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Eine Zeitreise in die Vergangenheit

Am Hauptbahnhof hält ein Tram, die Altstadt dient als Parkplatz: So hat Winterthur früher ausgesehen.

Zehn Plätze in Winterthur im Rückblick: Von den 50er- bis zu den 90er-Jahren.

Die Stadt Winterthur hat ihr Gesicht über die Jahrzehnte markant verändert. Das Arch-Parkhaus wich einem Einkaufszentrum, aus der Altstadt wurde der Autoverkehr verbannt, auf dem Bahnhofsplatz ragt heute ein grosser «Pilz» aus dem Boden. Und bis wann fuhren eigentlich Trams durch Winterthurs Strassen? Der «Landbote» zeigt anhand von zehn historischen Bilder die grossen architektonischen Umwälzungen und hat alteingesessene Winterthurer gefragt, welche Erinnerungen diese Bilder bei ihnen auslösen:

Kesselhaus in den 1990er-Jahren

Als Wahrzeichen des Sulzer-Areals bezeichnet das Internet-Lexikon «Winterthur-Glossar» das Kesselhaus. Der in den 50er-Jahren gebaute Komplex mit den zwei markanten Kaminen diente jahrzehntelang als Energiezentrale. Mit dem Auszug der Schwerindustrie Ende der 80er-Jahre begann eine lange Phase der Zwischennutzungen. Seit 2010 wird das Kesselhaus wieder längerfristig genutzt und beherbergt in seiner heutigen Form ein Kino, Geschäfte und Restaurants.«Einst war das der Eingang in die ‹verbotene Stadt›, das Sulzer Areal, wo werktags Tausende von Arbeitern durch die Gitterschranken ein- und ausgingen. Mein Vater arbeitete als Ingenieur bei Sulzer, und so bin ich wie viele andere mit ‹Sulzerbrötchen› durch die Kindheit gebracht worden. Selten gab es Besuchstage, an denen ich an der Hand des Vaters Einlass in die atemberaubend grossen, nach Metall riechenden Hallen bekam, darin riesige Schiffsdieselmotoren und geheimnisvolle Industriemaschinen. Die Deindustrialisierung bedeutete dann auch eine Entmystifizierung der verbotenen Stadt.» Maja Ingold, Nationalrätin, ehemalige Stadträtin in Winterthur

Neumarkt 1988

«Der Neumarkt durfte lange nicht für Autos gesperrt werden, weil es hiess, die Durchfahrt sei für den Stadtverkehr lebenswichtig. Erst als man die Rudolfstrasse hinter dem Hauptbahnhof für den Gegenverkehr öffnen konnte, wurde der Neumarkt autofrei. Die Ironie der Geschichte: Heute ist auch die Rudolfstrasse ganz gesperrt.»
«Der Neumarkt durfte lange nicht für Autos gesperrt werden, weil es hiess, die Durchfahrt sei für den Stadtverkehr lebenswichtig. Erst als man die Rudolfstrasse hinter dem Hauptbahnhof für den Gegenverkehr öffnen konnte, wurde der Neumarkt autofrei. Die Ironie der Geschichte: Heute ist auch die Rudolfstrasse ganz gesperrt.»

