Winterthur

Einfach nur mal mit jemandem darüber reden, der zuhört

Tel 143 Die Dargebotene Hand Winterthur/Schaffhausen und Thurgau ist rund um Uhr erreichbar. Gut geschulte Freiwillige haben im letzten Jahr 8740 Gespräche entgegengenommen, das sind 240 mehr als im Jahr zuvor.

Rund 40 bis 45 Prozent aller Anrufe, stammen von Menschen, die  von der Dargebotenen Hand schon über Jahre hin betreut werden (Symbolbild).

Rund 40 bis 45 Prozent aller Anrufe, stammen von Menschen, die von der Dargebotenen Hand schon über Jahre hin betreut werden (Symbolbild). Bild: Donato Caspari

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In einem wohnlich eingerichteten Raum, sitzt eine Frau am Pult mit Blick ins Grüne. Sie liest Zeitung und wartet darauf, dass das Telefon schellt. An diesem regnerischen Morgen hat es noch nicht geläutet. Das kann sich aber jeden Moment ändern, manchmal laufen die «Drähte heiss», das kaum eine Pause drin liegt. Von 7.30 Uhr bis 12.30 Uhr geht die erste Schicht, dann übernimmt jemand anders. In einem anderen Zimmer stehen ein Bett und ein weiteres Telefon, damit sich der Nachtdienst zwischendurch etwas hinlegen kann.

Das Telefon 143 der Dargebotenen Hand ist rund um die Uhr besetzt. Die Geschäftsstelle Winterthur ist eine von zwölf Schweizer Regionalstellen. Von hier aus wird der ganze Kanton Schaffhausen und der halbe Thurgau mitbetreut. Die 150 Stellenprozent der Geschäftsleitung teilen sich Anne Guddal, Maria Lampart und Marco Hofstetter. Der Sozialarbeiter ist erst seit zwei Monaten Teil des Leitungsteams.

Absolute Anonymität

Die Adresse der Geschäftsstelle wird genauso geheim gehalten wie die Namen der Freiwilligen. «Wir wollen nicht, dass jemand weiss, wer hier ans Telefon geht», sagt Anne Guddal. Die Leute könnten sonst Hemmungen haben anzurufen. Genauso anonym und streng vertraulich würden auch die Anrufe gehandhabt.

Eigentlich ein ideales Angebot, für Leute wie den Topmanager, der kürzlich Suizid begangen hat. «Wohin sonst kann sich jemand der so in der Öffentlichkeit steht wenden, damit der Hilfe bekommt?», sagt Guddal. «Wir wissen ja nicht wer da anruft, alles bleibt absolut anonym.» Es sei so schade, wenn Menschen in solch einer Lage nicht einfach die Telefonnummer 143 wählen .

Die konfessionsneutrale kostenlose Stelle ist auch in Fachkreisen anerkannt. Im kantonalen Suizidpräventionsprogramm, das im letzten Herbst lanciert wurde ist die Dargebotene Hand für den Notfall als Anlaufstelle angegeben.

Rund 40 Freiwillige

Jeder der rund 40 Freiwilligen leistet drei bis vier Tages- und einen Nachteinsatz im Monat. Dazu kommen regelmässige Supervision und Weiterbildung. «Bis zu 28 Stunden Einsatz im Monat können da zusammenkommen», so Guddal. Alle die sich bewerben, würden sorgfältig ausgewählt. Eine gewisse Grundeignung sei Voraussetzung, bevor jemand in den Ausbildungskurs geschickt wird. Neun Monate dauert der, dazu kommen fünf bis sechs Praktika.

Beziehungsprobleme aller Art

Der grösste Teil der Freiwilligen sind Frauen. «Wir hätten gern mehr Männer, aber neben einer 100 Prozent Stelle ist der Einsatz zu aufwendig», sagt Guddal. Und wenn Männer ihren Job reduzieren würden sie das häufig zugunsten der Familie oder eines politischen Amtes tun. Auch unter den Anrufendenden sind Frauen in der Überzahl. Im letzten Jahr waren es 5594 Frauen und 3089 Männer. Per E-Mail und Chat sieht das Verhältnis ähnlich aus: 210 Frauen und 110 Männer liessen sic h so beraten.

Die meisten Anrufe kommen statistisch gesehen am Abend, aber man wisse natürlich am Anfang einer Schicht nie, was auf einen zukommt. Es gebe keinen typischen Anrufer oder typische Probleme. «Die Gespräche sind so vielfältig wie es Menschen gibt», sagt Guddal. Am häufgsten gehe um Beziehungsprobleme im weitesten Sinne. Dazu gehören Einsamkeit, Trennungen, Gewalt, Sexualität oder Probleme am Arbeitsplatz. Auch dort ginge es ja zumeist um die Beziehungen der Menschen untereinander.

Rund 40 bis 45 Prozent aller Anrufe, stammen von Menschen , die von der Dargebotenen Hand schon über Jahre hin betreut werden. Ein kleiner Teil ruft sogar täglich an. Man erkenne sie an der Stimme und dem Thema. «Die sind häufig gut betreut, aber einsam», sagt Guddal. «In solchen Fällen sehen wir uns als Ergänzung .»

Es müssen aber nicht die ganz grossen Lebenskrisen sein. Wenn jemand zu einem Problem einfach mal eine andere Meinung als die des Ehemannes oder der besten Freundin hören will, ist er bei der Dargebotenen Hand richtig. «Manche Anrufer wollen nur reden und brauchen keine Lösungsvorschläge», sagt Hofstetter. Die Kunst der Beratung sei, dass man nicht den Leuten nicht seine eigene Welt überstülpt, sondern erkenne, was diesem Menschen jetzt am ehesten helfen könnte.

«Das Wichtigste ist Zuhören und Verständnis zeigen.» Gemeinsam mit den Anrufenden wird geschaut, wie sie wieder in Kontakt mit ihren eigenen Ressourcen kommen, damit sie ihre Probleme selbst bewältigen können. Falls nötig, erhalten sie die Adressen weiterführender Fachstellen . Dass man rund um die Uhr anonym zum Telefon greifen kann, mache das Angebot sehr niederschwellig. «Das ist in der Beratungslandschaft einzigartig», so Hofstetter.

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Erstellt: 08.06.2016, 15:49 Uhr

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