstellungstitel stammt. Doch der Umgang wirkt oberflächlich, bleibt ohne Tiefenresonanz und Suggestivkraft; an der Malerei fällt die banale Geste auf, während die dekorativen, kurvigen Streifen an die ornamentalen Kleisterarbeiten aus der Primarschule erinnern. Und die Banane aus Plastik inspiriert auch nicht zu geistigen Höhenflügen. Am besten weiter üben.
Kunsträume Oxyd,Wieshofstrasse 108. Bis 17. 12.Fr/Sa 14–17, So 11–16 Uhr. (Der Landbote)

Erstellt: 12.11.2017, 18:04 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!