Archplatz 1987

«Nicht so sehr der Platz und auch nicht das später errichtete Parkhaus wecken nennenswerte Erinnerungen, als vielmehr das Volkshaus links im Bildhintergrund. Damals, noch vor dem allgemeinen Fernsehzeitalter, fanden im grossen Saal des Gewerkschaftshauses regelmässig Kinderfilmnachmittage statt. Es muss in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein, also um 1960 herum, als ich mir ein Herz fasste und die Angebetete fragte, ob sie mit mir ‹ins Kino› kommen würde. Fünf Schuljahre lang, Kindergarten mit einberechnet, hatte ich sie aus der Ferne und heimlich angehimmelt. Und dann sagte sie ja! Die Vorfreude, die Aufregung, die Zweifel, ob sie nicht im letzten Augenblick … Am grossen Tag dann die Busfahrt mit der Angebeteten von Seen in die Stadt, das gemeinsame Stehen in der langen Schlange vor dem Saaleinlass, das Rangeln um zwei gute Plätze in der vordersten Reihe. Darauf die verstohlenen Blicke im Halbdunkel des Kinosaales, die nicht ganz zufälligen kurzen Berührungen unserer Hände. Ob jetzt Charlot vorne auf der Leinwand vorüberwatschelte oder Dick und Doof einander die Köpfe einschlugen, weiss ich nicht mehr. Das – wird man verstehen – war völlig nebensächlich. Und ist es auch heute noch.»
«Nicht so sehr der Platz und auch nicht das später errichtete Parkhaus wecken nennenswerte Erinnerungen, als vielmehr das Volkshaus links im Bildhintergrund. Damals, noch vor dem allgemeinen Fernsehzeitalter, fanden im grossen Saal des Gewerkschaftshauses regelmässig Kinderfilmnachmittage statt. Es muss in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein, also um 1960 herum, als ich mir ein Herz fasste und die Angebetete fragte, ob sie mit mir ‹ins Kino› kommen würde. Fünf Schuljahre lang, Kindergarten mit einberechnet, hatte ich sie aus der Ferne und heimlich angehimmelt. Und dann sagte sie ja! Die Vorfreude, die Aufregung, die Zweifel, ob sie nicht im letzten Augenblick … Am grossen Tag dann die Busfahrt mit der Angebeteten von Seen in die Stadt, das gemeinsame Stehen in der langen Schlange vor dem Saaleinlass, das Rangeln um zwei gute Plätze in der vordersten Reihe. Darauf die verstohlenen Blicke im Halbdunkel des Kinosaales, die nicht ganz zufälligen kurzen Berührungen unserer Hände. Ob jetzt Charlot vorne auf der Leinwand vorüberwatschelte oder Dick und Doof einander die Köpfe einschlugen, weiss ich nicht mehr. Das – wird man verstehen – war völlig nebensächlich. Und ist es auch heute noch.»

Bahnhofplatz 1984

«Die alte EPA war, bevor sie diese Metallfassade bekam, ein schönes schlichtes Gebäude. Und auch die kuppelartigen Glasdächer des Busbahnhofs haben den Platz nicht unbedingt verschönert. An die EPA angebaut waren damals noch ein Tabakladen und ein Spielsalon mit einer Autorennbahn.»
«Die alte EPA war, bevor sie diese Metallfassade bekam, ein schönes schlichtes Gebäude. Und auch die kuppelartigen Glasdächer des Busbahnhofs haben den Platz nicht unbedingt verschönert. An die EPA angebaut waren damals noch ein Tabakladen und ein Spielsalon mit einer Autorennbahn.»

Neuwiesen 1978

«Anfangs war ein gigantisches Neuwiesenzentrum geplant, das bis zur Wartstrasse gereicht hätte. Gegen dieses Projekt hatte ein Komitee den Kampf aufgenommen. Es blieb dann nur noch das heutige Zentrum Neuwiesen. Die Winterthurerinnen und Winterthurer waren immer sehr kämpferisch: Nicht nur das Neuwiesen wurde stark verkleinert, die Projekte Manor an der Obergasse und Migros im Neustadthof wurden ganz verhindert.»
«Anfangs war ein gigantisches Neuwiesenzentrum geplant, das bis zur Wartstrasse gereicht hätte. Gegen dieses Projekt hatte ein Komitee den Kampf aufgenommen. Es blieb dann nur noch das heutige Zentrum Neuwiesen. Die Winterthurerinnen und Winterthurer waren immer sehr kämpferisch: Nicht nur das Neuwiesen wurde stark verkleinert, die Projekte Manor an der Obergasse und Migros im Neustadthof wurden ganz verhindert.»

Bankstrasse 1978

«Das Milchhüsli war in meinen Kindertagen der Höhepunkt, wenn wir mit Mami in der Stadt posten waren. Es gab eine kioskartige Theke, wo sie uns eine Ovi und - wenn's hoch kam - ein Weggli kaufte.»
«Das Milchhüsli war in meinen Kindertagen der Höhepunkt, wenn wir mit Mami in der Stadt posten waren. Es gab eine kioskartige Theke, wo sie uns eine Ovi und - wenn's hoch kam - ein Weggli kaufte.»

Steinberggasse 1975

«Alle Geschäftsleute der Altstadtgassen haben immer für ihre Parkplätze gekämpft. Sie haben nicht gemerkt, dass zum Beispiel die Steinberggasse nur ein Gratisparkplatz für die Marktgasse war. Um Druck zu machen, gab es einen Sitzstreik auf der Steinberggasse: Auf den Parkplätzen sonnten sich die Demonstranten in den Liegestühlen.»
«Alle Geschäftsleute der Altstadtgassen haben immer für ihre Parkplätze gekämpft. Sie haben nicht gemerkt, dass zum Beispiel die Steinberggasse nur ein Gratisparkplatz für die Marktgasse war. Um Druck zu machen, gab es einen Sitzstreik auf der Steinberggasse: Auf den Parkplätzen sonnten sich die Demonstranten in den Liegestühlen.»

Töss 1968

«Meine Erinnerungen an das Zentrum Töss reichen 24 Jahre zurück. Als wir damals direkt von Berlin-Kreuzberg nach Winterthur umgezogen sind, kam mir das Zentrum Töss gleich vertraut vor. Schon damals gab es hier türkische Geschäfte und einen Kebab-Imbiss. Der einzige Ort in Winterthur, der Urbanität ausstrahlte, nicht so ordentlich und herausgeputzt wie der Rest der Stadt. Auch wenn zwischenzeitlich mal Wasser durch die Decke tropfte und die ganze Ladenpassage einen eher düsteren Eindruck macht, gehe ich immer noch gern hier einkaufen. Der türkische Gemüseladen, der samstägliche Bauernmarkt und die Migros bieten fast alles, was unser Haushalt benötigt. Bibliothek, Post, PC-Doktor und Apotheke sind manchmal auch ganz nützlich. Und ein Blick in den Laden mit den orientalischen Haushaltsgegenständen – von kitschigen Springbrunnen, über Koffer bis hin zum Festtagskleid –lohnt sich immer. Inzwischen sehe ich sogar eine gewisse Schönheit in der brutalen Betonarchitektur.»
«Meine Erinnerungen an das Zentrum Töss reichen 24 Jahre zurück. Als wir damals direkt von Berlin-Kreuzberg nach Winterthur umgezogen sind, kam mir das Zentrum Töss gleich vertraut vor. Schon damals gab es hier türkische Geschäfte und einen Kebab-Imbiss. Der einzige Ort in Winterthur, der Urbanität ausstrahlte, nicht so ordentlich und herausgeputzt wie der Rest der Stadt. Auch wenn zwischenzeitlich mal Wasser durch die Decke tropfte und die ganze Ladenpassage einen eher düsteren Eindruck macht, gehe ich immer noch gern hier einkaufen. Der türkische Gemüseladen, der samstägliche Bauernmarkt und die Migros bieten fast alles, was unser Haushalt benötigt. Bibliothek, Post, PC-Doktor und Apotheke sind manchmal auch ganz nützlich. Und ein Blick in den Laden mit den orientalischen Haushaltsgegenständen – von kitschigen Springbrunnen, über Koffer bis hin zum Festtagskleid –lohnt sich immer. Inzwischen sehe ich sogar eine gewisse Schönheit in der brutalen Betonarchitektur.»

Storchenbrücke 1961

«Mein Schulweg führte über die alte Storchenbrücke. Am Rand des Trottoirs, gegen die Strasse hin, hatte es eine Fuge, die mit etwas Schwarzem gefüllt war, etwas Teerartigem. Wenn die Sonne im Sommer voll darauf knallte wurde diese Masse weich und man konnte mit einem Stecken darin grübeln und die Kleider verschmieren.»
«Mein Schulweg führte über die alte Storchenbrücke. Am Rand des Trottoirs, gegen die Strasse hin, hatte es eine Fuge, die mit etwas Schwarzem gefüllt war, etwas Teerartigem. Wenn die Sonne im Sommer voll darauf knallte wurde diese Masse weich und man konnte mit einem Stecken darin grübeln und die Kleider verschmieren.»

Bahnhofplatz 1951

Das erste Tram, damals noch von Pferden gezogen, wurde für das Eidgenössische Schützenfest 1895 in Betrieb genommen. 1951 wurde der Trambetrieb definitiv eingestellt, nachdem das Stimmvolk 13 Jahre zuvor der Einführung von Trolley-Bussen zugestimmt hatte.«Als die Bevölkerung das letzte Tram verabschiedete, stand ich mit meiner Mutter an der Römerstrasse. Den Bahnhofplatz habe ich als Bub noch selber mit dem Tram befahren. Mein Vater hatte ein Milchgeschäft. Vom Milchverband ging es jeweils übers Untertor zum Restaurant Walfisch in der Marktgasse, das zu unseren Kunden zählte.» Paul Lehmann, ehemaliger Präsident des Bewohnervereins Altstadt und ex-Gemeinderat

Historische Bilder: Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur Derzeit sind rund 45'000 Bilder im Online-Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken abrufbar. Aktuelle Bilder, Videos und Umsetzung: Manuel Frick

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